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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

04. November 2013

Demenz: Achtsamkeit und viel Zeit

 Von Jutta Rippegather
Der Verein Leben mit Demenz bietet Erkrankten und Angehörigen Hilfe.  Foto: ROLF OESER

Der Verein Leben mit Demenz berät Anghörige von Demenzkranken. Der Verein betreut bis zu dreimal wöchentlich, maximal vier Stunden pro Termin. Er bietet auch Ausflüge für Demente an.

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Heute kocht Anat Kozlov: „Streifen von Hähnchenbrust, roten Bulgur und Rosenkohl im Ofen“. Herr Müller (Namen der Gäste geändert, d.Red.) hat angeboten, ihr zu helfen. Helfen, das heißt, jede Menge Zwiebeln schneiden. Früher hat Herr Müller viel gekocht. Möglicherweise in einer ähnlichen Küche wie die, in der er gerade sitzt: Mit Eckbank, Bildern an der Wand und einer wuselnden Köchin wie Anat Kozlov, die leckere Speisen aus ihrer Heimat Israel zaubert.
Im Raum nebenan fröhliches Geplauder. Dort sitzt der Rest der Gruppe, die jeden Donnerstag von Frankfurt aus ihren „Ausflug ins Grüne“ in die Wetterau unternimmt. Acht Frauen verschiedener Generationen trinken Kaffee oder Wasser. Manche reden viel, andere nur, wenn sie angesprochen werden – was ständig passiert. Jeder der verwirrten alten Menschen hat seine eigene feste Bezugsperson. Man kennt sich, weiß um die Vorlieben des anderen. Zum Beispiel, dass Frau Krämer gerne Rommé spielt.
Das einstige Pfarrhaus in Niddatal-Wickstadt ist seit Jahren Stützpunkt des Vereins. Außerhalb der Wintermonate kommen sie jeden Dienstag und Donnerstag hier her. Ein ruhiger und gemütlicher Ort, von dem aus Ausflüge in die nahe Umgebung unternommen werden. Ein festes Programm gibt es nicht. Jeder entscheidet für sich, was er machen möchte. Die Gäste sollen sich wie zuhause fühlen.
Sabine Doma ist eine von 25 Mitarbeitern des Vereins für angewandte Sozialarbeit bei demenzieller Erkrankung. Nur in zweiter Linie, sagt die Sozialarbeiterin, gehe es darum, pflegende Angehörige für einen Tag zu entlasten. Viel wichtiger ist ihr, den ihr anvertrauten Menschen Freude in den Alltag zu bringen. „Wir wollen, dass sie aus ihrem Haus rauskommen, am Leben teilnehmen, Kontakt mit anderen Menschen haben.“ Wer verwirrte alte Menschen betreue, müsse Achtsamkeit, Geduld, Ruhe mitbringen, „und ganz wichtig ist Zeit, viel Zeit“. Denn: „Alte Menschen werden langsam.“
Auf Herrn Müller trifft das nur bedingt zu. Das Zwiebelschneiden hat der 67-Jährige flott erledigt. Jetzt, wo Ulrich Amrhein zu der Gruppe gestoßen ist, ist er nicht mehr der einzige Mann im Pfarrhaus. Das scheint ihm zu gefallen. Amrhein, Geschäftsführer des Vereins, erzählt die Genese des Projekts, dessen Kosten von 180 Euro pro Ausflugstag sich die Stadt, Stiftungen und Teilnehmer zu je einem Drittel teilen. Das Konzept hat er vor 13 Jahren mit Studenten der Fachhochschule erarbeitet.
Die Ausflüge mit der Eins-zu-eins-Betreuung seien ein Angebot für jene, die sich in der Tagespflege nicht wohl fühlen. Und eigne sich auch nicht für alle. Nicht für Rollstuhlfahrer, weil das Pfarrhaus nicht behindertengerecht ist. Aber auch nicht für jene, die schon zu lange isoliert leben. „Die bekommen Angst, dass sie nicht mehr nach Hause kommen, sondern in eine Einrichtung müssen.“
Anat Kozlov holt den Rosenkohl aus dem Ofen. Wendet das Gemüse und schiebt es wieder rein. In der Pfanne brutzeln die Zwiebeln und verbreiten appetitanregenden Duft. Nebenan hat sich die Gruppe geteilt. Rechts wird Rummikub gespielt. Links liegen die Rommé-Karten auf dem Tisch. Jetzt ist Frau Krämer in ihrem Element.

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