Wir kannten uns nicht gut genug, um aneinander zu denken. Jedoch gut genug, um einander nicht zu vergessen. Danke für Deine Courage und Dein Engagement!" Zeilen wie diese finden derzeit Tag für Tag den Weg in das digitale Kondolenzbuch für Rainer Gütlich.
Wenn an diesem Wochenende Frankfurt ins Meer der Regenbogenfarben taucht, dann ist es das erste Mal ohne den Vater, den Gründer, den Verfechter, ohne den Organisator des Frankfurter Christopher Street Days. Denn Rainer Gütlich nahm sich in der Nacht vom 26. zum 27. Juni in seiner Wohnung das Leben.
Die Nachricht ist für alle, die ihn kannten, selbst wenn nur flüchtig, ein Schock. Auch für jene, die weder schwul noch lesbisch sind. Sein Name, sein Frankfurter Gemüt und Dialekt, seine Unermüdlichkeit und sein Tatendrang stehen nicht nur seit 1992 für den Christopher Street Day Frankfurt, sondern auch für das Quartier Latin an der Uni, für "Zeil Live", für das Schweizer Straßenfest und für den "Lauf für mehr Zeit".
Wenn Gütlich in diesem November seinen 50. Geburtstag gefeiert hätte, er hätte wohl die Festhalle mieten müssen, damit all jene Platz finden, die ihm hätten gratulieren wollen.
1993 war es, als der unbekannte Schwule Gütlich seine Freunde und Bekannten zu einem kleinen Umzug in der Klingerstraße zusammentrommelte. "Homosolidarität" nannten Gütlich und die Seinen das Ganze; knapp 200 Leute marschierten los; vorn fuhr Einer in einem Wagen mit Megaphon.
Zum Feiern danach kamen rund 3000 Gäste. "Wir haben auf den Tischen getanzt, bis sie krachten. Vor allem gab es damals keine Erwartungshaltung", erinnerte sich Gütlich 2007 in einem FR-Interview. Und er betonte, dass es nach 15 Jahren immer noch ein "unbeschreiblich geiles Gefühl" sei, mit dem CSD "etwas zu bewegen".
Die letzten Worte
2009 klingen seine Worte anders: "Es gibt ein Recht auf Leben, aber keine Pflicht." Es sind seine letzten Worte, die an die Öffentlichkeit gelangen. Laut dem Frankfurter schwulen Stadtmagazin "gab" existiert ein Abschiedsbrief. Seinen Inhalt möchte die Familie, um die Privatsphäre zu schützen, nicht preisgeben.
Gründe, warum er den Freitod wählte, sind bislang nicht bekannt. "Rainer war sich seiner Sache offensichtlich sehr sicher", sagt Anika Pilger. Sie ist Gütlichs Nachfolgerin in der Organisation des CSD. "Es war eine bewusste Entscheidung, und er wollte nicht, dass irgendjemand etwas ahnt. Die Gründe kennt allerdings nur er selbst." Das gab-Magazin schreibt weiter, dass Gütlich "top fit" gewesen sei. Wohl auch, weil der Gedanke naheliegt, er könne Aids gehabt haben.
Wenn am Samstag wie in jedem Jahr beim Frankfurter CSD der Aidstoten gedacht wird, dann werden die Erinnerung und die Stille rund um die Konstablerwache sicher auch Rainer Gütlich gelten. Am Sonntagabend ist eine spezielle Gütlich-Gedenkminute geplant.
"Den CSD ausfallen zu lassen, wäre das letzte gewesen, was er gewollt hätte", sagt Pilger, die vor zehn Jahren bei Gütlich Event als Praktikantin zu arbeiten begann. "Aber in Feierlaune sind wir nicht. Wir vermissen ihn." Gütlichs letzter Wunsch sei, dass man statt Blumen Lose zugunsten der Frankfurter AIDS-Hilfe kauft. (nas)

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