Victoria Böhm hat sich das ganz anders vorgestellt. Sehr gespannt hat die 43-Jährige aus dem Riederwald auf den Schulanfang ihres sechsjährigen Simon gewartet. Sie überlegte, ob sie sich als Elternbeirätin engagiert, erkundigte sich schon vor Wochen nach der Liste für die Schulsachen.
Doch jetzt fühlt sich die alleinerziehende Mutter (deren Name wie der aller Betroffenen hier geändert ist), als ob "mir eine Bremse reingehauen wird". Ihr fehlt das Geld für die Arbeitsmaterialien, die die Schule für Simon und die anderen Erstklässler angeschafft hat. Sie wisse auch nicht, wie sie einen Babysitter bezahlen soll, um zu den Elternabenden in Simons Klasse zu gehen. "Wenn man finanziell nicht mithalten kann, wird man gesellschaftlich schnell ausgegrenzt", schreibt Victoria Böhm in einer Mail an Simons Klassenlehrerin. Von einem Computer, der in der Stadtbücherei steht.
Der Lehrerin schlug Victoria Böhm gemeinsam mit einer anderen Alleinerziehenden aus der Klasse vor, die Elternabende so zu legen, dass die Kinder mitkommen können und dann keine Betreuung brauchen. Denn die 43-Jährige wohnt in einem Stadtteil mit hohem Anteil an Alleinerziehenden; in jedem dritten Riederwälder Haushalt werden die Kinder allein von einem Elternteil betreut.
Den Vorschlag der Mütter, die Elternabende auf den Freitagabend oder zeitlich vorzuverlegen, hält die Leiterin der Pestalozzischule, Anne Wehr, aber für schlecht praktikabel, weil andere Familien um die Uhrzeit zu Abend essen: "Es gehört auch zur sozialen Kompetenz einer Mutter, dass sie es irgendwie regelt, ein Mal für anderthalb Stunden das Haus zu verlassen." Das Hessische Kultusministerium teilte auf FR-Anfrage mit, zwar gebe es für den Zeitpunkt der Elternabende keine "konkrete Regelung". Doch Elternmitbestimmung genieße in Hessen Verfassungsrang. Die Versammlungen der Klassenelternschaft, auf denen Elternbeiräte gewählt oder Beschlüsse über Klassenfahrten gefasst würden, müssten so organisiert werden, dass die Eltern die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen.
Zwei Tage nach Schulbeginn erhielten Victoria Böhm und die anderen Eltern der beiden ersten Klasse der Pestalozzischule einen Brief , sie sollten bis zum 1. September 25 Euro für Arbeitsbücher und fünf Euro für die Klassenkasse bezahlen. "Wir müssen jeden Cent 50 Mal rumdrehen", sagt Victoria Böhm, der für Lebensmittel, Kleidung und andere Anschaffungen 460 Euro im Monat bleiben. Nach Ranzen und Mäppchen, Turnbeutel, Sportschuhen und anderem Material , für das sie insgesamt rund 190 Euro ausgab, sagt Victoria Böhm: "Das Maß ist voll, man fühlt sich so allein gelassen mit den Kosten." Die Eltern seien auch nicht gefragt worden, ob sie die zusätzlichen Arbeitshefte wollten.
Elternbeiräte in den zweiten, dritten und vierten Klassen der Grundschule sprechen das Thema der zusätzlichen Kosten für Arbeitsmaterialien immer an, sagt Schulleiterin Anne Wehr. Bei den Erstklässlern sei "ein kleines Problem", dass der erste Elternabend erst angesetzt wird, wenn die Kinder schon eingeschult sind. Doch sei den Eltern bei einem Informationsabend im vergangenen Herbst "alles vorgestellt worden". Es handele sich bei den drei Arbeitsheften um zusätzliche Materialien, die die Kinder auch brauchen. Sie ergänzten die Schulbücher und ersetzten manches Schreib- und Rechenheft, das die Eltern sonst anschaffen müssten. Anne Wehr rät Eltern, die das Geld nicht aufbringen können, sich mit einer Quittung über die gezahlte Summe an das zuständige Sozialrathaus zu wenden. Die Sozialrathäuser der Stadt verfügen über Stiftungsmittel, aus denen unter bestimmten Voraussetzungen finanzielle Unterstützung fließt, wenn außergewöhnlicher Bedarf geltend gemacht werden kann. Eltern müssten sich dann aber von der Schule aufschreiben lassen, was alles gebraucht wird und die Bescheinigung abstempeln lassen.
Doch Victoria Böhm hat bei der Stadt schon nachgefragt und erfahren, dass sie die gesamten Kosten für die Einschulung und den Schulalltag alleine tragen müsse. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass Lernmittelfreiheit herrscht: "Ich hatte gedacht, das kommt auf mich zu, wenn er studiert." Susanne Rothenhöfer, Sprecherin im Hessischen Kultusministerium, stellt klar, die Arbeitshefte seien Verbrauchs-, beziehungsweise Arbeitsmaterialien und fielen nicht unter die Lernmittelfreiheit. Es gebe "hierfür kein formales Verfahren, mit dem geregelt wird, dass und wie die Eltern um ihr Einverständnis für eine Kostenübernahme zu bitten sind". Praxis sei es aber, dass die Eltern informiert werden, verbunden mit der Bitte, sich zu melden, falls die Kostenübernahme problematisch werde.
Victoria und ihr Sohn Simon stehen nicht allein. Auch in anderen Schulen stoßen Eltern immer öfter an finanzielle Grenzen. Felicitas Rathke, Leiterin der Sindlinger Meisterschule sagt: "Längerfristig glaube ich, dass die Armut zunimmt und dass die Schulen einen Topf brauchen."
Victoria Böhm , die engagierte und mutige Mutter des Erstklässlers hat die 25 Euro inzwischen bezahlt, obwohl sie dazu nicht gezwungen werden kann. Sie fühle sich, als sei ihr "eine Tür zugeschlagen und der Riegel davor geschoben worden".

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