Dort, wo sonst das Tor steht, sitzt jetzt "Seine Heiligkeit". Auf dicken, goldglänzenden Kissen hat der Dalai Lama im Schneidersitz auf einem Thron Platz genommen. Ein buddhistischer Torhüter, der mit gutmütigem Lächeln zu seiner Mannschaft auf dem Rasen blickt. Hunderte Stuhlreihen füllen das Grün, auf dem sich sonst die Eintracht mit dem Ball abrackert. Über 7000 Menschen sind am ersten der vier Besuchstage des Dalai Lama nach Frankfurt in die WM-Arena gekommen. Bis zu 40.000 sollen es bis Sonntag werden.
Das Oberhaupt der Tibeter im Fußball-Stadion und auf Großbild-Leinwand. Naima Braun stört das nicht. Die junge Frau mit Dreadlocks und rotem Schultertuch wiegt ihr fünf Monate altes Baby sanft zum Gesang der Mönche. Sie hat den Dalai Lama schon im Kloster in Indien gesehen. "Klar, die Gerüche, die Umgebung, das ist anders, aber darauf kommt es gar nicht an. Der Dalai Lama ist authentisch, egal wo er ist", findet sie. Naima heißt mit Doppelnamen Karma Jigmekalden. Seit einem Jahr ist sie mit einem Tibeter verheiratet, hat sich seit Teenager-Tagen für den Buddhismus begeistert. "Das fing mit ´Siddharta´ von Hermann Hesse an", lacht sie. "Seither versuche ich ein besserer Mensch zu sein."
Sie war in Nepal, Tibet, Indien, im Kloster und auf buddhistischen Höfen. Vier Wochen lang hat sie mit nepalesischen Nonnen an einer Schweige-Übung teilgenommen. "Dat war schon heftig", erzählt die Duisburgerin im reinsten Ruhrpott-Slang. Toleranz, Unvoreingenommenheit und eine Lehre ohne Dogma, das gefalle ihr am Buddhismus. Am Samstag will Naima ihre Tochter vom Dalai Lama segnen lassen. "Einen Segen kann man ja immer gut gebrauchen", sagt sie ganz pragmatisch.Auf der mit gelben und roten Tüchern geschmückten Bühne hat Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth den Dalai Lama gerade als den Mann gelobt, der "Suchenden eine Antwort gibt", der friedlich für die kulturelle Eigenständigkeit seines Landes kämpfe und weltweit Vorbild sei. Das spirituelle Oberhaupt der Tibeter bedankt sich bei Roth mit einem Gebetsschal.
Dem andächtigen Publikum verrät er anschließend, dass er eigentlich nicht mehr der Alte ist. "Nur oberflächlich sehen Sie noch den gleichen Körper", sagt der 74-Jährige und kichert wie ein Teenager. "Seiner Heiligkeit" fehlt neuerdings die Gallenblase. Der Dalai Lama als Mensch mit den gleichen Zipperlein wie seine Anhänger. Im Publikum entdeckt er bekannte Gesichter, denen er fröhlich zuwinkt. Er wirkt wie der nette Großvater von nebenan, er hat Humor. Das macht seinen Charme aus.
"Fast ein Prophet"
"Er ist ein wunderbarer Mensch, fast ein Prophet", findet die Aachenerin, die im gelben T-Shirt der Freiwilligen am Spielfeldrand steht. Sie hat Urlaub genommen, um bei der Ticket-Ausgabe zu helfen. "Wenn man die Gelegenheit hat, einen solchen Menschen aus der Nähe zu sehen, sollte man die nutzen." Die 40-Jährige ist keine Buddhistin, sie ist Muslima. "Eine überzeugte, auch wenn ich kein Kopftuch trage". Vom Dalai Lama ist sie fasziniert und in ihrer Familie hat keiner etwa dagegen, dass sie zum Auftritt eines anderen Religionsführers fährt. "Die sind tolerant." Ihren Namen will sie jedoch nicht nennen. "Vor unseren Hardlinern habe ich Angst", sagt sie.
Der Dalai Lama hat seine buddhistischen Unterweisungen begonnen. Er spricht vom Potenzial, das jeder Mensch in sich trägt. Von innerer Stärke und Selbstbewusstsein, das einen friedvollen Geist ausbilde. Draußen können Besucher Geist und Körper mit Klangschalen, Dalai Lama-Büchern, Meditations-Matten, tibetischen Tüchern oder Yogi-Tee auf die Sprünge helfen. 80 Zelte säumen den Weg zur Arena.
"Religion und Kommerz, das find´ ich fragwürdig", merkt Stephan an, der mit seinem zweijährigen Sohn ins Stadion gekommen ist. "Aber irgendwie muss das Ganze ja bezahlt werden. Schließlich schweben auch Buddhisten nicht auf einem anderen Planeten", sagt er.
Die Landung könnte sogar ziemlich hart ausfallen. 1,6 Millionen Euro müssen die Veranstalter das Tibet Haus, die Frankfurter Pagode Phat Hue und die Deutsche Buddhistische Union für den Besuch aufbringen. Bisher ist die Veranstaltung nicht ausverkauft. "Und die Ticketpreise von bis zu 240 Euro kann sich nicht jeder leisten", findet Naima Braun.

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