Sein Name ist William Holden. Er ist ein Schriftsteller und trägt Anzüge aus Wolle, die für diese Jahreszeit viel zu dick wirken. William Holden ist an diesem Dienstag bereits den zweiten Tag in Frankfurt. Er kommt aus den Vereinigten Staaten von Amerika und hat auch schon in New York gelebt. In Amerika, sagt er, ist es, wenn man mal von New York absieht, weniger hektisch als in Frankfurt. Mehr aber wolle er nicht sagen über diese Stadt, die er nach zwei Tagen kaum kenne.
Wenn man in New York einen Menschen frage, ob er New Yorker sei oder nicht, bekomme man eine klare Antwort. In Frankfurt gebe es keine Eindeutigkeit, berichtet Holden, dort sagten die Menschen meist: Ja, aber ... Selbst wenn er eine gewisse Zurückhaltung an diesem zweiten Tag seiner Ergründungen zur Verfassung der Frankfurter angemessen finde, halte er das "Aber" doch für einen wichtigen Hinweis, um sich "die Grundhaltung dieser Stadt" zu erschließen. Holdens Recherchen münden in ein Theaterstück, an dem er jeden Tag ein bisschen schreibt, weil er am Mittwoch nächster Woche fertig sein muss.
William Holden in Frankfurt hat die spanische Künstlerin Dora Garcia ihr Projekt genannt: Sie schickt den Schauspieler Jan Mech in der Rolle des Leinwand-Helden William Holden durch Frankfurt, um Eindrücke für ein Theaterstück zu sammeln.
Das Projekt ist das Remake einer Aktion von Martin Kippenberger. Das Theaterstück ist am kommenden Mittwoch, 6. Mai, von 20 Uhr an, in der Kunsthalle Schirn zu sehen. Genauer gesagt: In der Zentrale, dem Ausstellungsraum, den die Museumsmacher eigens für die Ausstellung Playing the City geschaffen haben. Die Ausstellung verbindet verschiedenen Projekte miteinander, mit denen Kunstaktionen in den städtischen Raum gebracht werden. Mit einer Sperrmüll-Performance der Künstlerin Elizabeth Wurst und dem Theaterstück "William Holden in Frankfurt" geht die Ausstellung am kommenden Mittwoch zu Ende.
"Mein Name ist William Holden", stellt sich der 35-jährige Mann in dem viel zu dicken Anzug, der an die Mode der 20er Jahre in Chicago erinnert, am Brotstand der Kleinmarkthalle vor. Er sei ein Schriftsteller aus Amerika, sagt er und schüttelt Silly Wasiliki Charisidou die Hand. Die Händlerin ist eine überaus freundliche Frau, die als Griechin und Tochter eines strengen Vaters geboren worden ist, sich mittlerweile aber der Einfachheit halber als Silly Schaffelke vorstellt. Weil man sich das doch besser merken können als den griechischen Namen, der zugegebenermaßen ungleich klangvoller ist als Schaffelke, der Nachname ihres früheren Mannes. Das er, Holden, Schriftsteller sei, das finde sie großartig. Sie selbst wäre liebend gern Anthropologin geworden. Aber wegen des strengen Vaters, erzählt sie, sei alles anders gekommen und so verkaufe sie jetzt Brot. Das sei ein bisschen bedauerlich, wenn man nur an die Aussicht, Anthropologin zu werden, denke, aber sie betreibe das Geschäft gerne, weil man mit netten Menschen zu tun habe.
Ob Frau Schaffelke denn mitspielen wolle, am nächsten Mittwoch, abends beim Theater in der Schirn, fragt Herr Holden. Er könne sie dazu nur ermutigen, sie aber sagt, sie wisse nicht so recht. Wegen der Haare und so. "Ohne Bildbearbeitung würde Madonna nicht besser aussehen als sie", hofiert William Holden die Händlerin ein bisschen. "Die Zahnlücke habe ich wie sie", sagt Frau Schaffelke. Sie werde das sicherlich gut machen, sagt Herr Holden, der Schriftsteller, der sein Stück mit Frankfurtern besetzen will, um ein Stück Frankfurt zu erzählen.
Im Auftrag von Dora Garcia, einer Künstlerin aus Spanien, die sich an dem Kunstprojekt "Playing the City" in der Schirn beteiligt. "William Holden in Frankfurt" heißt ihre Arbeit, die das Remake eines Werks von Martin Kippenberger ist: Der frühere Städel-Professor, der sich äußerlich dem Schauspieler William Holden verwandt fühlte, hatte einen seiner Studenten auf eine Reise durch Afrika geschickt und dessen Reiseberichte in einem Buch ediert.
In Erinnerung an dieses Projekt nannte Dora Garcia ihre Kunstaktion "William Holden in Frankfurt". Selbstredend ist sein Name gar nicht William Holden, eigentlich heißt der Schauspieler, der noch bis zum nächsten Mittwoch William Holden ist, Jan Mech. In seiner Rolle geht er dem Prinzipiellen nach, stellt grundsätzliche Frage, Fragen wie diese: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Fragen, die ihn unmittelbar in die Darwin-Ausstellung im Städel geführt hätten. Da komme man schnell auf Existentielles, sagt der Mann, der augenblicklich William Holden heißt und als Schriftsteller bei dem Kunstprojekt "Playing the City" mitmacht. Für ihn, sagt William Holden, gehe es um "die Darstellung von Widersprüchen". Und dafür, setzt er hinzu, "dafür ist Frankfurt ein ausgesprochen gut geeigneter Ort."

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