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Jüdisches Leben: Das Recht der freien Wahl

Israels Ex-Botschafter Avi Primor spricht in der FR über russische Juden und wischt manche überholte Vorstellung in Politik und Gesellschaft vom Tisch. Von Annegret Schirrmacher

Der ehemalige israelische Botschafter zu Gast bei der FR.
Der ehemalige israelische Botschafter zu Gast bei der FR.
Foto: FR/Oeser

Wie viele Buchseiten braucht man, um eine Lösung des Nahostkonflikts zu beschreiben? Mehrere Bände, vermutet man angesichts der Komplexität des Themas. Avi Primor braucht 93 Seiten. Und kommt in seinem jüngsten Taschenbuch "Frieden in Nahost ist möglich - Deutschland muss Obama stärken" (Edition Körber Stiftung) auf den Punkt.

Genauso erfrischend geradlinig wirkt es, wie der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland und Publizist über die Einwanderung russischer Juden nach Deutschland referiert.

Im Depot der Frankfurter Rundschau diskutierte der Diplomat a.D. am Donnerstag mit rund 100 Gästen das Problem, um das sich zurzeit auch die Ausstellung "Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik" im Jüdischen Museum Frankfurt dreht.

Präzise und anschaulich analysiert Primor seine Erfahrung als Botschafter in Bonn von 1993 bis 1999 - das Gros der 250 000 russischen Juden wanderte zwischen 1989 und 2005 zu.

"Vor allem Israel hatte jeglichen Einfluss genutzt, um Juden aus der damaligen Sowjetunion die Ausreise zu ermöglichen", erinnert sich Primor. "Nach 1989 können die Juden raus und sie gehen nach Israel - und nach Deutschland. Das war für Israel ein Affront, eine Beleidigung."

Emotionale Debatte

Nicht nur die Zionisten behandeln sie als würdelose Juden, die in das Land der Täter zurückkehren und die Idee des jüdischen Staates verraten. Sondern auch der damalige Ministerpräsident Yitzhak Schamir würde am liebsten die Zuwanderung nach Deutschland stoppen lassen. Primor ist damals schon der Meinung: "Das war so überholt."

Mit diesem Satz wischt der Ex-Botschafter nicht zum letzten Mal an diesem Abend Geisteshaltungen vom Tisch, die sich vor allem dazu eignen, Bibliotheken zu füllen, die aber nicht zielführend und zeitgemäß sind. "Juden sollen nach Israel kommen und wir haben gute Argumente", bringt Primor die emotionale Debatte auf den Punkt. "Aber wir können es niemandem vorschreiben oder ihn als Verräter betrachten, wenn er woanders leben will. Jeder Mensch hat das Recht, sein Schicksal selbst zu entscheiden."

So schafft der Freidenker wieder Luft zum Atmen, wo viele andere in ideologischen Ansichten verharren.

Ein Interview mit Avi Primor ist - wie andere Zeitzeugendokumente - Teil der aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum, Untermainkai 14, Di. - So., 10-17Uhr, Mi. 10-20 Uhr. Bis 25. Juli.

Autor:  Annegret Schirrmacher
Datum:  22 | 5 | 2010
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