Wiesbaden. Am Anfang der hessischen Grünen standen wütende Straßenproteste gegen Kernkraftwerke, Atomraketen und die Startbahn West, inzwischen profiliert sich die Partei mit solider Parlamentsarbeit. Am Dienstag wird die einst bunte Truppe 30 Jahre alt und kann auf zwei Regierungsbeteiligungen zurückblicken. Eine dritte bleib den Grünen vor gut einem Jahr verwehrt, weil die SPD als Partner spektakulär ausfiel. Vier SPD-Abgeordnete verweigerten ihrer Parteichefin Andrea Ypsilanti kurz vor der Wahl zur Ministerpräsidentin die Stimme, obwohl das Regierungsprogramm schon geschrieben war. Der Grund: Die dritte rot-grüne Regierung wäre nur mit den Stimmen der Linken möglich gewesen.
Dieser Rückschlag war nicht der erste, seit eine Versammlung von Umweltschützern und Linksalternativen am 15. Dezember 1979 im Gasthaus "Zum Löwen bei Philipp" in Linden-Leihgestern den hessischen Landesverband gegründet hatte - einen Monat vor Gründung des Bundesverbandes. Der spätere Ober-Grüne Joschka Fischer war anfangs noch nicht dabei: Er wurde erst 1982 Parteimitglied und ging ein Jahr später in den Bundestag. Die Anfangsjahre der Grünen waren geprägt von heftigen Richtungskämpfen zwischen "Fundis" wie Jutta Ditfurth und "Realos", die Politik mitgestalten wollten und dabei auf die SPD setzten. Ditfurth schied schließlich aus, die Realos setzten sich durch.
Erfolge in der Landespolitik hatten sich zunächst nicht abgezeichnet. 1978 waren noch drei grüne Gruppierungen zur Wahl angetreten und hatten zusammen ganze zwei Prozent der Stimmen erreicht. Doch Pläne für einen dritten Block für das Atomkraftwerk Biblis, eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Hessen und die Startbahn West am Frankfurter Flughafen gaben der inzwischen vereinigten Partei dann so viel Aufwind, dass sie 1982 mit acht Prozent in den Landtag einzogen. Zuvor stellten sie schon Abgeordnete in etlichen Stadtparlamenten, so in Frankfurt, Kassel, Gießen und Marburg. Die erste rot-grünen Großstadtkoalition wurde 1981 in Kassel geschmiedet.
Viele Bärte, keine Schlipse, handgestrickte Pullover
Die Premiere der "Neuen" im Landtag entsprach den Erwartungen: Viele Bärte, keine Schlipse und handgestrickte Pullover statt gedeckter Sakkos erregten manche Gemüter. Acht Monate nach dem Start sorgte der Abgeordnete Frank Schwalba-Hoth international für Schlagzeilen, als er einem US-General bei einem Besuch in Landtag Blut auf die Uniform kippte, das er sich zuvor hatte abzapfen lassen. Schwalba-Hoth protestierte damit gegen die Stationierung von Atomraketen in Europa.
Die erste rot-grüne Regierungskoalition gelang schließlich unter Ministerpräsident Holger Börner (SPD), der zuvor mit den Liberalen regiert hatte. Am 12. Dezember 1985 leistete Joschka Fischer als erster grüner Umweltminister den Amtseid - demonstrativ ohne Schlips und in Turnschuhen. Die Koalition zerbrach nach 14 Monaten am Streit über die damals in Hanau ansässigen Nuklearfirmen. Die anschließende Wahl brachte die CDU-FDP-Regierung unter Walter Wallmann (CDU) ins Amt. Die zweite rot-grüne Koalition unter Hans Eichel hielt von 1991 bis 1998, wenngleich zwei grüne Umweltministerinnen - Iris Blaul und Margarethe Nimsch - zurücktreten mussten.
Seit ihrer Gründung haben sich die Grünen stark verändert, viele Überzeugungen aus den ersten Tagen wurden gekippt. Dazu zählten die Rotation der Abgeordneten und das Verbot für Landtagsabgeordnete, in der Partei Führungsämter zu übernehmen. Tarek Al-Wazir ist unangefochten Fraktions- und Parteichef. Auch die früher nicht seltenen Überraschungen bei Parteitagen, dass verdiente Politiker ohne Vorwarnung bei Wahlen scheiterten, gibt es nicht mehr.
Die Themen der ersten Tage stehen aber immer noch auf dem Programm. Der Frankfurter Flughafen soll wieder einmal ausgebaut werden, diesmal um eine Landebahn. Und um den eigentlich festgeschriebenen Atomausstieg wird nach wie vor gerungen - ob die Biblis-Blöcke in absehbarer Zeit wirklich abgestellt werden, ist nicht sicher. (dpa)

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