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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

25. Juli 2009

Behindert in Frankfurt: Vor der schwarzen Schwelle

 Von Claudia Michels
Erbärmlicher Alltag in Deutschlands Städten.  Foto: FR/Boeckheler

Christa Schlett kommt rum, aber sie kommt nicht rein. Die Architektur der Stadt blockiert die Rollstuhlfahrerin. Und sie kämpft dagegen an. Von Claudia Michels ( mit Video)

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Als ein Häuflein Mensch sitzt sie da, die dünnen Ärmchen merkwürdig verknotet, die Knie verdreht. Sie scheint ganz Kopf zu sein, wie sie da kauert, ganz Kopf, und die Augen hellwach und so blau. So sitzt sie im Rollstuhl an der eleganten Schwelle von "Westend Sixty Six", was ein umfänglich umgebautes Büro- und Geschäftshaus an der Adresse Bockenheimer Landstraße 66 ist.

"La Maison du Pain" stand an jenem Tag vor der Eröffnung, da würde sie gern auch mal reinrollen, neugierig wie sie ist. Doch da ist diese Granitstufe davor, hoch, schwarz und glatt.

Rollstuhlfahrerin Christa Schlett vor dem Eingang zur U-Bahn-Station Westend.
Rollstuhlfahrerin Christa Schlett vor dem Eingang zur U-Bahn-Station Westend.
 Foto: FR/Boeckheler

Christa Schlett, das Häuflein Mensch da in dem Rollstuhl, wird den über diese Schwelle hin und her eilenden Bauarbeitern wie ein Mahnmal ihrer eigenen Gedankenlosigkeit erscheinen. Man sieht die Arbeiter sich an ihr vorbei über die Schwelle vorbeidrücken. Nicht so eine gestandene Frau, die jetzt von innen an der Granitstufe erscheint. Als Susann Andersch stellt sie sich vor, als die Architektin des Planungsbüros. "Geplant war alles gerade und eben - und dann hatten wir da plötzlich eine Stufe." Und zwar auf Veranlassung des Vermieters, lässt die Fachfrau durchblicken, der nämlich sei "für die Außenanlagen zuständig". Susann Andersch betrachtet nachdenklich die Frau unter sich im Rollstuhl, sie konstatiert: "Da muss ein Angestellter eben reinhelfen."

Die kleine fiese Mogelei im Alltag

Was da an der Bockenheimer läuft, das sei halt "Bauen im Bestand", meint die Architektin noch, ehe sie wieder drinnen verschwindet. Da ist sie bei Georg Gabler, der Christa Schlett, in diesem Moment und überhaupt, als Pflegekraft zur Seite steht, an der richtigen Adresse: "Hier müsste die Bauaufsichtsbehörde sagen: Da kommt eine Rampe hin, wenn nicht, bleibt das Gebäude geschlossen", behauptet er. Gabler, der seit Jahrzehnten für Behinderte in Frankfurt das Wort ergreift, ist just am Vorabend in den Vorstand des CeBeeF, des renommierten "Clubs Behinderter und ihrer Freunde" gewählt worden. Er weiß Bescheid: "Die Behörde mogelt sich an den Gesetzes-Auflagen vorbei", ruft er aus, vor dem umgebauten Haus. Und Christa Schlett, die sich selber nur mühsam artikulieren kann, lacht und strahlt und die Augen blitzen - wie sie es immer tut, wenn jemand Klartext spricht.

Christa ist eine Kämpferin, das merkt man auch ohne Worte. Jetzt schaltet sie die Steuerung des Elektrofahrstuhls mit links auf Null. Los geht's, zur U-Bahn-Station Westend. Elegant kriegt sie die Kurve an der Kante der Steintreppe nach unten, sieht die Rolltreppen, die Sitzbänke, die beleuchtete Infotafel. Alles da, bloß nicht für sie. Nie, nie nie würde sie da runterkommen. Doch sie strahlt, denn ohne zu sprechen, ohne zu laufen kann sie demonstrieren, dass es anders werden muss.

Achtung: Vorladezeit abwarten!

Also heißt es: zu Fuß gehen. Und das heißt: rollen. Und die Pflegekraft, Georg Gabler, hinkt. Sie ist schneller, unerschrocken überrollt sie an der Ecke Unterlindau die Fußgängerampel. Vier smarte, ins Gespräch vertiefte Erfolgsmenschen in dunklen Anzügen ziehen erschrocken die Hände aus den Hosentaschen. Die Christa rollt und blickt nicht hin. Vollkommen unbeirrt, bis sie sich an einem Versorgungsschlauch für irgendein Event auf dem Opernplatz festfährt. Aber Georg ist da, der ruckelt sie wieder frei.

Ziel ist die Kaiserhofstraße, da wäre es doch nett, sich mal auf die ausladende Sommerterrasse eines Lokals namens Long Island zu setzen. Die Terrasse liegt aber auf einem mächtigen Podest, unter dem Christa jetzt schier verschwindet. Von oben guckt die Bedienung runter, sie deckt gerade die Tische. Die Vorspeise an jenem Mittag: Pastinakensuppe. Die Frau blickt gleich durch, was los ist. Sie ist auch nicht böse. Sie zeigt, dass es einen Weg zur Pastinakensuppe für Christa gibt, bloß keinen direkten. Sie muss an der Seite rein, an einem riesigen schlafenden Hund und an der Küchentür vorbeirollen. Schon ist sie zur Terrasse durchgesurrt. Um nach einigem Manövrieren, Vorwärtsgang, Rückwärtsgang, an den dicht an dicht gestellten Esstischen entlang wieder umzudrehen; der Hund steht inzwischen und staunt. Die Christa kehrt einfach um, die Bedienung hat ihr mitgeteilt: "Es gibt aber keine Toiletten." Keine für eine wie sie.

Sehnsucht nach dem Innen

Ade, Long Island, dann geht's eben zu Vapiano an der Junghofstraße. Tollkühn nimmt die Rollstuhlfahrerin beim Überqueren der Goethestraße einer 200-PS-Limousine die Vorfahrt. Schon von weitem ist zu sehen, bei Vapiano geht es gesellig zu. "Totalrenovierung", meint Georg Gabler anklagend, denn er weiß Bescheid und Christa grinst vielsagend.

Was kann das bedeuten? Es bedeutet, dass sich wieder eine, noch viel mächtigere Schwelle aus schwarzem Granit vor dem Rollstuhl aufbaut. Dass Christa lange sehnsuchtsvolle Blicke nach Innen, in das riesige Lokal, schickt. Dass ein sehr gesund aussehendes junges Ding an der Kasse sitzt und wahnsinnig freundlich zurückblickt. Minuten geht das so, Blick rein, Blick raus. Aber die Schöne drinnen hat nicht vor, sich nach draußen zu Hilfe zu bewegen. Also bewegt sich die gelähmte Christa, sie bewegt, was sie bewegen kann: den Knopf am Elektrorollstuhl.

Und so surrt sie davon. Die beiden haben ja auch einen Termin. In der Uni, als Anschauungsobjekte in einer Vorlesung mit dem Titel "Empowerment". Früher, sagt Georg Gabler, "hätte man 'Hilfe zur Selbstbefähigung' gesagt."

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