In Frankfurt nannten sie ihn den „Vulkan unseres Herzens“. Im April liefen die Menschen im Rhein-Main-Gebiet nicht weniger verwundert unter dem reinen, blauen, lautlosen Himmel umher, als wir alle beim jüngsten Gericht aus unseren Gräbern steigen werden. Ja, in den Tagen des Vulkanausbruchs lernten wir das Leben neu.
Die Leute entdeckten ihre Veranda, ihre Gärten, sie schliefen. Die Taxifahrer fuhren ihre Gäste nicht mehr bloß vom Flughafen zum FKK-Saunaclub, sondern gleich nach Madrid oder Ljubljana. Selbst hartgesottenste „Mich stört kein Flugverkehr“-Hessenbewohner waren von der Abwesenheit der Kondensstreifen so entzückt, dass man sich fragt, wieso nicht eigentlich endlich einmal all die hunderttausende Frankfurter mit ihren Obi-Heimwerkermarkt-Werkzeugen zum Flughafen herüberlaufen und ihn einfach final abtragen und irgendwie anders restverwerten. Die Polizei könnte das gar nicht verhindern, man hat dieses Jahr beim Castor-Transport gesehen, dass sie sowieso völlig überfordert und inzwischen weitgehend weggespart ist.
Überhaupt drehte sich dieses Jahr viel um Bahnhöfe, Schienen und Flughäfen. Überall lauerte der islamische Terrorismus, auch in Hessen. Im Herbst sollte man auf Menschen achten, die „lange Kleidung“ tragen, „schwitzen“ und „nervös herumlaufen“. Es gibt am Frankfurter Hauptbahnhof aber ständig Menschen, die nervös herumlaufen und schwitzen, das liegt jedoch eher an der Bahn als am Islam. Zum zweiten Staatsgegner neben den Islamisten stieg in diesem Jahr der deutsche Wutbürger auf und wurde auch gleich zum Wort des Jahres gewählt, und zwar in Wiesbaden, wo jedes Jahr das Wort des Jahres gewählt wird.
Roland Kochs Rücktrittsnachricht erreichte manch einen beim Apfelwein, und jemand prägte das schöne Bonmot über Kochs Zukunft: „Er wird unauffällig im Hintergrund schaurige Dinge tun und dafür viel Geld bekommen.“ Mit der Apfelernte waren die Keltereien zufrieden, und die Eintracht bekam einen Stürmer, der sich, im Gegensatz zu Amanatidis, vor jedem Spiel rasiert, nämlich Gekas.
Im Dezember gab es wieder viele Menschen, die „lange Kleidung“ trugen, „nervös umherliefen“ und „schwitzten“: eine Unzahl von Reisegästen in Bahnhöfen und Flughäfen auf der Suche nach ihren Zügen und Maschinen oder wenigstens nach Informationen über sie, ob da noch was fliegt oder fährt oder nichts mehr geht. Denn am Jahresende gab es Schnee. Da der aber volkswirtschaftlich noch mehr schadet als ein gebärwilliges Kopftuchmädchen, muss bald wirklich eine Klimaerwärmung her. So kann es nicht weitergehen in der Stillstandsrepublik und im Hessenland.

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