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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

30. August 2012

Diskussion um Beschneidung: Kurz den Rabbi beschimpfen

 Von Felix Helbig und Martina Propson-Hauck
Rabbi Andrew Steiman (Archivbild).  Foto: Alex Kraus

Der Frankfurter Rabbiner Andrew Steiman erlebt eine „virtuelle Pogromstimmung“ durch die Debatte um die Beschneidung von Jungen. Er denkt darüber nach, deshalb auszuwandern. Er und seine Kollegen erhalten täglich Hass-E-Mails.

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Als Andrew Steiman an diesem Donnerstagmorgen den Computer anschaltet, liegen wieder ein paar böse E-Mails in seinem Postfach. Er kennt das inzwischen, das ist immer so, wenn er irgendwo einen öffentlichen Auftritt hatte. Steiman, 54, bekommt dann sofort Antworten, er liest neuerdings wieder häufig Einzeiler von namenlosen Absendern, aus denen der Hass spricht. Manchmal sind erklärte Tierschützer dabei, die ihm schreiben, man dürfe ja zum Glück auch keine Hunde mehr kupieren. Manchmal ganz offizielle Kinderschützer, die ihm Amputationen bei Neugeborenen vorhalten. Dabei hat Steiman gar nicht über Beschneidungen gesprochen. Und er nimmt auch keine vor. Steiman ist einfach nur Rabbiner.

„Keiner von denen“, sagt er, „kommt auf die Idee, sich zum Beispiel darüber zu äußern, dass gerade in Berlin ein kleines Mädchen dabei zusehen musste, wie ihr Vater verprügelt wurde. Stattdessen werde ich als Kinderschänder beschimpft. Das ist die Stimmung, in der wir gerade leben.“

Vom Kioskbesitzer zur Rede gestellt

Steiman arbeitet seit zehn Jahren als Seelsorger im Altenheim der Frankfurter Budge-Stiftung, dem bislang einzigen christlich-jüdischen Altenheim der Republik. Zuvor hat er an der Jüdischen Oberschule in Berlin unterrichtet, er war dort Vorgänger von Daniel Alter, er kennt den Attackierten persönlich, aber daran liege es nicht, dass er so betroffen sei, sagt Steiman. „Es ist die Stimmung, die uns allen gerade Sorgen macht. Seit der Beschneidungsdebatte haben viele Leuten das Gefühl, im Recht zu sein. Und nur wer ein gutes Gewissen hat, kann auch im Namen der Menschenrechte eine Pogromstimmung erzeugen.“

Steiman sagt, er merke das nicht nur daran, dass er – wie in dieser Woche – in Bad-Homburg auftrete, dort über Hass-Mails spreche und am nächsten Morgen dann neue Hass-Mails bekomme. Er merke dass auch daran, dass er sich plötzlich sogar vor seinem Kioskbesitzer rechtfertigen müsse, mit dem er eigentlich immer gerne Schwätzchen halte. „Und ich merke es daran, dass vor dem Kindergarten meiner Tochter neuerdings nicht mehr zwei einfache Streifenpolizisten stehen, wie sonst immer. Sondern eine Mannschaft mit Maschinengewehren und Schutzwesten.“

Steiman dramatisiert nicht

Andrew Steiman ist im Frankfurter Budge-Heim tätig.
Andrew Steiman ist im Frankfurter Budge-Heim tätig.
 Foto: Rolf Oeser

Tatsächlich sind die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen in Frankfurt jüngst verstärkt worden. Zwar halten sich die Behörden mit Angaben dazu zurück, Polizeisprecher Alexander Kießling spricht von Gefährdungsanalysen, die sich auch aus dem Tages- und Weltgeschehen ableiteten, von Handlungsfähigkeit beim Objektschutz, von Geheimhaltung. Dass der Schutz verstärkt wurde, kann jeder sehen, der täglich an jüdischen Einrichtungen der Stadt vorbeifährt.

Attacken wie jene auf Alter hat es immer wieder gegeben, auch in Frankfurt schon. Vor fünf Jahren etwa war ein Rabbiner auf offener Straße niedergestochen worden, auch damals hatten die Behörden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. „Was sich verändert hat ist, dass es jetzt eine virtuelle Pogromstimmung gibt, man schreibt noch schnell eine Mail, um den Rabbi zu beschimpfen“, sagt Steiman. „Und irgendwann kommt das in der realen Welt an. Ich denke ernsthaft darüber nach, mit meiner Familie auszuwandern.“

Steiman ist nicht dafür bekannt zu dramatisieren, er selbst sagt, anfangs habe er noch Beschneidungswitze erzählt, das sei eben so seine Art. Damit habe er aufgehört. „Das Einzige, was mir noch Mut macht, ist, dass ich auch aufmunternde Mails bekomme.“

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