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Dialog der Kulturen: Glockengeläut und Muezzinruf

Unser Mann in Beirut erfährt das enge Miteinander von 18 Glaubensgemeinschaften.

Der Dialog der Kulturen gehört in Beirut quasi zur Alltagskultur. Beispiel gefällig? Bitte sehr: Die Frage nach der religiösen Zugehörigkeit der Kollegen bei der Zeitung Al Hayat, deren Gast ich für vier Wochen bin, hat dort eine halbstündige Debatte ausgelöst. "Ich bin schiitische Muslima, lebe aber säkular", berichtete die Redakteurin Rana Najjar. Er sei Sunnit und nehme seinen Glauben auch ernst, ergänzte der Kollege Bassem Bakkour. Als Europäer, der nicht mit den Feinheiten der arabischen Welt vertraut ist, wundert man sich da. Eigentlich dachte ich, die Schiiten seien die strengeren Muslime, wie einst die Ajatollahs im Iran.

Falsch gedacht. So einfach ist das nicht, diese Menschen in eine Schublade zu stecken. Allein schon deshalb, weil es im Libanon weit mehr als nur diese zwei Gruppen gibt. Die Drusen zum Beispiel. Etwa 280 000 der insgesamt vier Millionen Libanesen gehören dieser Gemeinschaft an. Ob sie überhaupt Muslime sind oder nicht, darum ging es in der Debatte unter den Al Hayat-Kollegen. Bassem zum Beispiel meinte, sie seien keine Muslime, was der Kollege Mohammad wiederum ganz anders sah. "Natürlich sind das Muslime." Die Drusen, vor 1000 Jahren aus einer schiitischen Dynastie hervorgegangen, glauben an Wiedergeburt, was dem Islam ansonsten fremd ist.

Nahaufnahme

Die Frankfurter Rundschau beteiligt sich an dem neuen journalistischen Austauschprojekt "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts. Rana Najjar von der Tageszeitung Al-Hayat in Beirut (Libanon) und unser Redakteur Martin Müller-Bialon haben von Oktober bis Dezember ihren Arbeitsplatz getauscht. Journalisten von deutschen Tageszeitungen und Zeitungen aus Afrika und dem Nahen Osten berichten für einige Wochen über Politik, Kultur und Alltag der anderen Stadt. Das Projekt wird gefördert vom Arbeitsstab "Dialog mit der islamischen Welt", Auswärtiges Amt.

Wenn selbst die sich nicht einig sind, habe ich mir gedacht, dann brauch' ich mich wegen meiner Unwissenheit auch nicht schämen. Viel wichtiger ist nämlich, dass hier gläubige Sunniten mit westlich orientierten und gekleideten Schiiten (und Schiitinnen) prima zusammenarbeiten und mich als Christen herzlich aufgenommen haben.

Das zählt. Den Versuch, die religiös-politischen Umstände zu durchschauen, braucht man dagegen gar nicht erst zu starten. Da gibt es eine muslimisch-christliche Regierungskoalition und eine ebenso zusammengesetzte Opposition. Wobei die christliche Fraktion aus den maronitischen Katholiken besteht, die sich untereinander nicht recht einigen können, mit wem sie nun zusammenarbeiten wollen.

Proporz der Religionen

Insgesamt sind im Land 18 Religionsgemeinschaften bekannt, die je nach Proporz auch Sitze im Parlament erhalten. Da gibt es neben den Sunniten und Schiiten die Hisbollah, griechisch-orthodoxe, armenisch-orthodoxe, Maroniten, Evangelische, Katholische, Kopten und und und. Wie gesagt: Dialog ist da nichts, was man - wie etwa in Frankfurt - noch groß organisieren muss. Der Staat als regelnde Kraft spielt eher eine untergeordnete Rolle.

Wie eng die Religionen hier miteinander leben, kann man im Stadtzentrum jeden Tag erfahren. Am Nachmittag gegen vier Uhr ertönt der elektronisch verstärkte Muezzin-Ruf der Al-Amin-Moschee zeitgleich mit den Glocken der direkt daneben liegenden St. Georgs-Kathedrale. Das nennt man wohl gelungene Integration.

Allerdings: Es ist auch hier nicht alles Gold, was da (an der Moschee-Kuppel) glänzt. Besonders unter den Maroniten hat es Gegrummel gegeben wegen des Moschee-Baus, den der 2005 ermordete Staatspräsident Rafiq Hariri initiiert hat. Die Moschee überragt nämlich die aus dem späten 18. Jahrhundert stammende maronitische Kathedrale. Zuvor war sie das höchste Gotteshaus des Landes. Einige sagen, der Moschee-Neubau wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen, die einen Steinwurf entfernt liegende alte Al Omari-Moschee hätte ausgereicht.

Ohne ein wenig Machtgehabe und Wichtigtuerei geht es also auch hier (noch) nicht. Man arrangiert sich. Der Wille zum dauerhaften Frieden ist knapp 20 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs aber überall zu spüren. Und er wird deutlich durch den "Garten der Versöhnung", der demnächst direkt neben der Georgs-Kathedrale nach den Plänen englischer Architekten angelegt werden soll.

Autor:  MARTIN MÜLLER-BIALON
Datum:  25 | 10 | 2008
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