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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

04. November 2013

Demenz: Keine Klischeewelten für Demenz-Kranke

"Demenz darf nicht stigmatisiert werden", sagt Ruth Schwerdt, Professorin für Pflegewissenschaften an der Frankfurter Fachhochschule.  Foto: ROLF OESER

Gerontologin Ruth Schwerdt ist gegen Klischeewelten für Demenzkranke und plädiert für offene und zugleich schützende Einrichtungen.

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Ist das Demenzdorf in Alzey ein Projekt der Zukunft?
Es ist ein Versuch, bedürfnisgerecht und bedarfsgerecht ein Versorgungsangebot parallel zum Heim zu machen. Erforderlich ist aber ein Konzept der Inklusion, das kann zum Beispiel die Zusammenarbeit mit einem Kindergarten sein. Die Alltagsorientierung ist wichtig, das geht manchmal unter in Heimen. Doch das darf nicht als Therapie verstanden werden. Es gibt eine starke Strömung in der Wissenschaft, wonach Demenz nichts anderes ist als eine Form des Alterns, die nicht stigmatisiert werden darf.

Was halten Sie von der Idee, die Bewohner nach den Interessen zu sortieren? Hier die Kulturinteressierten, dort die Handwerker?
Das wird auch schon in den Niederlanden kritisiert, wo diese Lebens- und Wohnform entwickelt wurde. Man schafft so unter Umständen neue Klischeewelten. Oder wollen Sie nur mit Menschen zusammenleben, die den gleichen Beruf wie Sie haben? Wichtig ist auch die Qualifikation der Mitarbeiter.

Welche Qualifikation ist unabdingbar?
Am wichtigsten ist die Kommunikation. Können sie kommunizieren oder korrigieren sie die ganze Zeit? Korrigieren darf man nicht, auch nicht Fragen stellen wie: „Warum?“ Oder „Wo?“ Das wirkt wie Prüfungsfragen, die die Menschen unter Stress bringen, weil sie sie nicht beantworten können. Auch gute nonverbale Kommunikation ist wichtig.

Was sind Beispiele guter Demenzversorgung?
Ein gutes Beispiel segregativer Versorgung sind die so genannten Oasen. Das sind Wohn- und Lebensformen für hochgradig Demenzbetroffene, die ganz schwer erkrankt und nicht mehr mobil sind. Diese Oase bildet eine ganz eigene Lebenswelt, in der zum Beispiel sechs Personen in einem großen Raum zusammenleben. Das Bedürfnis an Privatheit lässt ja nach in späten Phasen. Man will da sein, wo andere Menschen sind und es nett ist.

Wo gibt es diese Oasen?
Das Konzept im Seniorenzentrum Holle bei Bielefeld hat mich überzeugt. Es gibt dort eine hochqualifizierte Betreuung. Eine Person, die immer vor Ort ist, die sich nicht ablenken lässt und die ganze Zeit für die sechs Personen da ist. Dort gibt es eine ganz ruhige, schöne Atmosphäre. Oasen sind nicht so segregativ wie das Demenzdorf. Sie sind offen zu den anderen Bereichen der Einrichtung und zugleich schützend.

Es gibt also nicht das optimale Konzept?
Ja, so ist es. Wir können auf Heime nicht verzichten. Aber sie müssen sich ändern. Es ist schon viel passiert, auch gerade durch die Unterstützung durch das Kuratorium Deutsche Altershilfe. Die meisten Heime haben nicht mehr den Krankenhauscharakter. Die Betreuung muss in kleinen Einheiten stattfinden. Das ist gut in dem Alzey-Projekt. Die Gruppenstärken sollen die Zahl zwölf nicht überschreiten. Sonst reagieren Menschen mit Demenz mit Stressverhalten.

Es gibt Bushaltestellen, wo nie ein Bus ankommt. Räume, die aussehen wie ein Lokal vor 50 Jahren. Was halten Sie von solchen Ansätzen?
Da baut man eine Scheinwelt auf, eine Art Lüge. Keiner wartet gerne fünf Stunden auf einen Bus, der nicht kommt. Besser wäre es, sich zu überlegen, wie man die Menschen in dieser Zeit so beschäftigt, dass sie dableiben wollen. Man muss sich dabei an ihrem Lebensentwurf orientieren, an ihrer Biografie. Sie haben ganz normale Wünsche. Sie wollen eingebunden sein, sich sinnvoll betätigen, eine gute Gemeinschaft haben, akzeptiert werden.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.
Einer Buchhalterin gibt man Buchhalterutensilien, mit denen sie sich beschäftigen kann. Da produziere ich keine Scheinwelt. Ein ganz großes Problem ist, dass wir für Männer kaum Angebote haben.

Weil man Frauen mit Haushaltstätigkeiten beschäftigen kann, Männer nicht?
Ja. Im Moment ist das noch einfach, weil der Lebensentwurf der jetzt betroffenen Frauen eher einheitlich ist. Aber wenn die 60er Generation so weit ist, in der es auch nicht mehr so viele reine Hausfrauen gibt, haben wir auch bei den Frauen das Problem.

Wie findet sich das richtige Angebot?
Durch ausprobieren. Der Betreiber in Holle hat zum Beispiel geschaut, wo sich die Menschen mit Demenz am liebsten aufhalten, und dort Aufenthaltsräume eingerichtet. Er hat auch mal ein ausrangiertes Auto in den Garten gestellt. Da habe die Männer rumgeschraubt, sich reingesetzt, gefachsimpelt. Nach zwei Jahren hat sich plötzlich keiner mehr interessiert. Dann wurde der Wagen abtransportiert. Dieses Experimentieren, Anknüpfen an der Biografie, ist das Entscheidende. Es gibt nicht die Lösung für alle.

Ist das Anknüpfen an die Biografie generell die große Herausforderung an die Betreuung alter Menschen?
Absolut. Aber noch größer wird sie, wenn die Menschen sich nicht mehr artikulieren können. Das ist bei der fortgeschrittenen Demenz eine zentrale Aufgabe. Wenn man keine Dokumente hat oder Angehörige, die man befragen kann, muss man experimentieren.

Interview: Jutta Rippegather

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