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Psychotherapie: „Den Finger in die Wunde legen“

Jürgen Hardt, Präsident der Psychotherapeutenkammer, fürchtet eine gespaltene Gesellschaft. Und deshalb wird er sich weiter einmischen, auch wenn er aus Altersgründen als Präsident ausscheiden wird. Und Beispiele, wo das nötig ist, findet Hardt genug.

Jürgen Hardt wird sich weiter einmischen.
Jürgen Hardt wird sich weiter einmischen.
Foto: Michael Schick

Geld löst nicht alle Probleme. Denn es liegt selten an der Bezahlung, dass Ärzte und Pflegekräfte in den Kliniken fehlen. Meist sind es die unerträglichen Arbeitsbedingungen, die für die Abwanderungen verantwortlich sind. Wer täglich mit Tod und Krankheit konfrontiert ist, braucht regelmäßige Supervision, fordert Jürgen Hardt. Überzeugen konnte der Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen die Landespolitiker bei der Anhörung zum Krankenhausgesetz davon nicht. Doch so leicht gibt der hartnäckige Mann mit der ruhigen Stimme nicht auf. „Das Projekt Psychohygiene im Krankenhaus werde ich weiterverfolgen, Sponsoren dafür suchen“, verspricht der 67-Jährige. Und nicht nur das: Ob es um sexuellen Missbrauch geht, Spielsucht oder die Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Er wird sich weiterhin einmischen. Auch nachdem er im September aus Altersgründen als Präsident ausscheiden wird.

Vor Fehlentwicklung warnen

Die Kammer

Vor zehn Jahren wurde die Psychotherapie aufgewertet und bekam als Heilberuf eine eigene Kammer. Präsident war bislang Jürgen Hardt.

In Hessen vertritt sie 4000 Mitglieder, darunter auch Auszubildende im praktischen Teil.

In ihren Grundsätzen verpflichtet sie sich zum Einmischen in öffentliche Diskurse: „Dabei geht es darum, auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam zu machen, die die psychische Entwicklung behindern, psychisches Leid mit hervorbringen und psychische Krankheit befördern.“ jur



Hardt sitzt in seinem Büro in einem Wiesbadener Altbau der Jahrhundertwende. Über ihm das Kunstwerk, in dem eine Iranerin ihre Familiengeschichte aufgearbeitet hat und das farblich optimal zu dem mit Gas betriebenen Kachelofen passt. Auf dem Sims ein kleines, handsigniertes Bild von Josef Beuys, das er während des Studiums in Köln erwarb. „Seelische Erkrankungen“, sagt er, „sind immer gesellschaftlich mitbedingt“. Deshalb, so der Psychoanalytiker aus Wetzlar, fühlt er sich verpflichtet, den Finger in die Wunde zu legen, vor Fehlentwicklungen zu warnen. Er nennt Beispiele: „Wir müssen die Verkürzung der Schulzeit kommentieren, weil den Schülern wegen G8 kaum mehr Zeit zum Ausruhen bleibt.“ Im nächsten Satz gleich das nächste Thema: Es sei zu erwarten, dass der Missbrauch von Kindern zunehmen werde – wegen der „zunehmenden Sexualisierung und der Auflösung der Generationsschranken“. Was er damit meint? Den Pornomarkt und den Trend dazu, dass Mütter und Töchter sich aufführten wie Freundinnen. Die Grenzen seien manchmal nicht mehr sichtbar. „Doch Kinder sind überfordert mit der Lebenswelt ihrer Eltern.“ Er sei ein Alt-68er, betont Hardt, predige keineswegs Prüderie. „Doch man darf die natürliche Ausstattung des Menschen nicht aus den Augen verlieren.“ Kinder empfänden anders als Erwachsene. Was für sie Zärtlichkeit sei, sei für Große Sex. Hardt beobachtet gesellschaftliche Trends, analysiert sie, zeigt ihre Folgen und möglichen Lösungen auf. Manchmal sind seine Äußerungen unpopulär – etwa als er in der heißen Diskussionsphase um Missbrauch an Internaten und durch Priester ein niedrigschwelliges Hilfsnetz für potenzielle Täter forderte; dann komme es erst gar nicht zu Übergriffen. Manchmal gelingt es ihm aber auch, den Politikern die Augen zu öffnen. Das war bei der Debatte über die Novellierung des Spielhallengesetzes so, sagt er. Ein von den Grünen vorgeschlagenes Werbeverbot an den Gebäuden werde die Sucht nicht eindämmen, meinte Hardt. Es habe nur einen Effekt: Das Problem werde der öffentlichen Wahrnehmung entzogen.

Es gibt viele Entwicklungen, zu denen er etwas zu sagen hat: Die Reizüberflutung von Kindern durch Fernsehen und neue Medien. Der Mangel an Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Doch seine größte Sorge gilt derzeit der Spaltung der Gesellschaft, die er am Gesundheitswesen festmacht.

Die Bereitschaft zu helfen, Mitleidsfähigkeit und das Kollektiv seien Grundlage einer kultivierten Gesellschaft. „Die gemeinsame Krankenversorgung spielt schon in einfachen Kulturen eine Rolle.“ Dem gegenüber stünde der von der Politik gewollte Wettbewerb und das Fördern von Egoismen. „Das ist eine mutwillige Zerstörung der ethischen Grundlagen der Solidarität.“

Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  23 | 7 | 2011
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