kalaydo.de Anzeigen

Von Neonazis überfallener Gewerkschafter: "Sie haben mir die Zähne rausgetreten"

Erstmals spricht der Gewerkschafter ausführlich darüber, wie er auf dem Rückweg von einer Demonstration gegen den Neonazi-Aufmarsch in Dresden von Nazis überfallen und ihm der Schädel gebrochen wurde - und was sich für ihn geändert hat.

Hinter der Polizeikette: Mehrere tausend linke Demonstranten versuchen im vergangenen Februar, einen geplanten Gedenkmarsch von Neonazis zu blockieren.
Hinter der Polizeikette: Mehrere tausend linke Demonstranten versuchen im vergangenen Februar, einen geplanten Gedenkmarsch von Neonazis zu blockieren.
Foto: Jan Woitas/dpa

Am 13. Februar 2009 überfiel eine Gruppe von Neonazis einen Bus des Deutschen Gewerkschaftbundes Nordhessen (DGB) auf einem Rastplatz in Thüringen. Die DGB-Mitglieder waren auf dem Heimweg von der Demonstration gegen Europas größten Nazi-Aufmarsch in Dresden. Die Rechten traten auf einen Gewerkschafter ein und brachen ihm den Schädel. Jetzt spricht er mit der Frankfurter Rundschau über den Überfall – und was sich für ihn geändert hat.

Gehen Sie noch auf Demonstrationen, auf denen Nazis sind?

Ja, ich war letzten Februar erneut in Dresden, um den Nazi-Aufmarsch zu blockieren, und ich werde dieses Jahr wieder fahren. Jetzt frage ich auch meinen Sohn, ob er mitkommt, er ist 16. Es ist nicht so gefährlich, dass ich mir das nicht zutrauen würde.

Rechte Szene

Der 44-jährige Gewerkschafter aus dem Schwalm-Eder-Kreis sprach mit der FR erstmalig ausführlich über den Überfall. Um seine Familie vor möglichen Übergriffen durch Rechte zu schützen, möchte er unerkannt bleiben.

Dieses Jahr planen Neonazis am Jahrestag der Bombardierung Dresdens, 13. Februar, einen Fackelmarsch, sowie einen großen „Trauermarsch“ durch Dresden am folgenden Wochenende.

Das Bündnis Dresden Nazifrei ruft für Samstag, 19. Februar zu Massenblockaden auf. Dresdens Oberbürgermeisterin, Helma Orosz, ruft für den 13. Februar zur Menschenkette um die Altstadt auf. Sie will damit der Zerstörung Dresdens vor 66 Jahren gedenken.

Busse fahren aus Darmstadt, Gießen, Kassel/Schwalm-Eder-Kreis, Marburg, Friedberg und Wiesbaden. Insgesamt sollen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern bisher 140 Busse gemeldet sein. Fahrkarten verkaufen zum Beispiel das Frankfurter Mobilisierungsblog oder die antifaschistische Bildungsinitiative e.V. (Friedberg) prite

Trotzdem möchten Sie nicht, dass wir Ihren Namen nennen.

Kurz nach dem Überfall haben sich die Medien auf das Thema gestürzt. Der DGB hat sich damals vor mich gestellt. Ich hatte Bedenken und wollte meine Familie außen vor lassen. Ich möchte nicht, dass sie von Nazis belästigt wird. Hier im Schwalm-Eder-Kreis ist die rechte Szene sehr aktiv.

Wie kam es damals zu dem Angriff auf dem Rastplatz?

Wir sind dort mit zwei Bussen angekommen. Dann sind wir zur Toilette gegangen, in deren Eingangsbereich einige Nazis herumstanden. Aber von denen habe ich mich nicht bedroht gefühlt – wir waren ja in der Gruppe. Als ich zurückkam, musste ich unseren Bus suchen, der ein Stück abseits stand. Anscheinend hat der Fahrer umgeparkt, weil schon gepöbelt wurde. Ich ging zum Bus. Da hat sich eine Gruppe von Neonazis gebildet, jemand hat „Attacke“ gerufen, und sie haben uns angegriffen.

Und sie sind direkt auf Sie losgegangen?

Ich weiß noch, dass ich mich kurz verteidigt habe. Dann habe ich auf allen Vieren auf dem Boden gehockt. Und an den Tritt kann ich mich noch erinnern. Die Nazis sind danach zu ihrem Bus gerannt.

Was ist dann passiert?

Ich bin dann in den Bus eingestiegen. Dort habe ich gemerkt: Sie haben mir meine Zähne rausgetreten. Meine Mitfahrerin hat mir gesagt, dass ich an der Stirn blute. Mir war das gar nicht bewusst, ich spürte keine Schmerzen, hatte einen Filmriss. Ich habe gar nicht wirklich realisiert, dass ich überfallen wurde. Wir haben dann den Notarzt gerufen. Ich kam ins Krankenhaus und wurde zweimal operiert.

Wissen Sie inzwischen genauer, was sich ereignet hat?

Der Staatsanwalt hat das so zusammengefasst: 15 bis 20 Männer haben uns angegriffen. Einige konnten in den Bus fliehen, manche haben sich gewehrt. Drei Leute haben mich an den Füßen neben den Bus geschleppt und zu Boden geworfen. Dann haben sie auf mich eingetreten.

Machen Sie seit dem Angriff etwas anders als vorher?

Es gab eine Zeit nach dem Überfall, da hat das Geschehene in mir etwas verändert. Ich habe alle Leute abgecheckt. Bei jungen Männern habe ich genau geschaut: Ist das ein Nazi? Auch auf Autos mit besonderen Kennzeichen habe ich geachtet. Das ist jetzt aber überstanden.

Und wenn Sie zu Demos fahren?

Damals haben wir sozusagen neben den Nazis geparkt. Das werden wir mit Sicherheit nicht mehr machen. Schon letztes Jahr haben wir vorher angemeldet, wo wir unterwegs halten und wo wir ankommen. Die Polizei stand dann schon bereit, um abzusichern.

Wie sehen Sie den Überfall heute?

Alles ist relativ weit weg. Bis mein Schädelbruch geheilt war, hat es ein Jahr gedauert. Psychisch habe ich es recht schnell verarbeitet. Durch den Gedächtnisverlust weiß ich nicht mehr so viel. Die wenigen Erinnerungen schwinden zusehends. Meine Frau weiß es noch genauer. Als ich sie damals aus dem Krankenhaus angerufen habe, war sie sehr schockiert.

Welche rechtlichen Folgen hatte der Überfall?

Es gab keinen Gerichtstermin. Die Zeugenaussagen haben sich zu sehr widersprochen. Durch die Vernehmung der Nazis wurden zwei mitreisenden Schweden belastet, und die schwedischen Behörden sind um Amtshilfe gebeten worden. Leider besteht keine Chance auf Auslieferung.

Stört Sie das nicht?

Für mich persönlich ist es abgeschlossen. Ich brauche keine Rache. Für die Verletzungen wurde ich aus dem „Fonds zur Entschädigung von Opfern rechtsextremistischer Gewalttaten“ entschädigt. Den Gerichtsprozess habe ich mir gerne erspart, schon wegen der ganzen öffentlichen Aufmerksamkeit. Aber es ist ärgerlich, dass Nazis ungeschoren davonkommen und dass die Verfahren immer ewig dauern. Außerdem wurde nur gegen den ermittelt, der mich getreten hat. Dabei wurden bei dem Überfall auch andere verletzt. Aber das wird bagatellisiert.

Interview: Hannah Eitel

Datum:  28 | 1 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Twitter im Landtag
 

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Anzeige

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Frage des Tages: Sollte man härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen?

Frankfurts Fassaden sind voll von Graffiti. Die Verursacher sind meistens nicht festzustellen. Die Polizei will nun härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen. Was halten Sie davon?

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frage des Tages: Welches Thema sollte der neue OB Peter Feldmann zuerst angehen?

Peter Feldmann wird Frankfurts neuer Oberbürgermeister. Welches Thema sollte der Sozialdemokrat in seinem neuen Amt als erstes angehen?

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
Manche Menschen freuen sich über den Klang von Glocken, andere fühlen sich gestört. (Symbolbild)
Fluglärm in Frankfurt 
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 

Anzeige

Staumelder

Staumelder 13 Staus mit einer Gesamtlänge von 59km
Zu den Staumeldungen
Spezial

Auch dieses Jahr dürfte beim Schulwechsel der Sturm auf die Gymnasien ungebrochen anhalten. Doch welche Schulen passen eigentlich zu welchen Kindern? Die FR bietet einen Überblick.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

 

Anzeige

 
Frankfurter Stadtteil-Porträts
Fragt man in Frankfurt die Leute, was denn die Hauptwache sei, bekommt man viele Antworten. Die einen haben einen Platz vor Augen, andere verwechseln die Hauptwache mit der Zeil. Wieder andere gehen davon aus, mit der Verabredung sei das Café Hauptwache gemeint. Oder auch die Standuhr dahinter.
Frankfurter Innenstadt 
..die Villa Meister. Das prachtvolle und heute denkmalgeschützte Gebäude hatte Herbert von Meister,der  Sohn von Carl Friedrich Wilhelm Meister, einem der Begründer der Farbwerke Hoechst, im Jahr 1902 erworben.
Frankfurt-Sindlingen 
        

Schon schön: Ein Blick in     die Grillparzerstraße im Dichterviertel.
Frankfurt-Dornbusch 
Auf den fruchtbaren Äckern im Frankfurter Norden wird immer noch Landwirtschaft betrieben. Und manch ein Erzeuger vermarktet seine Produkte immer noch selbst.
Frankfurt-Nieder-Eschbach 
Weblog

Seit vielen, vielen Jahren ist "kit" Eishockey-Berichterstatter. Im Blog berichtet er über die Löwen Frankfurt - "in your face".