Herr Kuther, ist in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Hessen die Wohlfühltemperatur erreicht?
Man kann sicher immer noch einen Scheit Holz drauflegen, um es ein bisschen molliger zu machen. Aber in den vergangenen drei Jahren, die wir mit unseren Befragungen erfassen, hat sich einiges zum Besseren verändert.
Ulrich Kuther ist Geschäftsführer der Hessenstiftung mit Sitz in Bensheim.
Zweck der Stiftung ist, Familien das Leben einfacher zu machen. Sie startet und begleitet Projekte wie das „Barometer Familienfreundlichkeit“, die Initiative „Kicken & Lesen“ oder die Begleitung von jungen Eltern durch speziell ausgebildete Hebammen.
Mit zehn Millionen Euro hat das Land die Stiftung ausgestattet. Hinzu kommen Spenden. (pgh)
Was ist besser geworden?
Wir hatten befürchtet, wegen der Wirtschaftskrise würde Familienfreundlichkeit in den Unternehmen hinten runter fallen. Aber das Thema ist immer noch da – es zählt sogar zu den bestimmenden Themen, wenn es um die Zukunftschancen der Firmen geht.
War die Krise zu kurz, um das wärmende Feuer der Familienfreundlichkeit zu löschen?
Nein. Es ist den Personalchefs und Inhabern klar geworden, dass sie Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten müssen, um die immer knapper werdenden Fach- und Führungskräfte zu halten oder neue zu bekommen. Da treibt die Demografie, die zurückgehende Zahl von Schulabgängern, das Thema voran. Und Mitarbeiter fordern immer stärker ihre Wünsche ein.
Wo sind Verbesserungen spürbar?
Es ist zum Beispiel der Anteil jener Firmen gewachsen, die Arbeitszeiten flexibel regeln. Damit kommen sie dem größten Wunsch von Eltern nach. Da ist eher die Frage, ob es im Kollegenkreis akzeptiert ist, wenn jemand früher geht oder später kommt, weil er oder sie sich noch um die Kinder kümmert.
Sind wir also dort, wo das Scheit Holz nachgelegt werden muss?
Es ist wichtig, dass der Kollegenneid nachlässt. Dass nicht mehr nur geschaut wird, bei wem brennt noch Licht und wer ist schon weg. Es muss selbstverständlich werden, dass alles noch viel individueller wird und doch klar ist, dass jeder seinen Teil zum Erfolg des Teams beiträgt.
Wer muss diesen Mentalitätswandel vorantreiben?
Das sind die Führungskräfte, die ja beidem gerecht werden müssen: den Wünschen und Bedürfnissen der Mitarbeiter und den Leistungsanforderungen der Firma. Gute Beispiele, die zeigen, wo dies gelingt, helfen dabei sicher und müssen im Unternehmen bekannt gemacht werden. Helfen kann auch, wenn Führungskräfte selbst Modelle vorleben – etwa, wenn sie ihre Führungsaufgabe im Job-Sharing oder in Teilzeit wahrnehmen.
Familienfreundlichkeit wird zumeist übersetzt mit Betreuung und Erziehung von Kindern. Welche Rolle spielt heute schon die Pflege alter und kranker Angehöriger?
Das wird ganz stark zunehmen. Bislang aber gibt es erst wenig Ansätze, wie damit in Unternehmen umgegangen werden kann. Es fällt Mitarbeitern auch häufig schwer, den Wunsch nach Vereinbarkeit in dieser Hinsicht vorzutragen. Das Foto des lächelnden Kindes auf dem Schreibtisch zeigt man gern vor, die demenzkranke Mutter nicht.
Und bei der nächsten Krise wird es fünf Grad kälter für Eltern?
Glaube ich nicht. Die Notwendigkeit, gute Mitarbeiter an die eigene Firma zu binden, wird bleiben und an Bedeutung sogar noch gewinnen.
Interview: Peter Hanack

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