Das Thema bewegt: Lehrer, Eltern, viele junge Menschen, Behinderte, Politiker, Vertreter von Ämtern und Ministerien drängten sich am Donnerstagabend im FR-Depot, um sich Gedanken über eine Schule der Zukunft zu machen, in der behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam lernen. Schon eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn waren alle Stühle besetzt.
Viele Leute setzten sich auf den Boden. „Wahnsinn“, sagte eine junge Frau und reckt den Hals, um zwischen Köpfen einen Blick nach vorn auf die Gebärdendolmetscherin zu warfen, die die Debatte übersetzte. Trotz mancher Unbequemlichkeit lauschte die Menge konzentriert bis zum Schluss den Experten und Politikern auf dem Podium, deren Konzepte Moderator und FR-Bildungsexperte Peter Hanack auf den Prüfstand stellte. Für Inklusion waren alle. Bei der zweistündigen Debatte, zu der die FR und die Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“ (LAG) eingeladen hatten, mussten insbesondere Mario Döweling, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Farbe bekennen, wie ernst es der hessischen Landesregierung in ihrem Entwurf für ein neues Schulgesetz tatsächlich mit der Umsetzung der Konvention der Vereinten Nationen ist.
Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte für Menschen mit Behinderungen sagt in Artikel 24, Kinder dürften nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden. Deutschland hat diese Konvention im vergangenen Jahr ratifiziert.
Inklusion heißt, dass Menschen mit und ohne Behinderung so selbstverständlich wie möglich miteinander leben und lernen.
Das Land Hessen und die anderen Bundesländer sind jetzt in der Pflicht. Obwohl alle für Inklusion sind, ist umstritten, wie schnell und mit welchen Mitteln sie sich konkret umsetzen lässt. pgh
Knut Dörfel, Schulleiter der Ernst-Reuter- Schule II in Frankfurt:
An meiner Schule gibt es 24 Inklusiv-Klassen, das funktioniert einigermaßen praktikabel. Wir müssen den Begriff Inklusion nur noch präzisieren. Nur weil an einem Gymnasium ein Rollstuhlfahrer Abitur machen kann, ist das keine inklusive Schule. Inklusion muss heißen, dass es kein Recht geben kann, einem Kind zu sagen, geh’, du gehörst hier nicht her.
Sabine Heidemann ist ADS-Coach und hat selbst Kinder, für die Förderbedarf besteht:
Es gibt viele außerschulische Förderprogramme wie Lese-Rechtschreibschwäche-Unterricht oder Logopädie-Kurse. Was passiert in Zukunft mit denen? Eigentlich müssten sie überall in inklusiven Schulen in den Stundenplan integriert werden.
Petra N. arbeitet seit 26 Jahren in integrativen Kindergärten:
Ich musste in meinem Beruf miterleben, wie schwer es ist, in Kindertagesstätten mit Integration zu arbeiten. Wir versuchen das jetzt schon seit Jahren und müssen immer wieder miterleben, wie uns von der Politik die Ressourcen dafür genommen werden. Jetzt sollen wir noch mal zehn Jahre warten, bis die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Bis dann sind wir alle tot.
Eine Zuhörerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will:
Wir haben festgestellt, dass Eltern nicht-behinderter Kinder Angst vor den Begriffen Integration und Inklusion haben. Wir Eltern von betroffenen Kindern haben dann wieder Angst vor der Ablehnung der Gesellschaft. Die Politik muss viel offener auf Eltern zugehen und ihnen die positiven Seiten von inklusivem Unterricht aufzeigen.
Herr Mötze arbeitet beim Sozialen Dienst eines Jugendamts:
Wir sind beim Jugendamt seit Jahren die Abfangbehörde für mangelnde schulische Ressourcen. Der Aufbau inklusiver Schulen kostet viel Geld. Mich würde dabei einmal interessieren, wie viel Geld nötig ist und wie viel dafür im Haushalt vorgesehen ist. Ich befürchte fast, es soll zum Nulltarif gemacht werden.
Franziska Blendin ist als Assistentin einer Rollstuhlfahrerin in das FR-Forum gekommen:
Wie will man denn Inklusion umsetzen, dafür muss noch viel Geld in die Hand genommen werden. In unserem Schulsystem funktioniert das nicht. Inklusion heißt alle zusammen in einer Klasse. Ich kann nicht verstehen, wie das bei einem dreigliedrigen Schulsystem gehen soll.
Rupert von Plottnitz, Rechtsanwalt in Frankfurt, der Eltern behinderter Kinder vertritt, legte den Finger in die Wunde. Auch im neuen Regierungsentwurf gebe es für ein behindertes Kind keinen durchsetzbaren Rechtsanspruch auf einen Platz in der Regelschule, das letzte Wort habe nach wie vor die Schulverwaltung. Er kritisierte sogar eine Verschlechterung, weil künftig die aufschiebende Wirkung bei einem Widerspruch entfalle.
Zwar sprach auch FDP-Mann Döweling von einem Paradigmenwechsel durch die UN-Konvention, weil das gemeinsame Lernen von der Ausnahme zur Regel werde, aber der sogenannte Ressourcenvorbehalt, also die Ablehnung eines Schülers mit der Begründung, dass er nicht angemessen betreut werden könne, solle weiter gelten. SPD-Bildungsexpertin Heike Habermann forderte dagegen das alleinige Entscheidungsrecht der Eltern auch in der Übergangszeit. Ein Umdenken sei sofort nötig.
Die UN-Konvention bedeute für behinderte Kinder einen Rechtsanspruch auf Einschulung in die Regelschule, sagte Rechtsanwalt David Profit, der am Gesetzentwurf der LAG mitgearbeitet hat. Angesichts des Menschenrechts des Kindes auf gemeinsamen Unterricht gehe es nicht um Wahlfreiheit der Eltern, betonte LAG-Vorstandsmitglied Sibylle Hausmanns. Wenn sich diese für Förderschulen entschieden, dann nur, weil andere Schulen nicht entsprechend ausgerüstet seien.

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