Dass wegen einer Insolvenz entlassene Arbeitnehmer vor Gericht gehen, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist aber im Falle des Autozulieferers Fredenhagen in Offenbach die Begründung, die einfach formuliert heißt: "geplanter Konkurs" des seit 1872 bestehenden Herstellers von Fördersystemen.
Juristisch formuliert sind die Vorwürfe in einem Schreiben des DGB-Rechtsschutzes an das Arbeitsgericht Offenbach: Darin, dass die bisherigen Tätigkeiten der insolventen Firma auf drei andere zusammenhängende Firmen aufgeteilt wurden, "ist lediglich der Versuch zu sehen, den Betriebsübergang gemäß Paragraf 613a BGB zu umgehen". Dem widersprechen der damalige Fredenhagen-Geschäftsführer Clemens Vollmer und Insolvenzverwalter Uwe Kuhmann entschieden. "Anhaltspunkte für eine geplante Insolvenz oder einen Betriebsübergang hat die Insolvenzverwaltung nicht feststellen können", teilte Kuhmann auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mit.
Den Grundstein für Fredenhagen in Offenbach legt 1872 Wilhelm Fredenhagen. 1922 geht die Firma in den Besitz der Familie Kupczyk über, die den Hersteller von Förderanlagen für die Autoindustrie 2008 an die eigentlich in der Branche weniger bekannte Firma Stotz Fördersystem GmbH in Kornwestheim verkauft. Hinter Stotz steht die Berliner Beteiligungsgesellschaft KV Capital.
Nach 137 Jahren Fredenhagen stellt die neue Geschäftsführung zum 6. Juli 2009 den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens, das zum 1. September eröffnet wird. Da sind noch knapp 80 Menschen in Offenbach beschäftigt, 1997 waren es noch 270. ( ran)
Bei einem als Betriebsübergang definierten Inhaber-Wechsel bleiben alle Arbeitsverhältnisse erhalten. Um das zu vermeiden, sollen die Geschäftsführer von Fredenhagen die Insolvenz beantragt haben, dabei aber die lukrativen Geschäftsfelder in andere, teilweise frisch gegründete Firmen übernommen haben, lautet der Vorwurf. Das sei, so der DGB, unter anderem daran zu erkennen, dass Geschäftsführer Vollmer noch Anfang Juli 2009, zwei Tage vor dem Insolvenzantrag), alle Festplatten mit Zeichnungen, Stücklisten, Aufträgen und Kunden ausbauen und aus den Firmenräumen in der Sprendlinger Landstraße bringen ließ.
Zudem, argumentiert der DGB, gebe es Mitarbeiter, die nach der Insolvenz dieselbe Arbeit machten wie vorher - nur für andere Firmen der Stotz-Fredenhagen-Gruppe, die aber zuvor zu Fredenhagen gehört hätten. Dies war laut DGB schon spätestens während der vorläufigen Insolvenz geplant worden, wie aus Dokumenten von Mitte August hervorgehe.
Ein Geflecht von Firmen
Zu den Firmen, die jetzt zu "Stotz Fredenhagen Industries" gehören, zählen neben Fredenhagen Industrieanlagen zum Beispiel Auslandstöchter in China und Spanien, wo der Förderanlagenbauer Aufträge von Autobauern hatte. Sie alle seien von Stotz Fredenhagen Industries kurz vor der Insolvenz gekauft worden. Auch Insolvenzverwalter Kuhmann teilt mit, dass Firmen vorher erworben wurden. Ansonsten sei es aber nicht so, dass Firmen der Stotz-Fredenhagen-Gruppe den Geschäftsbetrieb von Fredenhagen weiterführten, da dieser Ende September/Anfang Oktober 2009 "komplett eingestellt worden ist". Damals sei "kein Auftraggeber für die Fredenhagen GmbH & Co KG (Schuldnerin) mehr vorhanden" gewesen.
Im Geflecht der Firmen taucht immer wieder derselbe Name auf: Clemens Vollmer. Er ist einer der Geschäftsführer der Berliner Beteiligungsgesellschaft KV Capital und Geschäftsführer des Unternehmens Stotz Fördersysteme in Kornwestheim, das KV Capital vor einigen Jahren erworben wurde. Stotz wiederum hatte 2008 Fredenhagen gekauft, Vollmer agierte dann auch in Offenbach als Geschäftsführer. Und heute leitet er die Geschicke von Stotz Fredenhagen Industries, gegründet im April 2009 mit Sitz in Lilienthal bei Bremen. In dieses Lilienthal hatte Vollmer kurz vor Anmeldung des Insolvenzverfahrens auch den Sitz von Fredenhagen verlegt. Somit kommt auch der Insolvenzverwalter aus Bremen.
Als Grund nannte Vollmer, Fredenhagen wolle in Windenergieanlagen investieren. Die Insolvenz hatte Vollmer mit der Wirtschaftskrise und hohen, beim Kauf noch nicht klaren Verbindlichkeiten begründet. Mit den Vorbesitzern habe es nur einen Vergleich vor Gericht gegeben.
Der DGB verklagt nun im Namen von vier IG-Metall-Mitgliedern und Ex-Fredenhagen-Beschäftigten zwei Firmen auf Weiterbeschäftigung aufgrund von Betriebsübergang: Stotz und Stotz Fredenhagen Industries, die jetzt ein gemeinsames Büro in Dreieich (Kreis Offenbach) betreiben. Geschäftsführer Vollmer nennt die Ausführungen des DGB Unterstellungen, denen er "nur zum wiederholten Mal entschieden widersprechen" könne.

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