Zu verbeugen hätten sie sich nur im Ausnahmefall. Es gibt nämlich nur Wenige, die ihnen das Wasser reichen - oder sollte man sagen: den Strom leiten können? Frankfurt und Offenbach, beide zusammen, waren jedenfalls die ersten, die in einer elektrisch angetriebenen Straßenbahn im Dauer- und Vollbetrieb im Gebiet des damaligen Deutschen Reiches unterwegs waren. Und man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass sich Frankfurter und Offenbacher, Nachbarn mit einem besonderen Verhältnis, auch weltweit zu den ersten rechnen dürfen, die ein öffentliches Verkehrsmittel nutzen können, das mit der Kraft des Stromes angetrieben wird.
Ihnen voraus waren nur Zandvoorter (Niederlande, 1882), die Bürger von Portrush (Irland, 1883) und die Wiener (Österreich 1883). Aber den Berlinern, den Hauptstädern im ungeliebten Preußen, den dürfen die Frankfurter und Offenbach eine Nase drehen. Da hilft es auch nicht, dass die Berliner auf ihre Strecke in Lichterfelde verweisen. Die Linie zwischen Bahnhof und Kadettenanstalt auf einer stillgelegten Materialbahnstraße war ein Versuchsbetrieb auf Basis einer Konzession für Eisenbahnen.
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Die Nagelprobe, der Dauerbetrieb im Alltag auf einer Straße, den dürfen sich Frankfurter und Offenbacher als Pioniertat im Öffentlichen Personennahverkehr anrechnen: Am 18. Februar 1884 nimmt die Frankfurt-Offenbacher TrambahnGesellschaft (FOTG) zwischen Alter Brücke und Buchrainstraße im damals selbstständigen Oberrad den Betrieb der elektrischen Straßenbahn auf. Eine Strecke, die zwei Monate später - am 10. April - von der Buchrainstraße bis zum Mathildenplatz in Offenbach weitergeführt wird.
Die Pferdetram kommt aus Brüssel
Nun war der Öffentliche Personennahverkehr schon zu dieser Zeit keine neue Errungenschaft. Die ersten Eisenbahnstrecken waren im Gebiet des heutigen Hessen zwischen 1839 und 1860 mit den Strecken Frankfurt-Wiesbaden, Frankfurt-Gießen-Kassel und Frankfurt-Oberursel-Homburg eröffnet worden. Auch gab es innerstädtisch längst den Droschkenverkehr und die Pferdetrambahn. Die Brüsseler Firma F. de la Hault & Cie gründet am 19. Mai 1872 die Frankfurter Trambahn-Gesellschaft (FTG) und nimmt den regulären Betrieb zwischen Schönhof, Kurfürstenplatz, Bockenheimer Warte, Oper und Hauptwache auf.
Ein Jahr später verlängert das Unternehmen die Strecke bis zur Konstablerwache und eröffnet 1876 eine weitere Pferdetrambahnlinie zwischen Rödelheimer Straße und Leipziger Straße. Doch eine elektrische Straßenbahn, das hatte es bis 1884 noch nicht gegeben. Dass man elektrisch fahren konnte, war durchaus nicht selbstverständlich. Bei allen Versuchen, die Techniker und Tüftler mit Akkumulatoren seit den 1830er Jahren unternommen hatten, zeigte sich immer wieder, dass der Strom aus Batterien nicht stark genug war, einen mit Personen besetzten Wagen mit akzeptabler Geschwindigkeit anzutreiben.
Mit Werner von Siemens erst bricht die neue Zeit an. Jenem Mann, der aufs Glücklichste die Eigenschaften eines Erfinders mit denen eines Firmengründers verbindet, gelingt es, auf wirtschaftliche Weise Strom zu erzeugen und zu nutzen, weshalb Siemens heute als Begründer der Elektrotechnik gilt.
Auf der Berliner Gewerbeausstellung zeigt Siemens 1879 auf einem 300 Meter langen Rundkurs, dass eine elektrisch betriebene Bahn zuverlässig funktioniert. Zwischen Mai und September transportiert das Bähnchen immerhin 86.000 Menschen.
Das Geld kommt vom Nachbarn
Weil Siemens bei Berlins Stadtoberen mit seiner Idee scheitert, eine elektrisch betriebene Hochbahn zu bauen, sieht sich der Erfinder in anderen, kleineren Städten um. Und trifft in Offenbach auf Menschen mit Geld und Weitsicht.
Frankfurt, Oberrad und Offenbach verbindet schon damals ein erklecklicher Strom von Berufs- und Einkaufspendlern. Für die Pferdetram ist der Weg zu weit und zu beschwerlich, und die Bebraer Bahn, die heute Frankfurt und Fulda verbindet, hält nur in Oberrad und am heutigen Südbahnhof. Der vermutlich erste Versuch, eine Konzession für eine dampfbetriebene Bahn im Nahverkehr zu erhalten, vom Bankier Ernst Donner vorgelegt, scheitert 1872. Dampfstraßenbahnen, die innerstädtisch fahren, gelten als "milieuzerstörend", entwerten mit ihrem Dampf und Dreck die Straßen, die sie durchfahren.
Zehn Jahre später unternimmt der Offenbacher Kommerzienrat Weintraut zusammen mit dem Bankier Alexander Weimann und dem Offenbacher Bankhaus Merzbach den Versuch, mit einer elektrischen Straßenbahn von Siemens&Halske eine Verbindung zwischen beiden Städten aufzubauen.
Die Initiatoren sehen die Vorteile der neuen Antriebstechnik. Vorteile, die ein paar Jahre später der Frankfurter Baustadtrat Otto Riese in einer bemerkenswerten Denkschrift zusammenfasst: Er bilanziert hohe Betriebskosten bei der Pferdebahn, sieht mit Pferdemist verschmutzte Fahrbahnen und das Problem, ein kurzzeitig hohes Verkehrsaufkommen nicht bewältigen zu können. "Die elektrische Straßenbahn entwickelt eine größere Geschwindigkeit. Mit ihr ist eine bedeutende Fahrgeschwindigkeit zu erzielen." Fuhr die Pferdetram mit etwa 8 Stundenkilometer, verkehrt die elektrische Tram anfangs mit 12 Stundenkilometern, hätte aber auch 18 fahren können - was die Polizei aber untersagt. Die Ordnungskräfte fürchten, dass Pferde angesichts den ungewöhnlichen Anblicks scheuen.
Halb Frankfurt kommt zur ersten Fahrt
Generalunternehmer Alexander Weimann erhält am 2. Oktober 1883 die Konzession für den Betrieb der elektrischen Tram, am 18. Februar 1884 fährt die erste Tram an der Alten Brücke in Frankfurt Richtung Oberrad, Buchrainstraße, los. Halb Frankfurt soll auf den Beinen gewesen sein, am ersten Tag muss die Trambahn-Gesellschaft Platzkarten verteilen, um ein Chaos in den kleinen Wagen zu vermeiden.
780.000 damalige Mark hatte das Offenbach Konsortium in den Bau der Strecke gesteckt. Die Investition rechnet sich schnell. Schon im ersten Betriebsjahr nutzen rund eine Million Menschen die elektrische Tram. Die höchste Tageseinnahme in diesen zwölf Monaten beziffert die FTOG mit 1399 Mark, die niedrigste mit 178 Mark. Pro Person kostet eine Fahrt 20 Pfennige.
Ein historisches Ereignis ist das gewesen, ohne Zweifel. Zeit also, sich vor Offenbacher Unternehmergeist und Frankfurter Kooperationsbereitschaft zu verbeugen.

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