Herr Dahms, Herr Seehausen, eine neue Studie über die Kindertagesstätte der Commerzbank, Kids & Co, zeigt, Eltern kehren, seit es die Kita gibt, wesentlich früher und mit höheren Stundenzahlen in den Job zurück. Geht das nicht doch zu Lasten der Kinder?
Dahms: Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben. Eine Mitarbeiterin aus meinem Team lässt ihr Kind in der Kita betreuen. Wenn ich das Kind sehe, glaube ich, dass es ihm ausgesprochen gut geht. Die Mutter ist bald nach der Geburt zurückgekommen. Sie arbeitet vier Tage in der Bank und verbringt den Freitag und die Wochenenden mit ihrer Familie. An den Tagen, die sie in der Bank arbeitet, muss sie ihr Kind nicht auf die Minute genau aus der Kita abholen. Diese Flexibilität hat für sie einen hohen Wert.
Rainer Dahms ist Bereichsleiter in der Commerzbank und verantwortlich für die Personalabteilung des Unternehmens. Der 56 Jahre alte Jurist ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.
Harald Seehausen, Sozialforscher, ist Inhaber der Frankfurter Agentur für Innovation und Forschung. Der 63-Jährige hat zwei Söhne und zwei Enkelkinder. Seine Agentur hat soeben gemeinsam mit der Prognos AG eine noch unveröffentlichte Evaluations-Studie über das Modellprojekt Kids & Co der Commerzbank fertiggestellt. Darin werden erstmals flexible Kinderbetreuungsangebote unter betriebswirtschaftlichen und pädagogischen Gesichtspunkten bewertet. Seehausen übernimmt auch die Moderation beim 3. Frankfurter Familienkongress am Mittwoch, 1. Juli, im Haus am Dom.
Wie alt ist das Kind?
Dahms: Drei Jahre. Seehausen: Wir haben eine lange ideologische Diskussion in Deutschland erlebt, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verteufelte. Wir haben hier bei Kids & Co. viele Eltern mit hohem Bildungsniveau und einem hohen Anspruch in Bezug auf die Betreuungs- und Bildungsqualität. Die Studie bestätigt eindeutig, dass die frühe Rückkehr in den Beruf die Kleinkinder nicht belastet. Dazu gehört aber auch eine passgenaue, verlässliche Kinderbetreuung mit qualifizierten Fachkräften.
Die Untersuchung, an der auch Prognos beteiligt war, zeigt aber auch, dass Eltern, die Teilzeit arbeiten, ihre Karrierechancen deutlich geringer als Mitarbeiter ohne Kinder einschätzen. Gibt es da Nachbesserungsbedarf?
Dahms: Knapp 60 Prozent der befragten Eltern sagen aber auch, dass sich Kids & Co günstig auf ihre Karrierechancen auswirkt. Wir haben 1999 als erstes Unternehmen in Deutschland eine KinderNotfallbetreuung initiiert. Das ist wichtig, weil Eltern, zum Beispiel wenn die privat organisierte Betreuung einmal nicht zur Verfügung steht, unkompliziert geholfen wird. Gleichzeitig ist die Quote der Teilzeitarbeitenden in der Commerzbank in dieser Zeit um ein Drittel, auf über 20 Prozent, gestiegen. Da hat auch die Kita einen wichtigen Beitrag geleistet.
Nochmal die Frage nach dem Karriereweg...
Seehausen: Teilzeitarbeit bei Führungskräften, das ist ein Bereich, da müssen wir noch nacharbeiten. Gleichwohl gibt es Beispiele: Die Mitarbeiterin, die ich bereits erwähnte, arbeitet Teilzeit und ist Abteilungsleiterin.
Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehört inzwischen auch das Thema Pflege. Herr Dahms, gibt es dazu Ansätze in Ihrem Haus?
Dahms: Wir haben eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen und machen Angebote, die über das Pflegezeitgesetz hinausgehen.Wir wollen Mitarbeitern die Möglichkeit geben, ihre nahen Angehörigen zu pflegen. Dazu bieten wir auch Schulungen an, unter anderem zu Rechtsfragen und Fragen der praktischen Pflege. Und wir stellen Mitarbeiter bezahlt frei- über die gesetzlichen Anforderungen hinaus. Seehausen: Das Frankfurter Bündnis für Familien hat auch die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zum Thema gemacht. Die Zeitkollisionen führen hier zu hohen seelischen und sozialen Belastungen. Am Arbeitsplatz nehmen Fehlzeiten zu, aber auch Motivation und Produktivität leiden unter diesem Zeitkonflikt. Vor diesem Hintergrund haben fünf Frankfurter Unternehmen ein Seminarprogramm mit dem Thema "Vereinbarkeit und Pflege" für ihre Mitarbeiter auf die Beine gestellt und finanzieren dieses.
Wie sieht es denn in kleineren Unternehmen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus?
Seehausen:Es entsteht gesellschaftlich zusehends ein Bewusstsein, eine familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung zu entwickeln. Das hängt sicherlich auch mit dem Fachkräftemangel zusammen. Wir wissen noch nicht, welche Auswirkungen die Finanzkrise auf eine neue Kultur des Umgangs mit der Zeit hat. .
Wird das Rad zurückgedreht Herr Dahms?
Dahms: Nein. Die demographische Veränderung ist zu stark. Wir haben sehr detailliert untersucht, was das für uns bedeutet. Und die Antwort ist eindeutig: Ohne attraktive Angebote wie beispielsweise Kinderbetreuung wird es künftig schwieriger werden, Fachkräfte zu gewinnen. Knapp zehn Prozent der Mitarbeiter, die sich in Elternzeit befinden, sind übrigens Väter. Der überwiegende Teil ist im außertariflichen Bereich tätig.
Sie sind beide Väter, haben Karriere gemacht, beobachten heute einen Aufbruch unter Vätern, die es vielleicht anders behandeln, als Sie. Sind Sie da ein bisschen neidisch?
Dahms: Eine schöne Frage, die mich nachdenklich macht. (zögert). Die jungen Männer sind da heute einfach weiter. Als mir meine Tochter irgendwann mal sagte, dass ich ja nie da wäre, habe ich begonnen, mit den Kindern ein Mal im Jahr drei, vier Tage ganz bewusst alleine zu verbringen. Heute sagen meine erwachsenen Kinder noch: Das war toll, mit dem Rucksack in den Bergen auf einer Hütte - wann gehen wir wieder? Seehausen:Das engagierte Eintreten meiner Frau für eine partnerschaftliche Aufteilung der Hausarbeit und Kindererziehung hat mich persönlich und politisch sehr geprägt. Wenn ich beruflich unterwegs war, blieben meine Aufgaben zuhause liegen: bügeln, Toilette reinigen, Wohnung aufräumen. Das war unsere Vereinbarung. Mit einem gewissen Stolz darf ich hervorheben: Mein ältester Sohn Björn hat, als er Vater wurde, insgesamt 14 Monate Elternzeit genommen und arbeitet Teilzeit.

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