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17. August 2015

Demenz: „Ich will solche Leute hier nicht haben“

 Von 
Demente wissen sich nicht immer korrekt zu verhalten.  Foto: Imago

Demenzkranke benehmen sich hin und wieder eigenartig - und sind deshalb unerwünscht in manchen Geschäften. Für Angehörige wird das Einkaufen da schon mal zu einem Spießrutenlauf. Die Stadt Eschborn bietet Schulungen für Mitarbeiter von Unternehmen an.

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Der Filialleiter kennt keine Gnade. Wenn jemand im Realmarkt in Eschborn etwas einstecke, ohne zu bezahlen, werde er ihn wegen Ladendiebstahls anzeigen. „Da nehme ich keine Rücksicht, auf niemanden“, sagt Manfred Kocholl.

Für die ältere Frau aus Niederhöchstadt, die mit ihrem demenzkranken Mann häufig in den Supermarkt zum Einkaufen geht, wiegt diese Aussage schwer. Sie habe sich auf Anraten der deutschen Alzheimer Gesellschaft mit dem Marktleiter in Verbindung gesetzt, sagte sie der Frankfurter Rundschau. „Weil ich Sorge hatte, dass einmal so etwas passiert und vorbeugen wollte. Und weil ich auf Verständnis gehofft habe.“

Das gibt es aber offenbar zu diesem Zeitpunkt nicht im Eschborner Real-Markt. Auch nicht, als wenig später tatsächlich ein Demenzkranker einen Riegel Schokolade einsteckt und damit an der Kasse vorbeiläuft. Der Ladendetektiv hält den Mann auf, bringt ihn dazu, ein Schuldanerkenntnis zu unterschreiben und 50 Euro Konventionalstrafe zu bezahlen. Marktleiter Kocholl erstattet Anzeige wegen Ladendiebstahls. Die Polizei leitet diese an die Staatsanwaltschaft weiter.

Dass Angehörige den Marktleiter später darauf aufmerksam machen, dass der „Ladendieb“ dement und damit gar nicht schuldfähig sei, dass ein Behindertenausweis vorgelegt wird und die Seniorenbetreuerin der evangelischen Andreasgemeinde im Supermarkt anruft – das alles hilft nichts. Es bleibt bei der Anzeige.

Der im Nachhinein an ihn gerichteten Bitte, die Strafanzeige fallen zu lassen, habe der Marktleiter nicht nachkommen können, da es sich um ein Offizialdelikt handele, teilte Real-Unternehmenssprecher Markus Jablonski auf FR-Anfrage mit. „Sicherlich ist uns als Unternehmen nicht daran gelegen, nicht zurechnungsfähige Personen ohne große Not den Strafverfolgungsbehörden zu übergeben. Wir bitten aber um Verständnis, dass es insbesondere bei diesem Fall zum Tatzeitpunkt für die handelnden Personen nicht ohne weiteres erkennbar war, dass es sich um einen an Demenz erkrankten Kunden handelte.“ Bedauerlicherweise habe auch der Ladendetektiv dies nicht erkannt.

Als bundesweit tätiges Einzelhandelsunternehmen müsse Real tagtäglich mit einer großen Zahl von Ladendiebstählen umgehen, deshalb würden zunächst einmal alle Diebstähle zur Anzeige gebracht. Vorfälle wie jener in Eschborn seien jedoch die absolute Ausnahme, betonte Markus Jablonski im Gespräch mit der FR. „Ich hatte bisher noch nie damit zu tun.“ Das Verfahren sei mittlerweile auch wegen Geringfügigkeit eingestellt worden.

Für die Eschborner Seniorin, die ihren demenzkranken Mann nicht ausschließlich in den eigenen vier Wänden betreuen möchte, ist das nur ein schwacher Trost. Sie hat Angst, mit ihm auf die Straße zu gehen. Das Einkaufen werde immer mehr zu einem Spießrutenlauf, erzählt sie. Ihr Mann sei oft sehr unruhig, verhalte sich merkwürdig. „Ich weiß nicht mehr, wo ich hin soll.“ Umso mehr, als sie erfahren hat, dass auch im Café der Wiener Feinbäckerei am Eingang des Eschborner Realmarktes Demenzkranke unerwünscht sind. Eine ehrenamtliche Betreuerin, die mehrfach mit einer dementen Seniorin dort Kaffee getrunken habe, werde nicht mehr bedient, berichtet Waltraud Kraft von der evangelischen Andreasgemeinde.

Die Frau sei aggressiv geworden, habe herumgeschrien und den Kuchen auf den Boden geworfen, verteidigt sich der Geschäftsführer des Cafés, Salvatore Narzisi im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Ich will solche Leute hier nicht haben. Sie sind gefährlich und verschrecken die Kunden.“

Christa Kern, Seniorendezernentin im Eschborner Rathaus, kennt solche Probleme nur zu gut. „Ja, diese Menschen benehmen sich gelegentlich eigenartig und auffällig“, sagt sie. „Aber bei Demenz handelt es sich um eine Art von Behinderung. Da ist ein positiver und menschlich zugewandter Umgang besonders wichtig.“

Menschen mit Demenz auszugrenzen und an den Pranger zu stellen, sei der verkehrte Weg, betont auch Waltraud Kraft, die bei der evangelischen Andreasgemeinde für die Seniorenbetreuung und die Arbeit mit Demenzkranken zuständig ist. „Unser Ziel ist es, Demenzkranke in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, sie aus ihrer Isolation zu holen. Wenn sie sich merkwürdig benehmen, ist das ein gesellschaftliches Thema, dem wir uns stellen müssen.“

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Im Eschborner Rathaus hat man auf die Vorfälle reagiert. Die Stadt Eschborn bietet ab sofort an, Mitarbeiter im Einzelhandel oder in der Gastronomie kostenlos im Umgang mit Demenzkranken zu schulen. In wenigen Minuten würden Situationen, die in Läden oder Restaurants zu Konflikten führen könnten, vorgestellt und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, teilt Rathaussprecherin Beate Brendel mit.

Etwa 100 Menschen mit einer Demenzerkrankung leben ihren Angaben zufolge in der Stadt. Für sie gibt es diverse Betreuungsangebote, pflegende Angehörige können an Gesprächsgruppen und Weiterbildungen teilnehmen. Die Andreasgemeinde hat bereits ein Theaterstück mit demenzkranken Laiendarstellern auf die Bühne gebracht und organisiert Tanznachmittage für Demente und deren Angehörige.

Real-Sprecher Markus Jablonski spricht von einem „konstruktiven Dialog“, den sein Unternehmen künftig mit der Stadt Eschborn und der Kirchengemeinde pflegen wolle. Die Supermarktkette werde zudem ihre Mitarbeiter für das Thema Demenz sensibilisieren – „damit der menschliche Faktor nicht zu kurz kommt“, wie Jablonski sagt.

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