kalaydo.de Anzeigen

Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts: Ferne Mutter

Ein Kongress beschäftigt sich mit Migrantinnen, die in deutschen Haushalten aushelfen. Von Jan Niklas Kocks

Fadma Bakdir, Betreuerin aus Marokko, rasiert in einer
Wohngemeinschaft von psychisch erkrankten Senioren in Mainz den
Senior Gerhard Heim.
Fadma Bakdir, Betreuerin aus Marokko, rasiert in einer Wohngemeinschaft von psychisch erkrankten Senioren in Mainz den Senior Gerhard Heim.
Foto: ddp

Der Putzjob als sozialer Aufstieg: Für Akademikerinnen aus armen Ländern lohnt es sich immer häufiger, ihren erlernten Beruf an den Nagel zu hängen und ihr Geld in deutschen Haushalten zu verdienen, als Pflegerinnen oder in der Gebäudereinigung.

Diese "neuen Dienstmädchen" sind zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung geworden, am 23. und 24. April organisiert das Cornelia-Goethe-Zentrum der Uni Frankfurt eine Fachtagung "Care and Migration", die einen interdisziplinären Zugang zu Fragen rund um weibliche Arbeitsmigration finden möchte.

Care and Migration

Die internationale Konferenz findet am 23. und 24. April in der Goethe-Universität, Campus Westend, statt. Sie wird organisiert vom Cornelia-Goethe-Zentrum.

Wissenschaftlerinnen verschiedener Fachrichtungen referieren zu Themen rund um Migrations- und Geschlechterforschung, Themenschwerpunkt sind globale Betreuungsketten.

Mehr zum Thema hier

Bereits seit den 1990er Jahren beschäftigt Helma Lutz sich mit den Konsequenzen dieser Form von Arbeit. Die Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität spricht von einem stetig wachsenden Phänomen, seit den späten 90er Jahren verzeichnet sie eine große Zunahme an deutschen Privathaushalten, die ausländische Frauen für Hilfstätigkeiten einstellen. Die Beschäftigung einer Hausangestellten werde zunehmend selbstverständlicher, so Lutz.

Der Terminus "neue Dienstmädchen" dient ihr zur Anlehnung vom bürgerlichen Standard des 19. Jahrhunderts. Schon damals habe man Dienstmädchen gehabt, diese hätten sich aber aus einer gänzlich anderen Schicht rekrutiert, sagt sie. Heute seien an die Stelle der schlecht ausgebildeten Mädchen vom Land gebildete Migrantinnen getreten. "Wir leben in einer globalen Informationsgesellschaft, eine gewisse Bildung ist die Grundvoraussetzung, damit die Frauen sich über die Arbeitsmöglichkeiten in den reichen europäischen Staaten informieren können und schließlich auch den Mut zu diesem Schritt aufbringen", sagt die Professorin.

Noch immer ist die Haushaltsarbeit der weltgrößte Arbeitsmarkt für Frauen, gerade in den reichen Industriestaaten expandiert darüber hinaus auch der Pflegesektor. Durch ein großes Wohlstandsgefälle werden diese Tätigkeiten für gebildete Migrantinnen attraktiv: Eine Altenpflegerin in Deutschland verdient ein Vielfaches einer ukrainischen Chefärztin.

Diese Entwicklung hat, so ein Ergebnis der umfangreichen Studien, die Helma Lutz in den letzten Jahren durchgeführt hat, Konsequenzen - sowohl in den Herkunftsländern der Frauen als auch in den aufnehmenden Staaten.

"Care Drain"

"In Deutschland kommt es zu einer massiven Re-Traditionalisierung: Klassische Frauenarbeit wird auf weibliche Haushaltsangestellte abgeschoben, die berufstätige Hausfrau holt sich Hilfe. Von emanzipatorischen Idealen ist nicht mehr viel zu spüren," so Helma Lutz. Auch am Heimatort der Frauen verändert sich einiges: Die Frauen lassen Kinder und Familie zurück, wenn sie zum Arbeiten ins Ausland gehen, Kindererziehung wird zur Sache der Großmütter, die Scheidungsrate steigt. Sozialwissenschaftler sprechen dabei vom sogenannten "Care-Drain", meinen damit die Betreuungslücke, die durch die Arbeitsmigration entsteht. Kinder wachsen in vollkommen veränderten Familienverhältnissen auf, erleben ihre Mutter als eine Person, die nur an manchen Wochenenden anwesend ist und dann das Geld für die Familie mitbringt. Trotz dieser Probleme ist das Phänomen nicht mehr wegzudenken, da ist Helma Lutz sicher, zu groß sei inzwischen der Stellenwert der ausländischen Hilfen. Ihre Dienstleistung sei durch einheimische Firmen nur zu massiv höheren Kosten zu erbringen, die von den alten und kranken Menschen dann häufig nicht bezahlt werden könnten. Ohne die osteuropäischen Pflegekräfte würde das System wohl zusammenbrechen, so die Professorin.

Auch die "neuen Dienstmädchen" können auf ihre Jobs in den Industriestaaten nicht verzichten, oftmals ernährt eine Arbeitsmigrantin mit ihrer Haushaltsarbeit eine ganze Familie in der Ferne.

Autor:  JAN NIKLAS KOCKS
Datum:  18 | 4 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite
Ressort

Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick


Nachrichten aus der Region

Anzeige

 
Spezial

Die heiße Phase naht: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Anzeige

Spezial
Beschäftigte des Druckmaschinen-Herstellers Manroland demonstrieren vor der Allianz-Niederlassung in Frankfurt. Allianz und MAN haben dem angeschlagenen Konzern den Geldhahn zugedreht.

Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Spezial
Wer zieht im März in den Römer ein?

Wer folgt Petra Roth? Mitte März wählt Frankfurt einen neuen OB. Alles über die Kandidaten im Spezial.

OB-Wahl in Frankfurt
        

Rechnet mit einer Stichwahl: Ursula Fechter.
FAG-Kandidatin Fechter 
Das zentrale Themenplakat der Piraten (für ganzes Bild bitte klicken).
Piraten in Frankfurt 
OB-Bewerber Oliver Maria Schmitt setzt sich für ein nichtraucherfreies Frankfurt ein.
OB-Wahl Frankfurt 
        

Ganz großes grünes Kino: OB-Kandidatin  Heilig und der Berliner Fraktionsvorsitzende  Trittin in der Harmonie.
OB-Wahlkampf bei den Grünen 
Boris Rhein hat auf Facebook einen falschen Freund abgekriegt: einem stadtbekannten Rechtsextremen aus Maintal.
Frankfurter OB-Wahlkampf im Internet 
Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Fotostrecke 1. Derpart Familien-Reise-Tag

Staumelder

Staumelder 86 Staus mit einer Gesamtlänge von 273km
Zu den Staumeldungen
Meistgeklickt
Verrauchte Sicht für Frankfurts Keeper Oka Nikolov.
Eintracht gegen Fortuna 
Diskussionen: Bamba Anderson redet auf Schiedsrichter-Assistent Jan Hendrik Salver ein.
Fußball-Kolumne Ballhorn (IV) 
Ornella de Santis (links) hat es ins Finale von
„Unser Star für Baku“ 
Karlsruhe urteilt: Die derzeitige Bezahlung von Uni-Professoren ist nicht rechtens.
Urteil zu Professorenbesoldung 
Marktplatz

"Wir wünschen uns einen großen Garten um unser Frühlingsglück zu genießen." Über 25.000 Bauplatz- und 6.000 Baugebiet-Angeboten.