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Notfallseelsorge: „Ein Gefühl der extremen Hilflosigkeit“

Jürgen Hardt, Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen, plädiert dafür die Notfallbetreuung zu erweitern - um eine psychologische Hilfe. Der Psychotherapeut erklärt im FR-Gespräch die Gefahren eines Traumas und wie den Menschen besser geholfen werden kann.

Jürgen Hardt ist Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen.
Jürgen Hardt ist Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen.
Foto: privat

Herr Hardt, Hessen will eine flächendeckende psychosoziale Notfallversorgung aufbauen. Eine Konkurrenz zur Notfallseelsorge?

Nein, eine Ergänzung. Notfallseelsorge ist sehr hilfreich, kann Trost bieten, Betreuung bei überwältigenden Ereignissen wie Verlust und Tod. Der Sinn von Religion als kulturelle Institution ist ja, in der Lebensnot Hilfe anzubieten.

Hilfe bei Krisen

Psychosoziale Notfallversorgung ist der Überbegriff für alle Angebote, die bei Unglücken den Einsatzkräften und betroffenen Personen helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Dazu gehören Seelsorge und Kriseninterventionsdienst.

Die Trägerschaft ist in Hessen je nach Landkreis beziehungsweise kreisfreier Stadt unterschiedlich organisiert. Grund ist, dass die ökumenische Notfallseelsorge aus der Basis gewachsen ist.

In Frankfurt etwa befindet sich die ökumenisch arbeitende Notfallseelsorge in reiner Trägerschaft der evangelischen Kirche. Sie kooperiert eng mit Branddirektion, Polizei, Arbeiter-Samariter-Bund, DRK, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, Bundespolizei.

Andernorts tragen Hilfsorganisationen die Verantwortung für die Krisenintervention – etwa das DRK im Hochtaunuskreis, Feuerwehren, Malteser oder Johanniter. Die Notfallseelsorger werden von den Leitstellen der Rettungsdienste alarmiert und arbeiten eng mit ihnen zusammen. jur

Und der Psychotherapeut?

Wir gehen von dem Begriff Trauma aus. Die alltäglichen Bewältigungsmechanismen sind von der Situation überfordert und brechen zusammen.

Was sind das für alltägliche Bewältigungstechniken?

Man kann sagen: Das passiert mal, oder es gibt auch noch anderes, was wichtig ist. In extrem traumatischen Situationen fließt alles in einen Punkt zusammen und es gibt keinen Ausweg mehr. Man hat das Gefühl des extremen Ausgeliefertseins und der extremen Hilflosigkeit und keine eigenen psychischen Mechanismen, damit umzugehen.

Liegt das an der mangelnden Erfahrung?

Und der fehlenden Erwartung. Wir stellen uns nicht vor, dass ein Luftschiff plötzlich vom Himmel fällt. Wir nehmen zwar an, dass es passieren könnte, aber diese extreme Situation übersteigt alle Erwartung und Angstbereitschaft. Angst ist ein gesunder Mechanismus, der hilft, zu erwartende Gefahren wahrzunehmen und uns darauf einzustellen. In einer Ex-tremsituation haben wir keine Zeit, Angst zu entwickeln, sondern werden überfordert und überwältigt.

Wie äußert sich die Konfrontation mit dieser traumatischen Situation?

Der Mensch reagiert fassungslos. In einer solchen Situation ist mehr als Trost notwendig, nämlich schnelle psychotherapeutische Hilfe. Sonst setzen zum Selbstschutz pathologische Mechanismen ein wie völlige Abspaltung oder Isolierung. Das traumatische Erlebnis lebt dann weiter, ist aber aus dem psychischen Verkehr entzogen. Der Mensch leidet nicht mehr, das Trauma wird isoliert.

Meinen Sie damit, er verdrängt es?

Das geht so blitzschnell, dass keine Verdrängung mehr einsetzt. Eher wie ein Riss, eine Lücke, posttraumatische Störungen isolieren vom Bewusstsein, spalten vom Bewusstsein ab und leben unverändert weiter. Es kann passieren, dass ein traumatisches Erlebnis zeitversetzt zu seelischen Störungen führt.

Sind das die Leute, die sofort sagen: Ich brauche keine fremde Hilfe?

Es gibt Leute, die auf ein schlimmes Erlebnis völlig geordnet reagieren, die sagen: Mir geht es prima. Um zu beurteilen, was an krankhafter Bewältigung einsetzt, bedarf es guter fachlicher Kenntnisse. Es kann hilfreich sein, wenn man gewisse Dinge nicht zur Kenntnis nimmt. Aber wenn ein gewisses Maß überschritten ist, führt die Abspaltung zu einem Nebenkriegsschauplatz, der unserem Bewusstsein versperrt ist und dort geht es weiter.

Nehmen wir das Beispiel tödlicher Autounfall. Brauchen Zeugen denn immer Hilfe von einem Profi?

Es kommt darauf an, was jemand an Bewältigungsmechanismen zur Verfügung hat. Wenn er zum ersten Mal mit dem Tod zu tun hat, ist dies vielleicht ein furchtbares Erlebnis. Es gibt freilich extreme Traumatisierungen, die alle Bewältigungsmöglichkeiten übersteigern.

Was bedeutet das?

Bei der Notfallpsychotherapie gehen wir von solchen Extremsituationen aus, bei denen nicht zu erwarten ist, dass man das mit einer normalen Ausstattung bewältigen kann.

Wie können Sie dann helfen? Skizzieren Sie bitte kurz ihre Vorstellungen einer idealen psychosoziale Versorgung in Krisen und Notfällen.

Ein gut ausgebildeter Pfarrer, der tröstet, der das Gefühl gibt, nicht ganz alleine zu sein, ist eine Riesenhilfe. Der Seelsorger verkörpert, dass das Leben weitergeht. Das ist sehr, sehr wichtig. Was ein Psychotherapeut darüber hinaus leisten müsste, ist sich das psychische Erscheinungsbild anzusehen. Ist jemand apathisch, aufgelöst, fassungslos? Fängt er gleich an, andere zu beschuldigen? Es geht darum zu beobachten, welche Formen der Bewältigung genutzt werden und ob diese sich eignen oder zu weiteren Schädigungen führen und zu psychotherapeutischen Interventionen Anlass geben.

Interview: Jutta Rippegather

Datum:  2 | 7 | 2011
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