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30. Juni 2008

Abfall als Brennstoff heiß begehrt: In Hessen wird der Müll knapp

 Von Sabine Ränsch, dpa

In Hessen wird der Müll knapp. Nicht, weil die Bürger weniger Abfall in die Tonne werfen, sondern weil es schon bald zu viele Verbrennungsöfen gibt und sich Müll zum Wertstoff wandelt.

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Frankfurt/Main (dpa) - In Hessen wird der Müll knapp. Nicht, weil die Bürger weniger Abfall in die Tonne werfen, sondern weil es schon bald zu viele Verbrennungsöfen für den im Land anfallenden Abfall gibt und sich Müll zum Wertstoff wandelt.

Zwar klafft derzeit noch eine Entsorgungslücke, aber rund eine Million Tonnen Hausmüllmüll pro Jahr werden fehlen, wenn alle Verbrennungsanlagen fertig und die Zwischenlager auf den alten Deponien geräumt sind.

Dann werden die Anlagenbetreiber auf Müll-Suche außerhalb der Landesgrenzen gehen müssen. Waren Entsorgungskapazitäten bisher knapp und teuer, könnte der Entsorgungspreis - derzeit um die 150 Euro pro Tonne in kommunalen Anlagen - bald ins Rutschen kommen.

Das, was nach dem Aussortieren von Papier, Glas und anderen Wertstoffen übrig bleibt und lange als lästiger Reststoff galt, ist nun heiß begehrter Brennstoff. Über das Frankfurter Müllheizkraftwerk sagt Betriebsleiter Rainer Keune: "Es ist ein vollwertiges Kraftwerk, nur der Brennstoff ist Müll."

Seit 2005 das Verbot in Kraft trat, Abfall unbehandelt auf Deponien zu kippen, entstehen überall im Land neben den kommunalen Verbrennungsanlagen privat betriebene Müllöfen. Lukrativ ist das Geschäft, weil die Anlagen Energie erzeugen und außerdem für ihren Brennstoff noch Geld bekommen. Bundesweit seien rund 100 Anlagen geplant, sagt Karsten Hintzmann, Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Entsorgungswirtschaft (Berlin).

Allerdings sei offen, ob alle auch gebaut würden. Das sei wirtschaftlich nur sinnvoll, wenn langfristige Verträge über Müll-Lieferungen geschlossen werden könnten. Der Verband setzt sich für eine Liberalisierung des Markts ein. "Müll sollte wie jede andere Ware behandelt werden", sagt Hintzmann. Derzeit müssten Importe noch genehmigt werden.

In Hessen seien derzeit zusätzlich zu den vier bestehenden kommunalen Müllverbrennungsanlagen in Kassel, Frankfurt, Offenbach und Darmstadt fünf sogenannte Ersatzbrennstoffkraftwerke im Bau, sagt Edgar Freund vom hessischen Umweltministerium. Ersatzbrennstoff (EBS) ist aufbereiteter Abfall, der getrocknet und vorsortiert wurde. Alle Anlagen verbrennen den Müll nicht nur, sondern erzeugen daraus Energie. Zusammen haben sie eine Kapazität von rund 2,5 Millionen Tonnen im Jahr - in Hessen fallen aber lediglich 1,5 Millionen Tonnen Hausmüll pro Jahr an.

Zur Zeit gibt es allerdings noch eine Entsorgungslücke, weil die Sanierung des Frankfurter Müllheizkraftwerks immer noch nicht abgeschlossen ist. Müll aus dem Hochtaunuskreis wird deshalb in die Schweiz zum Verbrennen gefahren. Bis zum Frühjahr 2009 sollen alle vier Müllöfen in Frankfurt fertig sein, die Kapazität wird dann von derzeit knapp 300.000 auf über 500.000 Jahrestonnen steigen.

Damit könnte rein rechnerisch rund ein Drittel des in Hessen anfallenden Hausmülls verbrannt werden. Vertraglich gesichert seien rund 350.000 Tonnen Müll im Jahr aus dem Gebiet der Rhein-Main-Abfall GmbH, das die Städte Frankfurt und Offenbach sowie die Kreise Offenbach, Hochtaunus und Main-Taunus umfasst, sagt Michael Werner, Sprecher der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH. Der Rest müsse anderswo besorgt werden.

Größte Ersatzbrennstoffanlage in Hessen wird das Kraftwerk auf dem Industriegelände in Frankfurt-Höchst, für das die Betreiberfirma Infraserv 300 Millionen Euro investiert. In der Anlage sollen ab 2009 rund 657000 Tonnen aufbereiteter Hausmüll pro Jahr verbrannt werden, um Dampf und Strom für die auf dem Gelände angesiedelten Chemiefirmen zu erzeugen. Ziel sei es, den benötigten Dampf zu 100 Prozent vor Ort zu erzeugen und unabhängig von Kohle und Gas zu sein, sagt ein Unternehmenssprecher.

In Verträgen mit mehreren EBS-Lieferanten sei die Versorgung der Anlage gesichert, sagt der Sprecher. Der Ersatzbrennstoff werde aus einem Umkreis von 150 bis 200 Kilometern angeliefert. Auch in Heringen an der hessisch-thüringischen Grenze entsteht derzeit ein Müllkraftwerk. Mit einer Kapazität von 270000 Jahrestonnen soll es die Anlagen des Düngemittelherstellers K+S mit Energie versorgen.

Anders als gewöhnliche Kraftwerke oder Industrieanlagen brauchen die Müllöfen keine Zertifikate für ihren Ausstoß von Kohlendioxid. "Das macht auch Sinn", sagt Ministeriumsexperte Edgar Freund. Zwar entstehe bei der Müllverbrennung wie bei jeder Verbrennung das klimaschädliche CO2. Würde man den Müll aber einfach verrotten lassen, würde auch CO2 frei - dann aber, ohne den Abfall vorher genutzt und damit fossile Brennstoffe eingespart zu haben.

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