kalaydo.de Anzeigen

Demokratie im Netz: Tacheles reden von zuhause

Die neue Gestaltung der öffentlichen Plätze rund um den Hauptbahnhof bietet den Frankfurtern erstmals Gelegenheit zur stadtplanerischen Mitsprache per Internet. Von Jürgen Schultheis

Das Monument bleibt, den Platz drumherum erfinden die Bürger neu.
Das Monument bleibt, den Platz drumherum erfinden die Bürger neu.
Foto: FR / Boeckheler

Von heute an können die Frankfurter zuhause endlich Tacheles reden: Nachdem eine Jury darüber befunden hat, wie die drei Plätze an den drei Seiten des Hauptbahnhofs gestaltet werden sollen, nachdem also Fachmann und Fachfrau ihr Wort gesprochen und abgewogen haben, wie die Flächen am großen Schienenverkehrsknoten ansehnlicher hergerichtet werden sollen, sind die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt an der Reihe.

Sie können prüfen und begutachten, urteilen und verwerfen, anregen und loben, was die Architekten entwickelt und die Experten prämiert haben - und das erstmals und umfangreich vom heutigen Mittwoch an per Internet. Bequem am Computer zuhause und ohne Zeitdruck. Das Stadtplanungsamt gibt den Bürgern nämlich jetzt die Möglichkeit, Bebauungsplanentwürfe in Ruhe und unabhängig von den Öffnungszeiten des Amtes zu studieren.

Wer künftig Ideen in Planungspolitik und Planungspraxis der Stadt einspeisen will, der hat mit dem ersten großen Planungsprojekt der Stadt in diesem Jahr vollkommen neue Möglichkeiten. "Die neue Internetpräsenz soll die Bürger zum einen besser und ausführlicher informieren und sie gleichzeitig einladen, selbst an der Planung teilzunehmen", sagt Dieter von Lüpke, der Leiter des Stadtplanungsamtes. Man wolle " die Bürger als Partner für Veränderungsprozesse in der Stadt gewinnen".

Die Öffnung hin zu den Bürgern über den Einsatz der neuen Kommunikationstechnologie liegt im Trend - nicht nur in Frankfurt. Vor Monaten schon hatten sich die schwarz-grünen Fraktionschefs dieser Stadt, Markus Frank und Olaf Cunitz, dafür stark gemacht, die Menschen über das Internet stärker an der Kommunalpolitik zu beteiligen. Beide Politiker konnten sich darauf berufen, dass die Stadt beim Thema Bürgerbeteiligung und Internetangebote bundesweit vielleicht nicht Spitze ist, aber doch ganz oben mitspielt. In der zweiten Vergleichsstudie der Initiative Partizipation rangiert Frankfurt auf Platz fünf - hinter Berlin, Essen, München und Augsburg. Auch Hamburg und Freiburg zählen dazu, die mit internetbasierten Beteiligungsverfahren gute Erfahrungen gemacht haben.

Mit Angeboten, die unter dem Oberbegriff Web 2.0 zusammengefasst werden. Statt bloß zu konsumieren, besteht seit ein paar Jahren die Möglichkeit, inhaltlich mitzuarbeiten (Web 2.0, "Mitmachnetz"). Plattformen wie die Wikipedia, soziale oder berufsorientierte Netzwerkseiten wie MySpace, YouTube und Xing sowie Blogs, persönliche Diskussionseiten, sind die Beispiele für das Web 2.0. Auch Politiker nutzen die Möglichkeiten. Anna Lührmann (Grüne) hat während des jüngsten Bundestagswahlkampfes gebloggt; Spitzenkandidaten der Parteien präsentieren sich über Videokonferenzen und -botschaften den Wählerinnen und Wählern.

Auch wenn inzwischen mehr als zwei Drittel aller deutschen Haushalte über einen Internetanschluss verfügen, ein Drittel davon über das leistungsfähige Breitbandnetz angeschlossen ist und fast 70 Prozent aller Bundesbürger täglich das Internet nutzen - im Blick auf politische Beteiligungsverfahren ist die Republik im weltweiten Vergleich noch immer ein Entwicklungsland. USA, Kanada, Großbritannien, Dänemark und Estland bieten seit Jahren weitaus umfassendere Möglichkeiten der Mitsprache und des Mitentscheidens.

Das wünschen sich die Bürger auch hier zu Lande, gerade auf kommunaler Ebene. Einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zufolge wollen 79 Prozent der Bürger mehr Einfluss- und Beteiligungsmöglichkeiten auf der lokalen Ebene. Einzelne Angebote, die auf diesen Wunsch reagieren, gibt es in Frankfurt und der Region schon seit längerem. Etwa beim Planungsverband Frankfurt/Rhein-Main. Der Zusammenschluss von 75 Kommunen arbeitet seit Monaten am bundesweit ersten regionalen Flächennutzungsplan.

Über das Internetportal des Verbandes sind die Bürger eingeladen, Ideen und Anregungen zu dem Plan einzureichen. Zehn Prozent aller Stellungnahmen zum Planentwurf sind seither online eingegangen, sagt Sabine Richter, die beim Planungsverband für die Internetbeteiligung zuständig ist.

Von Mai bis Juli 2007 hatten die Bürger die Möglichkeit, die Entwürfe über das Netz einzusehen, Anregungen zu geben und Fragen zu stellen. Für dieses Partizipationsangebot ist der Verband vor zwei Jahren mit dem Preis des Informationskreises Raumplanung ausgezeichnet worden.

Nun öffnet sich das Stadtplanungsamt den Bürgern, und Amtsleiter von Lüpke hofft darauf, dass die Frankfurter dieses Angebot auch annehmen. "Wir müssen mit den Bürgern planen", sagt von Lüpke, "sonst gehen wir das Risiko ein, dass die Unzufriedenheit wächst". Bislang läuft das im Bundesbaugesetz vorgeschriebene Beteiligungsverfahren so ab: Nach der Grundsatz-Entscheidung des Römer-Parlamentes entwirft das Amt einen Plan, legt ihn öffentlich, meist im Stadtplanungsamt aus, wo Bürgerinnen und Bürger den Entwurf einsehen und Anregungen geben können. Die nehmen die Fachleute nach Abwägung auf und geben den Parlamentarieren dann eine Empfehlung für den Plan ab, der nach erneutem Parlamentbeschluss rechtskräftig und verbindlich wird.

Der Grad der Beteiligung hängt nicht mit der Bedeutung oder der Größe eines Bebauungsplanes zusammen. Das ist die Erfahrung, die Dieter von Lüpke gemacht hat und die Sabine Richter vom Planungsverband bestätigt: Der Grad der Beteiligung hängt von der persönlichen Betroffenheit ab. Weshalb in Frankfurt weitaus heftiger über die Legalisierung rechtswidriger Kleingartenanlagen gestritten worden ist als über den veränderten Bebauungsplan, mit dem Standorte zur Errichtung neuer Hochhäuser in der Innenstadt festgelegt worden sind.

Autor:  JÜRGEN SCHULTHEIS
Datum:  28 | 1 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Twitter im Landtag
 

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Anzeige

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Frage des Tages: Sollte man härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen?

Frankfurts Fassaden sind voll von Graffiti. Die Verursacher sind meistens nicht festzustellen. Die Polizei will nun härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen. Was halten Sie davon?

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frage des Tages: Welches Thema sollte der neue OB Peter Feldmann zuerst angehen?

Peter Feldmann wird Frankfurts neuer Oberbürgermeister. Welches Thema sollte der Sozialdemokrat in seinem neuen Amt als erstes angehen?

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
Manche Menschen freuen sich über den Klang von Glocken, andere fühlen sich gestört. (Symbolbild)
Fluglärm in Frankfurt 
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 

Anzeige

Staumelder

Staumelder 13 Staus mit einer Gesamtlänge von 55km
Zu den Staumeldungen
Spezial

Auch dieses Jahr dürfte beim Schulwechsel der Sturm auf die Gymnasien ungebrochen anhalten. Doch welche Schulen passen eigentlich zu welchen Kindern? Die FR bietet einen Überblick.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

 

Anzeige

 
Frankfurter Stadtteil-Porträts
Fragt man in Frankfurt die Leute, was denn die Hauptwache sei, bekommt man viele Antworten. Die einen haben einen Platz vor Augen, andere verwechseln die Hauptwache mit der Zeil. Wieder andere gehen davon aus, mit der Verabredung sei das Café Hauptwache gemeint. Oder auch die Standuhr dahinter.
Frankfurter Innenstadt 
..die Villa Meister. Das prachtvolle und heute denkmalgeschützte Gebäude hatte Herbert von Meister,der  Sohn von Carl Friedrich Wilhelm Meister, einem der Begründer der Farbwerke Hoechst, im Jahr 1902 erworben.
Frankfurt-Sindlingen 
        

Schon schön: Ein Blick in     die Grillparzerstraße im Dichterviertel.
Frankfurt-Dornbusch 
Auf den fruchtbaren Äckern im Frankfurter Norden wird immer noch Landwirtschaft betrieben. Und manch ein Erzeuger vermarktet seine Produkte immer noch selbst.
Frankfurt-Nieder-Eschbach 
Weblog

Seit vielen, vielen Jahren ist "kit" Eishockey-Berichterstatter. Im Blog berichtet er über die Löwen Frankfurt - "in your face".