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Interview: „Vor allem nachts ist es viel zu laut“

Der Physiologe Manfred Spreng über die besondere Situation am Mittelrhein und die gesundheitlichen Folgen.

Manfred Spreng ist ehemaliger Leiter der Abteilung Physiologische Akustik und Informatik an der Universität  Erlangen.
Manfred Spreng ist ehemaliger Leiter der Abteilung Physiologische Akustik und Informatik an der Universität Erlangen.
Foto: privat

Herr Professor Spreng, macht Bahnlärm krank?

Lärm macht natürlich nicht gesund. Die Problematik des Krankmachens hängt von der Intensität und Dynamik der Schalle ab. Der Lärm muss gewisse Schwellenwerte überschreiten, die man leider nicht so genau festlegen kann. Dann wirkt er sich möglicherweise auf den Organismus negativ aus.

Der Mensch ist im Alltag vielen Lärmquellen ausgesetzt: Sirenen, Autolärm, laute Musik, Kindergeschrei. Was unterscheidet zum Beispiel den viel stärker im Fokus stehenden Fluglärm von dem der Bahn?

Fluglärm wirkt von oben kommend auf ein sehr breites Gebiet, während Bahnlärm nur in der Nähe der Schienenverläufe wirkt. Dafür trifft der aber, im Gegensatz zum Fluglärm, mit höherer Anstiegsgeschwindigkeit auf die Ohren der Bewohner. Die Gefahr gesundheitlicher Beeinträchtigung ist so mit dem von Fluglärm vergleichbar. Untersuchungen zeigen, dass vor allem in der Nacht Bahnlärm belastender wirkt als früher angenommen.

Welche Beschwerden verursacht Bahnlärm im Körper?

Lärm gilt als schädliche Einwirkung aus der Umwelt. Doch im Gegensatz zu Stoffen, etwa Schwermetallen oder Asbest, wirkt er nicht auf ein bestimmtes Organ. Deshalb ist eine kausale Verbindung mit einer Erkrankung schwer nachweisbar. Schall wirkt zunächst auf das Gehör, also auf ein Sinnesorgan und somit primär auf das Gehirn. Und das ist bekanntlich sehr komplex.

Was wird dort ausgelöst?

Je nach Intensität und Dynamik, Erregungen, die dann als Lärm bewusst werden. Lärm ruft auch Reaktionen hervor, die sofort vegetative Aktivitäten im Organismus auslösen wie Blutdruckanstieg, Muskelverspannungen, Ausschüttung von Stresshormonen, besonders in der Nacht, und vieles andere mehr.

Ist Lärm also doch gefährlich?

Es besteht kein Anlass zur Panik. Was nicht heißt, dass Lärm im Alltag nicht auf jeden Fall gemindert werden muss. Vor allem an den Bahnstrecken. Ich habe einige Überlegungen angestellt, die zeigen, dass gerade in der Nacht der Bahnlärm im Rheintal, was den Spitzenwert angeht, bis zu 40 Dezibel zu hoch ist.

Zur Person

Manfred Spreng (74) ist Physiologe.

Der ehemalige Leiter der Abteilung Physiologische Akustik und Informatik an der Universität Erlangen nimmt als Referent an dem Kongress in Boppard teil.

Bahnlärm, sagt er, ist mit dem von Flugzeugen vergleichbar. Denn der Spitzenwert sei es, der nervt. jur

Das klingt nach extrem viel.

Ist es auch. Ich war als Gutachter am Flughafen Frankfurt und Hahn tätig und auch an anderen Bahnstrecken, etwa Offenburg. Das Rheintal schneidet im Vergleich dazu sehr viel schlechter ab. Es treten sehr viel höhere Maximalpegel auf und die sind es, die wir wahrnehmen und die wirken. Nicht der Mittlungspegel, den die Politik immer nennt. Man hört ja stets die einzelnen Ereignisse, die im Rheintal sehr häufig mit hohem Maximalpegel auftreten.

Es sind also die Lärm-Spitzenwerte, die uns quälen?

Ja. Deren Wirkung auf den menschlichen Körper habe ich in mehreren Untersuchungen erforscht. Wir haben die Gehirnreaktionen gemessen, zum Beispiel mit Elektroden am Außenschädel. Damit hat man etwas objektivere Daten, bezüglich dessen, was im Gehirn bei extremen Schallereignissen abläuft.

Muss der Bahnlärm denn komplett aus dem Rheintal verschwinden?

Nein, das geht wohl nicht. Dann dürften wir dort auch kein Auto mehr fahren, müssten die Amseln am Morgen abschießen. Nein, der Bahnlärm muss reduziert werden und da gibt es einige Möglichkeiten. Zum Beispiel weniger Züge pro Nacht und langsameres Fahren. Oder man schirmt die Wohnungen ab. Nicht nur gegen Lärm, sondern auch bezüglich Erschütterungen.

Interview: Jutta Rippegather

Datum:  4 | 11 | 2010
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