Irgendwann hat Sebastian Schmidt dann doch noch den dicken schwarzen Stift gezückt. Schwungvoll setzte er seinen Namen auf das eigene Bild und das seines Teams, fügte hier noch eine Widmung, dort noch einen Gruß dazu. Die Umstehenden schauten beeindruckt auf zu dem muskelbepackten 1,89-Meter-Mann, der in der Mittagspause der Wiesbadener Herbstregatta so freundlich mit ihnen und so freigiebig mit seinem Namenszug umging.
Den Rummel um seine Person würde der 24 Jahre alte Ruderer allerdings lieber meiden. Auch wenn es ihn, wie er sagt, schon ein bisschen stolz macht, dass er nach seinem Sieg mit dem Deutschlandachter bei der Weltmeisterschaft vor zwei Wochen in Posen auch außerhalb von Ruderkreisen erkannt wird. Vom Wachpersonal am Flughafen beispielsweise, das ihn und seinem Teamkollegen Richard Schmidt nach der Rückkehr aus Polen auf Irrwegen nach draußen führte, da der Terminal wegen einer Bombendrohung abgesperrt war. Oder in der Mainzer Uniklinik, wo der Medizinstudent gerade ein Praktikum absolviert.
Sechs Wochen, die der Sportler des Mainzer RV endlich mal wieder in der Heimat verbringen kann. In denen der in Dortmund trainierende und in Bochum studierende Wiesbadener sein altes Zimmer in einer Gustavsburger WG bezogen hat, das er ansonsten als "Abstellkammer" nutzt.
Der Trip in die heimischen Gefilde hat Schmidt am Wochenende auch zur Regatta seines alten Vereins RG Biebrich geführt, wo er im Mainzer Achter und mit dem rheinland-pfälzischen Landestrainer und ehemaligen Weltmeister Robert Sens im Zweier startete. Die Wiesbadener hatte Schmidt vor acht Jahren verlassen, um die bessere Förderung auf der anderen Seite des Rheins zu nutzen. Dennoch pflegt er nach anfänglichen Irritationen bis heute ein gutes Verhältnis zu ihnen. Auch deshalb stieg er im Schiersteiner Hafen ins Boot, obwohl er die Ruder derzeit ruhen lassen darf und sogar soll.
Doch: "Erholung sieht anders aus." Mehr als fünf Tage Urlaub mit der Freundin in der Schweiz seien nach der WM nicht drin gewesen. Schließlich gilt es neben den sportlichen auch den studentischen Pflichten nachzukommen. Beim Kluburlaub "Champion des Jahres", zu dem die besten deutschen Sportler alljährlich geladen sind, wird die Achterriege allerdings vollständig in die Türkei reisen. Nur faul in der Sonne liegen darf sie dort aber nicht. Trainer Ralf Holtmeyer hat ab Freitag schon wieder Training angesagt. Anfang Oktober wartet beim Hanse Cup in Rendsburg die traditionelle Wiederauflage des WM-Finals mit dem US-Boot als Zusatzkonkurrenz. Eine Schlappe bei dem zwölf Kilometer langen Rennen dort soll der Weltmeister natürlich nicht kassieren.
Auch sonst wird sich Schmidt "auf keinen Fall" auf seinen noch frischen Lorbeeren ausruhen. Wie alle anderen wird der Schlagmann des Deutschlandachters alljährlich wieder um einen Platz im Flaggschiff kämpfen müssen. Zudem glaubt Trainer Holtmeyer, dass die individuelle Leistungsfähigkeit seiner Ruderer noch nicht ausgereizt ist. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2012 in London besteht also noch Steigerungspotenzial.