Ein kleines Kraftpaket, das da über die schwarzen Dielen des Jüdischen Museums federt. Durch dieses besondere Haus, dieses besondere Museum, das frühere Rothschildpalais.
Ein Haus mit Aura. Doch fällt das Licht der Frühjahrssonne in der Direktionsetage auf Räume mit viel zu vielen aufgeschichteten Büchern, erhellt stapelweise Kisten, Kasten und Papier. Im Gang zeigt sich unter all den Ablagen der Zipfel eines Plakats, das als überlebensgroßes Foto von Ignatz Bubis, dem verstorbenen Zentralrats-Präsidenten, zum Vorschein kommt, Restposten der Würdigung des Frankfurters im Jahr 2007. Ein Vierteljahrhundert ist vorbei seit der Gründung, auf einmal wirkt das hochherrschaftliche Denkmal des historischen jüdischen Lebens unter den Spuren eines arbeitsreichen Alltags abgenutzt.
Wie der frische Wind da drin kommt der wissenschaftliche Mitarbeiter Dmitrij Belkin daher, der bald nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als ein "Kind der Perestroika" aus der Ukraine nach Deutschland übersiedelte. Ein Wunder wäre es kaum, wenn der Historiker, Jahrgang 1971, auch die Frankfurter Jüdische Gemeinde durchlüften würde. Die These, dass durch die Zuwanderung von Leuten wie ihm, den jüdischen so genannten Kontingentflüchtlingen aus Russland, "ein neues deutsches Judentum entsteht", leitet schon in das Ausstellungsprojekt ein, für das Belkin als Kurator über drei Jahre Fakten, Geschichten und Gegenstände sammelte.
Er wird also wissen, was die um geschätzte 3000 Köpfe gewachsene jüdische Gemeinschaft in Frankfurt zusammenhält. Oder eben nicht. Sein Eindruck lautet: "Die offizielle Gemeinde hatte eine Distanz zu den Russen." Gerade hatte man sich mit der eigenen Existenz abgefunden, "plötzlich kommen diese Massen". Sein Wunsch lautet: "Das Neue muss mehr integriert werden."
All die Neuen, die man hier nur "die Russen" nennt, auch wenn sie, wie er, aus der Ukraine und aus der Millionenstadt Dnepropetrovsk, kommen. In Württemberg würde man so einen wie den jungen Belkin als "Käpsele" bezeichnen - dort im Ländle, wo er 1993/94 nach vier Tagen Fahrt im Bus in einem Flüchtlingsheim gelandet war. Weil er trotz Perestroika und Aufbruchstimmung beschlossen hatte, die als weiterhin unsicher eingeschätzte Heimat zu verlassen und man ihn als Flüchtling der Stadt Reutlingen zuwies, bevor er in Tübingen studierte.
Es würde auch "Gscheitle" passen, für einen, der mit 16 Jahren das Gymnasium, mit 21 das Studium abgeschlossen hat. Der auf Deutsch und in Deutschland, weil vom Studium in der Ukraine nur das Grundstudium anerkannt wurde, fünf weitere Jahre studiert und dann, mit 29 Jahren, zum Dr. phil. promoviert hat. Der in vier Sprachen zu Hause ist.
Auch seine jüdische Identität, zu der allenfalls die Großmutter in jungen Jahren einige Wurzeln legte, hat sich Belkin mit jüdischen Freunden und den Werken jüdischer Autoren erst erarbeiten müssen: "Es gab viele, viele Gespräche." Er nennt es "eine Selbst-Identifizierung". Irgendwann hätten sie dann angefangen, Schabbat zu feiern. Weil in der Sowjetunion religiöses Leben tabu war, war ja auch "das Judentum als Religion in den jüdischen Familien abwesend".
Um die Ausstellung zum real existierenden Alltag der jüdischen Russen in Deutschland zu entwickeln, konnte er dann "fast jeden, den ich kenne", einbeziehen. Schon, um Mitbringsel oder Erinnerungsstücke zu finden: Bettwäsche, Besteck, Dokumente, Medaillen, Fotos - "und zu jedem gibt es eine Geschichte". Sie sind nämlich zu vielen hergekommen. Die Hälfte seiner Schulklasse damals war jüdischer Herkunft. Ausgewandert sind alle, nach USA, Israel - und Deutschland.
Nach der Zeit in württembergischen Städten, "wo man eher das Gefühl hat, dass man einem ungeschriebenen Gesetz folgen soll", ist für Belkin Frankfurt erste und bleibende Wahl - eine Stadt, in der er eine liberale jüdische Gebetsgemeinschaft, den "egalitären Minjan", angetroffen hat. Und eine Stadt für ihn, "wo man sein Leben prägt, wie man will". (clau)

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