Ohrenärzte in aller Welt horchten auf, als Mitte Mai das Fachjournal Cell meldete, einer internationalen Forschergruppe sei es gelungen, aus Stammzellen Haarzellen zu erzeugen. Diese Nervenzellen des Innenohrs sind entscheidend am Prozess des Hörens beteiligt: Sie nehmen aus der Umwelt Vibrationen auf und leiten sie als akustische Signale an die Nervenzellen des Gehirns weiter. Erst dort werden die Informationen verarbeitet: Wir hören.
Nehmen die Hörsinneszellen durch Krankheit oder Medikamente Schaden, ist Schwerhörigkeit die Folge. Denn die sensiblen Haarzellen regenerieren sich nicht. Deshalb war der Erfolg der Forschergruppe, zu der auch Marc Diensthuber, Assistenzarzt an der Uniklinik Frankfurt, gehört, so bedeutend. Die Bekämpfung der Schwerhörigkeit will Diensthubers Chef, Timo Stöver, Direktor der Hals-, Nasen-, Ohrenklinik, jetzt zum Forschungsschwerpunkt machen. Das teilte der renommierte Wissenschaftler, der sein Amt am 1. Januar antrat, am Donnerstag mit.
Schwerhörigkeit sei mit 44 Millionen Betroffenen allein in der Europäischen Union längst eine Volkskrankheit, betonte Stöver. Bisher werde sie mit Hörgeräten oder Implantaten gelindert. Der neue Ansatz mit Stammzellen gebe jedoch berechtigten Anlass zur Hoffnung, dass in der Zukunft Schwerhörigkeit geheilt werden kann.
Bisher seien im Tierversuch mit Mäusen funktionsfähige Haarzellen erzeugt worden. Der nächste Schritt müsse sein, die gleichen Ergebnisse auch mit Zellen des Menschen zu erzielen. Wenn das gelingt, "wäre das ein Durchbruch auf dem Weg zur Wiedererlangung des natürlichen menschlichen Hörvermögens", sagte Stöver.
Doch bis dahin müssen noch zahlreiche Hürden überwunden werden. So ist Diensthuber zufolge unklar, wie die Hautzellen im Innenohr in die korrekte Position bugsiert werden können. Auch die Verknüpfung der Sinnes- mit den Nervenzellen sei ein ungelöstes Problem. "Zehn Jahre, vielleicht auch länger", tippt Stöver, werde es noch dauern, "bis wir in die klinische Anwendung gehen können." Zuvor braucht Stöver Geld: "Vielleicht findet sich ja ein privater Geldgeber, den unser Vorhaben fasziniert."

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