Den Einsatz von Streikbrechern wirft die Ärztegewerkschaft Marburger Bund "einigen" hessischen Krankenhausbetreibern vor. Im Klinikum Offenbach etwa verdingten sich sogenannte Honorarärzte in der Chirurgie und Anästhesie. Mit 120 Euro pro Stunde verdienten sie das vierfache eines nach Tarifvertrag angestellten Facharztes im dritten Berufsjahr. Die Klinikleitung verneint einen Zusammenhang mit dem Arbeitskampf. Auch am Rande der jüngsten Demonstration in Offenbach hieß es, der Einsatz besser bezahlter freier Kollegen sei ein grundlegendes Problem.
Honorarärzte sind Freiberufler. Sie springen dort ein, wo Not herrscht. Oft waren sie zuvor jahrelang in Kliniken angestellt, sagt Nicolai Schäfer, Anästhesist und Vorsitzender des Bundesverbands der Honorarärzte. Der Verband hat jüngst 800 Honorarärzte befragt. Ergebnis: "Die Unzufriedenheit mit den Gesundheitsstrukturen ist das Hauptmotiv." Immer mehr Bürokratie und Rationalisierung, gepaart mit einer anachronistischen Chefarzt-Hierarchie, vergällen die Freude an der Arbeit. Folge: Immer mehr Ärzte wandern ins Ausland ab, gehen in die freie Wirtschaft - oder wagten den Sprung in die Selbstständigkeit.
Schäfer ist seit sieben Jahren Wanderarbeiter: "Man ist unabhängig, kann seine Arbeitskraft und Zeit selbst einteilen." Seit rund zwei Jahren sei ein verstärkter Trend zu Honorarärzten zu verzeichnen. Das müsste doch Wasser auf die Mühlen des Marburger Bunds sein, meint der Anästhesist, der seine Kollegen gegen den Angriff des Streikbruchs in Schutz nimmt. Auch die Gewerkschaft prangere doch die schlechten Rahmenbedingungen an. "Uns aufs Geld zu reduzieren, ist dämlich." Auch werde mit falschen Zahlen argumentiert: Rund 30 Euro verdiene ein Notarzt pro Stunde, ein Anästhesist um die 80 Euro. 120 Euro seien Einzelfälle - etwa bei einem kurzfristigen Einsatz oder wenn der Kollege eigene Gerätschaften mitbringe.
Zwischen 50 und 70 Euro zahle das Klinikum in Offenbach einem Honorararzt im Bereitschaftsdienst. So genau will sich Gunnar Sevecken, stellvertretender Geschäftsführer, nicht festlegen. "Eventuell auch etwas mehr." Seinen Angaben zufolge verstärken fünf bis acht Freiberufler die rund 300 angestellten Ärzte. Einer entlaste die Festangestellten von Bereitschaftsdiensten, ein anderer fülle eine Lücke, die die Kündigung eines Oberarztes gerissen habe. Die Stelle werde wieder besetzt. Für die Anästhesie arbeite das Klinikum seit rund zwei Jahren mit einem Springer-Pool freischaffender Ärzte zusammen.
"Mitarbeiter zweiter Klasse"
Und wie sieht es an anderen kommunalen Häusern aus? Die Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden versuchen, vakante Planstellen möglichst schnell wieder zu besetzen, versichert Geschäftsführer Horst Strehlau. Zeitarbeiter gebe es sehr selten. "Wir wollen keine Mitarbeiter zweiter Klasse." Und aus Frankfurt-Höchst heißt es, dass "in besonderen Fällen" und "um die Notfallversorgung sicherzustellen", nie mehr als maximal drei Freiberufler Dienst schieben - und zwar tageweise.
Meist wird ein Honorararzt immer wieder von denselben Kliniken engagiert, sagt Schäfer. Neue Auftraggeber findet er per Mund-zu-Mund-Propaganda - "manchmal auch per Agentur." Derlei Vermittlungen lehnt Frank Michaelis, Geschäftsführer einer medizinischen Personalberatung in Frankfurt, grundsätzlich ab. "Schon aus ethischen Gründen." Honorarärzte verdienten oft das vierfache ihrer angestellten Kollegen. Allein mit dem unternehmerischen Risiko lasse sich diese hohe Summe nicht begründen. Sie verdürben die Preise, brächten Arbeitgeber in Schwierigkeiten. "Das macht unser System kaputt."
Gelassener äußert sich Strehlau, der auch Präsident der hessischen Krankenhausgesellschaft ist. "Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis." Derzeit herrsche Nachwuchsmangel bei den Ärzten. Doch wolle die Politik ja das jetzt ändern.

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