Herr Professor Greß, statistisch gesehen ist die Arztdichte in Hessen geringer als in Rheinland-Pfalz oder Brandenburg. Sind denn die Hessen schlechter versorgt?
Im Grundsatz ist die Versorgung, insbesondere die hausärztliche, nicht schlechter oder besser als im Bundesgebiet.
Gleichwohl sind mehr als 40 Hausarztsitze nicht besetzt – vor allem im Odenwald, in Ost- oder Nordhessen. Besteht dringender Handlungsbedarf?
Er steigt langsam an, in manchen Regionen besteht er schon. Immer mehr Hausarztsitze können nicht mehr besetzt werden, weil ihre Inhaber überdurchschnittlich alt sind, in den nächsten fünf bis zehn Jahren ausscheiden und nur schwer Nachfolger finden. Unter anderem auch, weil die nachwachsende Ärztegeneration Wert auf eine ausgewogenes Balance von Leben und Arbeit legt.
Landesregierung, Kassenärztliche Vereinigungen (KV) oder Kommunen setzen vor allem auf finanzielle Anreize, um Ärzte aufs Land zu locken. Reicht das also nicht?
In dem einen oder anderen Fall mag das funktionieren. Grundsätzlich ist das nicht die Lösung. Es geht um die Arbeitsbedingungen, den Anspruch an Infrastruktur wie Kinderbetreuung. Der Partner oder die Partnerin wollen einen Job, Notdienste müssen zentral organisiert werden.
Sind die Einzelpraxen auf dem platten Land Auslaufmodelle?
Ein dezentrales Modell mag in bestimmten Regionen auch künftig funktionieren, wenn man die entsprechenden Leute hat. Allerdings wird aus meiner Sicht der Trend zur Konzentration von Versorgungseinrichtungen an zentralen Orten gehen. Wir schlagen vor, dass sogenannte regionale Versorgungskonferenzen zum Beispiel primärärztliche Zentren einrichten und Versorgungsangebote dort konzentrieren. Die dort arbeitenden Ärzte können dezentrale Zweigpraxen gründen, die Kommunen Fahrdienste in die Zentren organisieren.
Gehört dazu auch die in Ostdeutschland bereits tätige fortgebildete Pflegekraft, die – wie einst die Gemeindeschwester – auch ärztliche Aufgaben übernimmt?
Nicht-ärztliche Gesundheitsberufe sollen eingebunden sein, bis hin dazu, dass sie ärztliche Tätigkeiten übernehmen – beispielsweise das Fallmanagement, die Verbesserung der Arzneimittelsicherheit oder Sturzprophylaxe in der häuslichen Umgebung. Die beiden wesentlichen Voraussetzungen: Diese Kräfte müssen entsprechen qualifiziert und bezahlt werden. Momentan ist die Vergütung nicht kostendeckend.
Stefan Greß hat mit Klaus Stegmüller das Zukunftskonzept „Gesundheitliche Versorgung in Stadt und Land“ entwickelt. Auftraggeber war das Landesbüro der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Professoren lehren an der Hochschule Fulda, Fachbereich Pflege und Gesundheit.
Regionale Konferenzen sollen die Versorgung sicherstellen. Mitglieder sind Kommunen, Kostenträger, Krankenhäuser, Ärzte. Sie besitzen ein eigenes Budget und können gegen Über- und Unterversorgung vorgehen.
Experten wollen die Studie am 10. März in Frankfurt diskutieren. Mehr Infos: www.fes.de/hessen (jur)
Unterversorgung existiert auch in Ballungszentren – in gewissen Stadtteilen, wo kaum Privatversicherte leben.
Zahlen für Hessen gibt es dazu leider nicht. Aber wir haben Erhebungen aus Köln, die wahrscheinlich auf Frankfurt übertragbar sind. Dort gibt es bezüglich der Versorgung mit Hausärzten und Kinderärzten erhebliche Unterschiede zwischen Stadtteilen mit einkommensstarken und einkommensschwachen Bewohnern.
Wo ist das Problem? Ich kann doch mit dem Bus ganz einfach in einen anderen Stadtteil fahren.
Es gibt zwar keine Barrieren durch mangelnden Personennahverkehr, aber andere Zugangsbarrieren. Bewohner eines Stadtteils mit einem hohen Anteil an Migranten oder sozial Schwachen wollen nicht in einen Stadtteil gehen, wo im Wartezimmer ganz andere Leute sitzen und die Ärzte vielleicht nicht gewohnt sind, mit diesen Menschen umzugehen. Deshalb ist es wichtig, dass zumindest die Grundversorgung vor Ort stattfindet.
Was ist die Lösung?
Die von uns vorgeschlagenen Versorgungskonferenzen, in denen auch die Kommunen sitzen, entscheiden vor Ort, wie so etwas organisiert werden kann. Sie haben die Möglichkeit, Versorgungszentren zu gründen, in denen zum Beispiel auch soziale Dienste arbeiten.
Wir sprechen die ganze Zeit von Unterversorgung. Was ist mit der Überversorgung in Regionen oder Ortsteilen mit gut betuchten Bewohnern?
Wir schlagen vor, dass ein Kassensitz in einer überversorgten Region nicht mehr besetzt wird, wenn der Inhaber in den Ruhestand geht. Als flankierende Maßnahme fordern wir, die unterschiedlichen Vergütungsniveaus von gesetzlichen und privaten Versicherungen anzugleichen. Für die Ärzteschaft wäre das einkommensneutral, würde aber zur Umverteilung zugunsten unterversorgter Regionen führen.
Eigentlich haben die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) dafür zu sorgen, dass es weder Unter- noch Überversorgung gibt. Ist dieses System nicht mehr zeitgemäß?
Jeder vertritt einen eigenen Sektor. Die KV, die niedergelassenen Ärzte, die Bundesländer die Krankenhäuser. Wir plädieren für ein sektorübergreifendes Gremium, das den Bedarf koordiniert.
Dieses Gremium nennen Sie Versorgungskonferenzen. Welchen Vorteil versprechen Sie sich von der Mitwirkung der Kommunen?
Manche Kommunen bemühen sich bereits, bieten Fahrdienste an, finanzielle Anreize. Aber das ist nicht koordiniert mit dem, was die Bundesländer mit der Krankenhausplanung und die KVen beziehungsweise Krankenkassen über die Bedarfsplanung versuchen. Es geht darum, gemeinsame Lösungen zu entwickeln.
Hessens Landesregierung setzt im neuen Krankenhausgesetz auf Gesundheitskonferenzen, in denen auch die Kommunen und die KVen vertreten sind. Was ist der Unterschied zu Ihren Versorgungskonferenzen?
Die Gesundheitskonferenzen sind nicht mit eigenständigen Kompetenzen ausgestattet, auch nicht mit eigenständigen Finanzmitteln. Der dritte Unterschied: Die Versorgungsgebiete sind zu großflächig, als dass man zu regional adäquaten Lösungen kommen könnte.
Interview: Jutta Rippegather

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