Aktuell: FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

26. Januar 2016

Deutsche Stiftung Patientenschutz: „Hygiene braucht feste Regeln“

 Von 
Keineswegs eine Selbstverständlichkeit: Händedesinfektion.  Foto: imago stock&people

Neun Frühchen sind in den Helios Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden mit dem MRSA-Keim besiedelt. Patientenschützer Eugen Brysch fordert daher im FR-Interview einheitliche Qualitätsstandards bei der Hygiene für Kliniken.

Drucken per Mail

Ein externen Experte soll klären, warum neun Frühchen in den Helios Horst Schmidt Kliniken mit dem MRSA-Keim besiedelt sind. Heute will das Krankenhaus die Ergebnisse des Hygienikers vorliegen, dessen Einsatz die Deutsche Stiftung Patientenschutz gefordert hatte.

Herr Brysch, Sie behaupten, der Vorfall mit den Frühchen sei nur die Spitze des Eisbergs. Wieso?
So wie das Gesundheitsamt sich geäußert hat, gibt es seit Jahren Auffälligkeiten in dem Haus. Die örtlichen Strukturen scheinen nicht in der Lage zu sein, diesen Mangel zu beheben. Das Amt hat die Aufsicht über eine Klinik, muss Leben und Gesundheit der Menschen schützen. Es ist kein unbeteiligter Zuschauer. Im Notfall muss es auch Abteilungen schließen. Jede Kantine, in der über eine bestimmte Zeit Hygieneprobleme festgestellt werden, wird geschlossen.

Wie erfahre ich als Patient, ob es Hygieneprobleme in einer Klinik gibt?
Nur durch Zufall. Es gibt kein Meldesystem in Deutschland, das Auffälligkeiten für den Patienten leicht verständlich macht. Deshalb fordern wir, dass Kliniken ihre Daten mit einer Hygieneampel veröffentlichen.

Die Helios Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) tragen das Zertifikat des regionalen MRSA-Netzwerks. Da müsste doch Hygiene funktionieren.
Zertifikate hängt man sich an die Wand. Was in der Praxis geschieht, steht auf einem anderen Blatt. Neben der Hygieneampel fordern wir Patientenschützer eine klassische Meldepflicht bis hin zum Gesundheitsministerium eines Landes. Bei schweren Erkrankungen muss das Gesundheitsministerium binnen 48 Stunden vom Gesundheitsamt informiert werden. In Deutschland sind die Meldepflichten viel zu lax.

Eugen Brysch leitet als Vorstand die Deutsche Stiftung Patientenschutz.  Foto: Deutsche Stiftung Patientenschut

Was ist mit dem Hygienesonderprogramm des Bundes? Alleine in diesem Jahr erhalten die Kliniken von den gesetzlichen Krankenkassen dafür 60 Millionen Euro.
Auch dieses Programm basiert alleine auf Empfehlungen. Und wir wissen, was das heißt. Das Gurtanlegen im Auto zum Beispiel hätte sich alleine auf Empfehlung nie durchgesetzt. Auch im Bereich Hygiene brauchen wir bundesweit verbindliche Regeln. Auf dieser Basis kann die Aufsichtsbehörde handeln, wenn eine Klinik dagegen verstößt.

Wie von Ihnen gefordert, haben die HSK jetzt einen Experten des Robert-Koch-Instituts engagiert. Wie sind die Erfahrungen?
In Kiel hat es im vergangenen Jahr sogar Tote wegen MRSA-Keimen gegeben. Dort hat das Einschalten einer Task-Force funktioniert. Auch da waren die Meldewege zu lang, alles zu lasch, die Behörden haben keine richtigen Informationen bekommen. Wir müssen das ganz konsequent über den ordnungsrechtlichen Weg steuern.

Zur Information

Die Stiftung kämpft bundesweit für die Rechte und Selbstbestimmung Kranker sowie gegen Willkür und Kostendruck im Gesundheitswesen.
www.stiftung-patientenschutz.de

Wir leben im Zeitalter der High-Tech-Medizin. Warum ist Hygiene trotzdem so ein großes Problem?
Die Herausforderungen werden immer größer. Vor 20 Jahren lagen die Menschen doppelt so lang in einem Krankenhaus wie jetzt. Daraus folgt ein deutlich häufigerer Wechsel der Patienten. Der Hygieneaufwand ist viel höher. Doch diese Entwicklung hat nicht dazu geführt, dass wir mehr in Hygiene investieren. Auch ist die Personaldecke dünner geworden.
Außerdem scheinen Selbstverständlichkeiten wie die Desinfektion von Händen immer mehr verloren zu gehen. Die Routine des Alltags, den schnelle Wechsel, führen dazu, dass das Personal nachlässig wird. Das ist hochgradig gefährlich.

Fordern Sie einen Kulturwechsel?
Ja. Ich will eine Kultur des Hinschauens. Zur Zeit haben wir bei der Hygiene eher eine Kultur des Wegschauens. Sparen in der Hygiene darf kein Wettbewerbsvorteil sein, alle Kliniken müssen unter demselben Qualitätsstandard arbeiten. Deshalb fordere ich für alle Patienten grundsätzliche Screenings – so wie in den Niederlanden. Vor der Aufnahme, während des Stationsaufenthalts und zur Entlassung muss jeder Patient auf gefährliche Keime untersucht werden. Das verbessert auch die Möglichkeiten, Schadensersatz zu bekommen. Zur Zeit kann ein Patient in der Regel nicht nachweisen, wo er sich den Keim geholt hat.

Interview: Jutta Rippegather

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Von Hanau über Offenbach bis Wiesbaden, von Friedberg über den Taunus bis nach Darmstadt: Die Frankfurter Rundschau berichtet mit ihren Redaktionen vor Ort aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.


Auch unterwegs auf dem Laufenden:
„FR News“ –
die App für Ihr Smartphone.

Für iPhone und Android-Handys.
Jetzt downloaden!

In eigener Sache

FR erweitert den Regionalteil

Aus der Produktion unseres neuen Regionalteils.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Kein Scherz, vom Wochenende an bekommen Sie in Ihrem Lokal- und Regionalteil mehr Frankfurter Rundschau als bisher. Und etwas anders wird sie auch, ihre FR.  Mehr...

Twitter

Anzeige

Altenhilfe der FR
Altenhilfe

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

ANZEIGE
- Partner