Die Nacht von Mittwoch, 23., auf Donnerstag, 24. März, war bislang die heftigste in diesem Jahr: 94 Züge passierten zwischen 22 und 6 Uhr Rüdesheim-Assmannshausen. Mindestens einer war mit mehr als 100 Dezibel lauter als eine Motorsäge oder ein Winkelschleifer. Bei einem Dauerpegel in diesem Bereich drohen Gehörschäden.
„Die Bürger im Mitterheintal sind stärker Lärmbelästigungen ausgesetzt als Flughafenanwohner.“ So lautet das Ergebnis einer Studie, das die hessische Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) jetzt bekannt gab. Demnach fühlt sich fast jeder zweite Anwohner vom Bahnlärm hochbelästigt, jeder sechste leidet sogar stark unter den Erschütterungen am Bahndamm.
Nachts liegen die Geräuschpegel bei vorbeifahrenden Güterzügen zwischen 87 und 90 Dezibel; einzelne Spitzen sogar über 100 Dezibel. Über die ganze Nacht betrachtet betrug der Mittelwert im Jahr 2010 an der Messstation Assmannshausen 78 Dezibel.
Hochbelästigt fühlt sich fast jeder zweite Bewohner des Mittelrheintals (45,1 Prozent) vom Bahnlärm. Jeder Fünfte klagt über starke Einschlaf-, Durchschlaf- und Ausschlafstörungen. Durch Erschütterungen fühlt sich jeder sechste Bewohner belästigt.
Dies ergaben Befragungen der Bevölkerung und Lärmmessungen in Rüdesheim-Assmannshausen. Sie sind Bestandteil eines Projektes der Umweltministerien von Hessen und Rheinland Pfalz.
Weitere Informationen unter der Rubrik „Im Fokus“ auf www.hmuelv.hessen.de jur
Über die ganze Nacht betrachtet lag 2010 der Mittelwert an der Messstation Assmannshausen bei 78 Dezibel. „Das ist vergleichbar mit Innenpegeln in einem lauten metallverarbeitenden Betrieb und damit keinem Menschen auf Dauer zumutbar“, meint Puttrich. Das Lärmsanierungsprogramm des Bundes habe den Bewohnern des Rheintals so gut wie keine Entlastung gebracht. „Hier muss dringend etwas passieren, um den Menschen zu helfen“, fordert die Ministerin die Bundesregierung zum Handeln auf.
Die Menschen im Mittelrheintal könnten nicht mehr warten, drängt Frank Gross, der in Boppard wohnt und Vorsitzender des Bürgernetzwerks Pro Rheintal ist. „Das ist eine Notfallsituation. Die Leute werden jetzt krank, weil Tag und Nacht die alten Züge durch das Tal fahren.“ Weil die Räder von den Bremsen abgenutzt sind, machen sie mehr Radau.
In einem ersten Schritt, so Gross, sei ihnen schon geholfen, wenn auf der kurvenreichen Strecke ein Tempolimit herrschen und nur noch neuere Züge fahren würden, die leiser seien. „Danach können wir über alles weiterreden.“ Über technische Lösungen wie Schienen-Schallabsorber, Kleinstlärmschutzwände, aber auch über alternative Routen für die Güterzüge. Auch an der Gesetzgebung müsse sich etwas ändern. Dass Bahnlärm laut Emissionsschutzgesetz lauter sein darf als der von Autos, sei „antiquiert“ und „Blödsinn“. Zudem werde zu wenig die Sonderlage im Tal bedacht: An jeder Rheinseite liegen jeweils zwei Trassen, der Lärm potenziert sich durch den Schall.
Gross weiß das alles. Doch die subjektiven Eindrücke der Bevölkerung müssen wissenschaftlich unterlegt werden, um die große Politik zu überzeugen. Und so ist die von den Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz finanzierte neue Studie längst nicht die einzige, die sich mit dem Phänomen beschäftigt.
Gross liegt seit Kurzem die Bahnlärmschlafstudie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt vor. Sie räume unter anderem mit der Meinung auf, dass der Mensch sich an Lärm gewöhnen könne. Im Gegenteil: Die Lärmempfindlichkeit steige mit zunehmender Wohndauer. Die Folge seien Stress, das Risiko der Erkrankung nehme zu.
Gross und seine Mitstreiter fordern mehr Studien, die unterstreichen, dass im Welterbe Ruhe einkehren muss, damit die Bewohner nicht davonlaufen. Die Kommunalpolitik haben sie hinter sich: Für den 7. Mai, 13 Uhr, rufen Rhein-Lahn- und Rheingau-Taunuskreis samt Bürgerinitiativen zu einer Protestveranstaltung gegen Bahnlärm im Rheintal in Rüdesheim auf.

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