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17. August 2015

„Quer-Denken-Kongress“ in Friedberg: Treffen der Verschwörungstheoretiker

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Auch in Friedberg dabei: der rechte Autor Andreas Popp, hier auf einer Demo in Berlin.  Foto: Imago

Obskure Themen, rechte Kapitalismuskritik und eine Referentenliste, die sich wie das Who's who der deutschen Verschwörungstheoretiker liest: Gegen den „Quer-Denken-Kongress“ in Friedberg formiert sich ein breites Protestbündnis aus Parteien, Kirchen und linken Gruppen.

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Udo Ulfkotte, Andreas Popp und Christoph Hörstel: Die Liste der Referenten, die beim sogenannten „Quer-Denken-Kongress“ auftreten sollen, liest sich wie ein Who’s who der deutschen Verschwörungstheoretiker. Und die Themen, um die es am 31. Oktober und 1. November in der Stadthalle in Friedberg gehen soll, sind entsprechend obskur: Neben Vorträgen zu „Freier Energie“ kündigt Veranstalter Michael Vogt in einem Werbevideo Alternativen zum „Zinssystem“ an, das den Reichtum immer mehr „von Fleißig nach Reich“ verschiebe. Zudem werde „ein Vertreter eines mexikanischen Indianerstammes“ auftreten, der sein medizinisches Wissen „mit dem weißen Mann teilen möchte“.

Was auf den ersten Blick unfreiwillig komisch wirkt, ist nicht unbedenklich, denn der Kongress versammelt eine Mischung aus Verschwörungstheorien, Ressentiment und Esoterik. Organisator Michael Vogt, der bereits im vergangenen Jahr einen „Quer-Denken-Kongress“ in Neu-Isenburg veranstaltet hatte, hat sich 2012 in einem Manifest für die „Abschaffung des Parteienstaats“ und die „Herstellung wirklicher Volksherrschaft“ ausgesprochen, die BRD beschrieb er als „im Niedergang befindliches System“. Der PR-Berater Christoph Hörstel ist mit Schimpftiraden gegen Israel aufgefallen, das er als „Un-Staat“ ansieht – und behauptet, US-Geheimdienste steckten hinter den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Für derartigen Antiamerikanismus steht auch Andreas Popp, der Deutschland nach wie vor für ein besetztes Land hält und ansonsten rechte Kapitalismuskritik betreibt, indem er den „Zinseszins“ und die „Lobbyistenabteilungen des Weltfinanzsystems“ zum Grundübel der Welt erklärt.

Udo Ulfkotte hingegen hat mit „Gekaufte Journalisten“ und „Mekka Deutschland: Die stille Islamisierung“ zuletzt zwei verschwörungstheoretische Bestseller veröffentlicht. Komplettiert wird die Rednerliste von der umstrittenen Autorin Eva Herman und von Nigel Farage, Vorsitzender der rechtspopulistischen UK Independence Party (Ukip). Bei so viel Nähe zur politischen Rechten verwundert es nicht, dass sich in Friedberg bereits ein Bündnis aus Parteien, Kirchen und linken Gruppen bildet, um den Thesen der „Querdenker“ zu widersprechen.

"Einstieg ins rechte Denken"

Das Bündnis „Gegen geistige Brandstiftung“ plant eine Aktionswoche mit Veranstaltungen, Lesungen und einer Demonstration. „Wir halten diese Verschwörungstheorien für einen Einstieg in rechtes Denken“, sagt Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative. Manche Menschen, die durch die Krisen der Gegenwart verunsichert seien, könnten auf dem Kongress auf krude Gedanken kommen.

Auch die Jusos wollen den „Quer-Denken-Kongress“ nicht unkommentiert lassen. „Aus unserer Sicht ist das ein Zusammenschluss von rechten Spinnern“, sagt Kaweh Mansoori, Vorsitzender der Jusos Südhessen. Es sei nicht hinzunehmen, „dass da eine Plattform geboten wird für rechte Ideologie mit intellektuellem Anstrich“.

Ähnlich sieht es die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl, die sich ebenfalls an dem Gegenbündnis beteiligt. Die Redner des Kongresses betrieben „Stimmungsmache“ und versuchten, auf der politischen Welle der rechten Pegida-Bewegung mitzuschwimmen. „Da muss man präsent sein und aufzeigen, was das für eine Ideologie ist.“

Das nächste Treffen des Gegenbündnisses soll am kommenden Mittwoch in der Friedberger Stadtkirche stattfinden. „Es geht um Aufklärung gegen dieses Diffuse, das verunsicherte Menschen anspricht“, erklärt Pfarrerin Susanne Domnick ihr Engagement. Aus diesem Grunde sei sie schon 2009 bei den Protesten gegen einen NPD-Aufmarsch in Friedberg beteiligt gewesen.

Peter Ziehbarth, Erster Stadtrat von Friedberg, sagte der Frankfurter Rundschau auf Anfrage, es habe bei der Anmeldung des Kongresses keine Hinweise auf bedenkliche Inhalte gegeben. „Wir sind ein öffentliches Haus, wir müssen da zunächst unvoreingenommen herangehen“, sagte der CDU-Politiker. Er habe aber den hessischen Verfassungsschutz um eine Einschätzung des Kongresses gebeten. Sollte er Hinweise auf extremistische Inhalte erhalten, sagte Ziehbarth, behalte er sich weitere Schritte vor.

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