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Das Interview: Problemviertel Nordend

Stadtforscher Andrej Holm kritisiert, dass der Stadtteil zur Enklave für die Mittelschicht wird. Wer Geld hat, darf bleiben, wer keins hat muss raus. Von Sandra Busch

Die Lebensqualität im Nordend wird geschätzt.
Die Lebensqualität im Nordend wird geschätzt.
Foto: FR/Müller

Herr Holm, das Nordend droht immer mehr ein Viertel für Besserverdienende zu werden. Freie Wohnungen werden luxussaniert, andere in teures Eigentum umgewandelt. Wer Geld hat, darf bleiben, wer keins hat, muss raus - bringt das die Situation im Nordend auf den Punkt?

Für Einkommensschwache, kinderreiche Familien und Alleinerziehende wird das Nordend in der Tat gerade geschlossen. Das Viertel hat mit die höchsten Mietpreise, Zugangsmöglichkeiten gibt es so vor allem für die klassischen Doppelverdiener und Leute mit hohem Vermögensstand.

Zur Person

Andrej Holmpromovierte 2004 als Sozialwissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin. Seit vergangenem Jahr arbeitet er im Rahmen des interdisziplinären Forschungsschwerpunktes "Europäische Stadt- und Regionalentwicklung" am Institut für Humangeografie an der Goethe-Universität.

Der Wissenschaftler forscht vor allem in den Bereichen Gentrification, Wohnungspolitik im internationalen Vergleich und Europäische Stadtpolitik. Holm lebt im Ostend - im Grenzbereich zum Nordend.

Beim heutigen Bürgerforum "Sozialer Wandel im Nordend" ist Holm einer der Experten. Ab 19 Uhr geht es im Gehörlosenzentrum, Rothschildallee 16a, um die Veränderungen im dicht besiedelten Stadtteil.

Referenten liefern einen historischen Abriss zur Entwicklung des innenstadtnahen Quartiers und beleuchten die soziale Entwicklung des Viertels. Es wird erörtert, wie die Stadt Einfluss auf die Entwicklung nehmen kann. Bewohner können sich zu Wort melden und von Missständen berichten.

Aber schaut man auf die Straßen des Viertels, ist das Quartier doch voller Familien mit Kindern.

Ja, noch gibt es auch einen großen Teil an Bestandsmietern, die recht günstige Mieten bezahlen - Altlasten aus Wohnungsmarktperspektive. Die kamen vor 20 oder 30 Jahren in ein Viertel mit preiswerten Wohngelegenheiten, machten aus ihren WGs dann Familienwohnungen. Nur hat seitdem ein Aufwertungs- und Verdrängungsprozess eingesetzt: Erst siedelten sich die Studenten an, mit ihnen Clubs und Kneipen. Das steigerte die Attraktivität des Viertels - und zieht nun andere Gruppen nach.

Besserverdienende.

Ja, nach zehn oder 15 Jahren ist die Umwandlung in einem solchen Gebiet abgeschlossen…

…und dann ist aus dem Nordend ein Westend geworden?

Im Westend und in Bockenheim ist dieser Prozess abgeschlossen, da konzentriert sich eine homogene Mittelschicht. Während andere sozial homogene Gebiete schnell als Problemviertel wahrgenommen werden, geschieht das bei einer Homogenisierung der Mittelschicht nicht. Dabei ist auch das für die ganze Stadt ein Problem.

Inwiefern?

So was ist schließlich der Verweis auf eine Segregation, eine Trennung der städtischen Bevölkerung. In solchen homogenen Gebieten verschwinden soziale Wirklichkeiten: dass das Kind des Professors mit dem des Hartz IV-Empfängers zusammen in die Schule geht; dass der Banker mit dem Facharbeiter im Haus wohnt und die Probleme der Wirtschaft aus einer anderen Perspektive erlebt. Zum Teil ist das im Nordend noch so, es ist aber der Punkt, der sich am schnellsten verändert. Was Stadt ist - das Unbekannte und Andere - reduziert sich in einer homogenen Mittelschicht.

Was kann aber die Stadt tun, um eine gesunde soziale Mischung im Viertel zu erhalten?

Zunächst gibt es für Haushalte mit günstiger Miete Schutzmechanismen: das Mietrecht, das eine Mietsteigerung einschränkt. Die Stadt Frankfurt trägt die Verantwortung, ein rechtsfestes Instrument den Mietern in die Hand zu geben: den Mietspiegel. Der jüngste in Frankfurt ist sechs Jahre alt. Das ist ein Desaster.

Wo könnte die Stadt noch Einfluss nehmen?

Sie könnte aktiv eingreifen und Baulücken selbst schließen, anstatt es Investoren zu überlassen. Auch kann sie eigene Wohnungsbaugesellschaften anregen, nicht maximale Mieten zu nehmen - auch wenn das der Ökonomisierung deutlich entgegensteht. Das alles kostet Geld, ja. Aber damit kann verhindert werden, dass ein Stadtteil zum Besserverdienendenviertel wird. Und mit einer Sondersatzung wie dem Milieuschutz kann die Stadt bei Luxussanierungen Grenzen ziehen. Das ist aber vor allem ein Schutz für unsanierte Gebiete.

Ist es aber dafür im Nordend nicht schon zu spät?

Das Nordend braucht eine Kopplung aller Möglichkeiten, um eine gemischte Bewohnerstruktur zu erhalten. Für Bornheim, Ostend und Gutleut ist eine Diskussion hilfreich. Vielleicht wird dort der Impuls aufgenommen, Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen. Der Druck ist dort ähnlich, nur eben auf einem anderem Stand.

Interview: Sandra Busch

Datum:  19 | 3 | 2009
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