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Rhön-Universitätsklinikum Marburg: Ärzte-Fehler häufen sich

Die Beschwerden über die Zustände am Rhön-Universitätsklinikum in Marburg reißen nicht ab. Viele Patienten sind verunsichert.

Eine Ärztin hört eine Patientin ab.
Eine Ärztin hört eine Patientin ab.
Foto: dpa

Rubina S. ist kerngesund. Das hat der Kardiologe bestätigt, den sie um eine Zweitmeinung gebeten hatte. Die Ärzte an der privatisierten Universitätsklinik in Marburg waren nach viertägiger umfänglicher Apparate-Diagnostik zu einem anderen Ergebnis gekommen: Sie könne tot umfallen, gefährde ihr ungeborenes Kind – das sagten sie der 30-Jährigen mehrfach während ihres Aufenthalts und auch zum Abschied, als sie gegen ärztlichen Rat die Klinik verließ.
„Die Patientin war völlig verunsichert“, sagt Jürgen Hoffmann, Arzt für Innere Medizin und Kardiologie in Marburg. Und: „Man hätte ihr jede Untersuchung ersparen können, wenn man in Ruhe mit der Frau geredet hätte.“ Niedriger Blutdruck bei einer Schwangerschaft sei völlig normal. Außerdem hatte Rubina S. an jenem Tag kaum etwas getrunken. Das allein sei Grund dafür gewesen, dass die 30-Jährige beim Aufstehen vom Sofa umgekippt war. „Die Frau hatte völlig normale Befunde.“ Hoffmann kann sich nicht erklären, warum die Kollegen der Uniklinik auf eine Untersuchung mit dem Cardio MRT drängten. Über die Gründe für den intensiven Einsatz der Apparatemedizin lasse sich nur spekulieren. Fest stehe aber: „Das vernünftige Augenmaß fehlte.“
Rubina S. ist nicht die einzige, die sich in den vergangenen Wochen wegen mangelhafter Behandlung an der Universitätsklinik an die Frankfurter Rundschau wandte. Tamara Z. hat eine ähnliche Odyssee hinter sich. Sie kam in die Notaufnahme, weil sie morgens Blut erbrochen hatte. „Man hat mir nur Blut abgenommen, mich abgetastet, mir gesagt ich soll ambulant eine Magenspiegelung machen lassen und mich wieder nach Hause geschickt“, berichtet die 28-Jährige. Am nächsten Tag ging es ihr so schlecht, dass sie eine andere Klinik aufsuchen musste. Da war ihr Magengeschwür schon so weit aufgebrochen, dass es mit vier Clips geschlossen werden musste. „Ich brauchte vier Blutkonserven.“
Zeitmangel und hohe Personalfluktuation – das sind nach Beobachtung von Ulrike Kretschmann die Hauptgründe für Fehler wie diese. „Die erfahrenen Ärzte verlassen das Rhön-Uniklinikum rasch, da die Arbeitsbedingungen so schlecht sind.“ Dass immer mehr Kollegen kündigten hatten im April auch acht Oberärzte der Kinderklinik in einem Brandbrief an die Geschäftsführung beklagt. Wegen der hohen Fluktuation würden vom Land bezahlte Stellen für Forschung „zweckentfremdet“.
Mehrmals pro Woche sieht die Marburger Allgemeinärztin Patienten in ihrer Praxis, die sie zu dem Schluss kommen lassen: Seitdem die Landesregierung der Rhön-Aktiengesellschaft vor vier Jahren 90 Prozent der Anteile des Universitätsklinikums Marburg-Gießen verkaufte, hat sich die Qualität der Versorgung massiv verschlechtert. Ärztliche Gespräche und körperliche Untersuchungen kämen zu kurz, die Fehlerquote nehme drastisch zu. „Das liegt nicht an der Unzulänglichkeit oder Faulheit der Ärzte“, betont Kretschmann, „sondern am Zeitmangel und der Überlastung“.
Die Hausärztin hat mit Kollegen aus Marburg und Gießen sowie anderen Interessierten vor mehr als einem Jahr die Initiative „Notruf 113“ gegründet. Längst geht es ihnen um mehr als eine gute Patientenversorgung und bessere Arbeitsbedingungen der Ärzte und Pflegekräfte an den beiden Uniklinik-Standorten Marburg und Gießen. Ihr Ziel ist Aufklärung über die Folgen der Privatisierung – auch, damit solche „Fehler“ sich nicht wiederholen. Aktuell pflegen sie Kontakte nach Schleswig-Holstein, wo der Verkauf der Universitätsklinik in Kiel und Lübeck zur Diskussion steht.
„Unsere Ärzte kümmern sich sehr gut um ihre Patienten und sind selbstverständlich im Dialog mit ihnen“, teilt der Sprecher des privatisierten Universitätsklinikums mit. Beschwerden von Patienten gebe es nicht. Seit der Privatisierung sei das Personal aufgestockt worden. Und zum Brandbrief heißt es, die „grundsätzlichen Gedanken“ der Kinderklinik-ärzte seien in die „Zukunftskonzepte“ eingeflossen.

Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  28 | 7 | 2010
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