Herr Schäfer-Gümbel, seit mehreren Jahren ist an den hessischen Gymnasien das Turbo-Abi G8 eingeführt, mit einer Schulzeit von zwölf statt 13 Jahren bis zum Abi. Warum wollen Sie das zurückdrehen?
Weil G8 nicht erfolgreich und sinnvoll war. Wir sehen nach wie vor, dass der Stress bei Kindern, Lehrern und Eltern in der Sekundarstufe I sehr hoch ist. Er führt zu Belastungen, die wir in dieser Lebensphase für nicht akzeptabel halten.
Welche Befürchtungen haben sich bestätigt und welche nicht?
Ganz konkret: Der Landrat des Lahn-Dill-Kreises hat darauf hingewiesen, dass die Anmeldezahlen für Musikschulen und für die Jugendfeuerwehren seit der Einführung von G8 um mehr als zehn Prozent zurückgegangen sind. Das bestätigt uns in der Befürchtung, dass die Kinder durch den Leistungsdruck weniger Chancen haben, sich außerhalb der Schule zu engagieren. Das hat langfristig Folgen. An solchen Fragen entscheidet sich, wie wir zusammenleben. Ehrenamtliches Engagement ist Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kinder brauchen auch Zeit, gerade in der Pubertät. Wir wollen deshalb zurück zu G9. Aber im Einzelfall können Kinder auch in unserem Modell in zwölf Jahren ihr Abitur machen, durch die flexible Grundschule und durch eine Verkürzung in der Oberstufe.
Thorsten Schäfer-Gümbel will Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bei der nächsten Landtagswahl herausfordern, die Ende 2013 oder Anfang 2014 ansteht. Im Oktober soll ihn ein SPD-Parteitag in Kassel nominieren. Gegenkandidaten sind nicht in Sicht.
Der 41-jährige Politologe aus dem mittelhessischen Lich amtiert seit gut zwei Jahren als Partei- und Fraktionschef der hessischen SPD. Er folgte in beiden Ämtern auf Andrea Ypsilanti.
Spitzenkandidat war Schäfer-Gümbel bereits bei der Wahl 2009. Die angeschlagene SPD holte damals mit 23,7 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis. (pit)
Wahlfreiheit bieten die Gesamtschulen, die großenteils das Abi nach 13 Jahren anbieten. Warum sollen Eltern nicht wählen können zwischen diesem Weg und dem Gymnasium?
Es ist eine scheinbare Wahlmöglichkeit, die eigentlich gar keine ist. Viele Eltern sind durch die Veränderung am Arbeitsmarkt in großer Sorge, dass die Kinder nicht rechtzeitig ausgebildet sind.
Nehmen Sie den Eltern denn diese Ängste, wenn Sie entscheiden, dass die Kinder ein Jahr länger zur Schule gehen sollen als in anderen Bundesländern?
Ich bin davon überzeugt: ja. Wir müssen unseren Kindern Zeit geben, lernen zu können, und zwar auch jenseits von Fachwissen. Es geht auch um soziales Lernen. In der Arbeitswelt wird immer häufiger mehr Sozialkompetenz gefordert. In der Schule machen wir das genaue Gegenteil. Deswegen sagen wir: Wir sind die bildungspolitische Alternative. Wir halten den Weg mit G8 über die Schulzeitverkürzung in der Sekundarstufe I für falsch. Deswegen sind auch Wahlmöglichkeiten in diesem Bereich falsch.
Alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz haben das Turbo-Abi als Regel. Wollen Sie zwei Länder gegen den Rest der Republik stellen?
Wenn ein Bundesland wie Hessen voranschritte, diese falsche Entwicklung der Schulzeitverkürzung zurückzunehmen, würde das eine Debatte auch in anderen Bundesländern auslösen.
In der Bundes-CDU gibt es immer mehr Politiker, die Haupt- und Realschule zur gemeinsamen Oberschule zusammenführen wollen. Die Hessen-CDU ist dagegen. Ist die Hauptschule am Ende?
Die Hauptschule ist in dieser Form definitiv am Ende. Die hessische Union schafft es aber nicht, sich davon zu verabschieden, Kinder am Ende der vierten Klasse in Schubladen einzuteilen. Die Union kommt aus ihrem Klassendenken nicht heraus. Sie erkennt nicht, dass individuelle Förderung das Gebot der Stunde im Bildungssektor ist. Wir wollen, dass die Hausmeistertochter die gleichen Chancen bekommt wie der Sohn eines Bankmanagers.
Die Union vertritt die Auffassung, dass individuelle Förderung in unterschiedlichen Formen besser möglich sei.
Die Union redet zwar von individueller Förderung, teilt aber Schüler in vier Klassen ein: Gymnasium, Realschulen, Hauptschulen und Förderschulen. Wir setzen dem das pädagogische Prinzip der Gemeinschaftsschule entgegen. Ich breche eine Lanze für die Grundschule. Sie beweist, wie man im Klassenverbund sehr unterschiedliche Talente fördern kann. Das geht auch in allen anderen Schulformen. Das ist die Idee unserer Gemeinschaftsschule.
Mit Ihren Vorstellungen zu G8 und zur Gemeinschaftsschule würden Sie selbst in einer rot-grünen Wunschkoalition auf Schwierigkeiten stoßen, denn die Grünen wollen Schulen selbst über ihre Schulform entscheiden lassen und an G8 an den Gymnasien festhalten. Wer würde sich durchsetzen?
Die Frage, wer sich bildungspolitisch durchsetzt, steht bei der Landtagswahl zur Entscheidung. Wenn die SPD mit 40 Prozent die nächste Regierung führt und die Grünen bei zwölf liegen, ist diese Frage entschieden.
Entscheidet die Schulpolitik – wie so oft – auch die nächsten Landtagswahlen?
Ich glaube ja. Bildungspolitik ist das zentrale landespolitische Thema. Hessen hat eine lange Tradition, Fortschrittsgeber bei bildungspolitischen Themen zu sein. Da müssen wir Hessen wieder hinführen.
Interview: Pitt von Bebenburg

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