Reise
Nachrichten und Service zu allen Fragen rund ums Reisen, Urlaub und Hotels sowie Reportagen und skurrile Geschichten aus aller Welt

28. November 2012

Kultur: Niemals ein grüner Hut

 Von Petra Pluwatsch
Die Große Mauer bei Badaling-Paß, Peking, China Foto: picture-alliance / Bildagentur H

Wie benimmt man sich richtig in China? In Köln lässt sich das in Chinability-Kursen lernen

Drucken per Mail
Köln –  

Tragen Sie in China nie, nie, nie einen grünen Hut. „Grün ist die Farbe der Eifersucht. Wenn Sie eine grüne Kopfbedeckung aufhaben, heißt das, dass Ihnen jemand Hörner aufgesetzt hat“, sagt Susanne Preuschoff.
Spießen Sie nie, nie nie Ihre benutzten Essstäbchen in den Reis, wenn Sie einmal nicht wissen, wohin mit den Dingern. „Das erinnert in China an ein Trauerritual.“

Steigendes Interesse

China ist nach den USA der zweitwichtigste deutsche Exportmarkt außerhalb Europas. Umgekehrt ist Deutschland mit Abstand Chinas größter Handelspartner in Europa.

Auch im Tourismus zeigt sich das wachsende gegenseitige Interesse. 637 000 Deutsche, so viele wie nie zuvor, besuchten 2011 China, Tendenz in diesem Jahr weiter steigend. Und Chinesen bilden in Deutschland mit Abstand die größte Gruppe von Touristen aus Asien. Von 2004 bis 2011 hat sich die Zahl der Übernachtungen chinesischer Gäste in Deutschland verdreifacht. Sie liegt nun bei 1,3 Millionen pro Jahr.

Und wenn in Peking oder Shanghai ein Geschäft mit Preisnachlässen von 70 Prozent lockt – glauben Sie bloß nicht, dass Sie einen entsprechend hohen Rabatt bekommen. „Sie werden diese 70 Prozent zahlen, statt sie zu sparen“, weiss Susanne Preuschoff. Und die kennt sich aus im Reich der Mitte: Sinologiestudium, mehrmonatige Studienaufenthalte in China, Autorin des Buches „Chinability“, was soviel heißt wie: „Die Fähigkeit, in China klarzukommen“. Seit fünf Jahren arbeitet die 47-Jährige als „Koordinatorin Asien“ für das Akademische Auslandsamt der Uni Köln und schult nebenbei in Chinability-Seminaren bleichhäutige Langnasen im Umgang mit der fremden Kultur.

Reiseerfahrung reicht nicht

„Reiseerfahrung und theoretisches Wissen allein reichen nicht aus, um eine andere Kultur zu verstehen“, doziert sie. 15 Chinainteressierte, die Mehrzahl Angestellte der Stadt Köln, sitzen an diesem Vormittag vor ihr und Mitreferentin Yuan He, um sich in vier Stunden chinakompatibel trimmen zu lassen. „Erst durch die Interaktion von beidem und durch Selbstreflektion entsteht Kompetenz.“

Das Programm, ein Mix aus Informationen und praktischen Übungen, ist umfangreich: Geschichte, Kultur, Religion, Schrift und Sprache, Benimm- und Verhaltensregeln. Wie viele Anlaute hat die chinesische Hochsprache? (Es sind 23). Wie viele Auslaute hat sie? (25). Darf man Besucher mit einem Wangenkuss begrüßen? (Um Gottes Willen, nein!). Wo in einer Tischrunde sitzt in China der Rangniedrigste? (Mit dem Rücken zur Tür). Am Ende des Vormittags winkt den Chinability-Absolventen eine Teilnahmebescheinigung an der Fortbildungsmaßnahme „Förderung der Chinakompetenzen“.

Bill Murray hebt verzweifelt ein Whiskyglas in die Kamera. Ein junger Japaner schreit auf ihn ein. „Cut, cut, cut.“ Ratlos lässt Murray sein Glas wieder sinken. Die Szene stammt aus dem Film „Lost in Translation“, er erzählt die Geschichte eines US-Schauspielers, der in Japan einen Werbespot für eine Whiskymarke drehen soll. Müde, Jetlag, keine Ahnung von der Sprache – die Sache geht schief.

„Fremdheit macht etwas mit uns“, sagt Preuschoff, und manch einer in der Runde nickt. Ja, genau. So fühlt es sich an, wenn man hineinfällt in ein unbekanntes Land. Wenn man die fremden Gesten, die Mimik nicht zu deuten weiß und das eigene kulturelle Rüstzeug plötzlich keinen Cent mehr wert ist.

Ein chinesischer Soldat steht auf dem Tiananmen-Platz in Peking vor einem überdimensionierten Plakat von Mao Tsetung, dem Gründer der Volksrepublik China
Ein chinesischer Soldat steht auf dem Tiananmen-Platz in Peking vor einem überdimensionierten Plakat von Mao Tsetung, dem Gründer der Volksrepublik China
Foto:  dpa

Er habe gelernt, mit dem Glas tief unten anzustoßen, erinnert sich Gerd Conrads, Chinabeauftragter des Kölner Kulturdezernats an seinen ersten Besuch. Dass man in China seine Visitenkarte beherzt mit beiden Händen überreicht statt mit zwei spitzen Fingern, auch das hat er erfahren. Dennoch ist er sich sicher, dass er bei seinem Besuch „den ein oder anderen Fettnapf betreten“ hat. Jetzt hofft er „auf Tipps und Gedankenanstöße“, um in Zukunft Fauxpas zu vermeiden.

Auch Kursteilnehmerin Monika Stützigen will ihr Wissen vertiefen. Die Kita-Leiterin hat kürzlich an einem Jugendaustausch zwischen Köln und Peking teilgenommen. Seitdem hält sie Kontakt zu einer chinesischen Kindertagesstätte. „Wir schicken uns Mails und Fotobücher.“ Demnächst will sie mit ihren Kita-Kindern das Thema „Land und Leute“ erarbeiten.

„Die Chinesen sind mir sehr fremd und distanziert vorgekommen“, erinnert sie sich an ihren Besuch, der geprägt war von einem straffen Sightseeing-Programm. Im Kurs hat sie gelernt, dass es für Chinesen ein Akt der Höflichkeit ist, Fremden so viel wie möglich von ihrer Heimat zu zeigen.

„Man muss ein Land lesen lernen“, sagt Preuschoff. Codes entziffern, Rituale entschlüsseln, die eigenen Verhaltensweisen überdenken – all das ist wichtiger denn je in einer globalisierten Welt. Interkulturelle Fallen lauerten vor allem in Bereichen, in denen es um Hierarchien und offizielle Anlässe oder um private Dinge wie Mann-Frau-Beziehungen gehe. Wer begrüßt wen als ersten, wer bezahlt an der Bar den Kaffee und darf man als Gast sagen, dass man müde ist?

Biogemüse vom Dach: Im Betondschungel von Hongkong bauen die Bewohner frisches Grün an.
Biogemüse vom Dach: Im Betondschungel von Hongkong bauen die Bewohner frisches Grün an.
Foto: afp/PHILIPPE LOPEZ

Längst bieten im Internet Personal Trainer „Interkulturelles Coaching“ für die Mitarbeiter deutscher Firmen im Ausland an, um sie auf den Kulturschock vorzubereiten. Die meisten Angebote beinhalten auch Trainingseinheiten für die ausländischen Kollegen, denn die müssen ihrerseits auf die Besonderheiten der Deutschen eingestimmt werden.

„Vorsicht“, warnt ein junger Blogger aus den USA, dessen Text Preuschoff mit feinem Lächeln verteilt. „Das erste, was du wissen musst, wenn du in Deutschland überleben willst: Die Deutschen sind brutal ehrlich. Überall auf der Welt lernen Kinder, dass man manche Dinge besser für sich behält. In Deutschland ist diese Kultur der barmherzigen Lügen unbekannt. Die Deutschen haben einfach nicht das Talent dazu. Wenn du ein paar Pfund zu viel hast, werden dir 75 Prozent deiner deutschen Freunde mindestens einmal unter die Nase reiben, dass du zu fett bist.“

Wie sollte man sich als Besucher in China verhalten, damit man ein solches Lächeln geschenkt bekommt? Den China-Knigge schrieb Susanne Preuschoff.
Wie sollte man sich als Besucher in China verhalten, damit man ein solches Lächeln geschenkt bekommt? Den "China-Knigge" schrieb Susanne Preuschoff.
Foto: dpa

Auch die Chinesen fürchteten inzwischen die brutale deutsche Ehrlichkeit, mit der auf Menschenrechtsverletzungen angesprochen werden, sagt Preuschoff. „Politische Grundsatzdiskussionen sind tabu. Die Konversation sollte sich auf Privates beschränken.“

Affront lautes Schneuzen

Und es kommt noch schlimmer. Deutsche schauen ihrem Gegenüber direkt in die Augen, was als extrem unhöflich gilt. Sie drängen jedem zur Begrüßung einen Händedruck auf – und sie schnäuzen sich beim Essen die Nase. Anschließend stecken sie das Taschentuch zurück in die Hosentasche, als handle es sich dabei um ein harmloses Fetzchen Bonbonpapier.

So soll Chinas höchster Wolkenkratzer in Shanghai, den Shanghai Tower, demnächst aussehen. (Fotomontage)
So soll Chinas höchster Wolkenkratzer in Shanghai, den Shanghai Tower, demnächst aussehen. (Fotomontage)
Foto: dpa

„Chinesen empfinden dieses Schnäuzen bei Tisch als extrem eklig“, klärt Preuschoff die Seminarteilnehmer auf, während ihre chinesische Mitreferentin die Nase rümpft. Yuan He war 17, als sie das erste Mal als Austauschschülerin aus Peking nach Deutschland kam. Heute ist sie 27 und arbeitet freiberuflich als Dolmetscherin beim Internationalen Büro der Stadt Köln. An das laute Naseschnäuzen der Deutschen hat sie sich bis heute nicht gewöhnt. Sie selber senkt inzwischen beim Sprechen die Stimme, um ihre deutschen Kollegen nicht zu verunsichern. „Wir Chinesen reden alle sehr laut. Für Fremde hört sich das dann oft so an, als würden wir uns streiten.“

Jetzt kommentieren

Ressort

Bilder und Berichte von den schönsten Urlaubszielen, Reisetipps für Ihre Traumreise


Reisewetter
Reisewetter
Videonachrichten Reise
Weblog

Hier wird das alte Frankfurt lebendig: Welche Ereignisse waren einst Stadtgespräch am Main? Zeitzeugenberichte und Hintergrundinformationen rund um die Frankfurter Stadtgeschichte.

Weblog

Er ist Ihr Mann in der FR-Redaktion: Bei Bronski zählt Ihre Meinung. Diskutieren Sie online mit.