Ach, so schön ist Offenbach! Seine breiten Straßen, seine monumentale Beton-Architektur der 70er Jahre! Seine Denkmäler, seine Büdchen, sein Autobahnanschluss! Weltkulturerbe am Main! Das Haus, in dem Mark Medlock wohnte! Eine Stadthalle für internationale Kongresse und Reptilienbörsen! Verzauberte Heimat, eingefangen auf knatterndem Schmalfilm. Das ist so dick aufgetragen, dass der Kurzfilm „Offenbach hat viel zu bieten“ Lachkrämpfe auslösen kann – so kürzlich geschehen beim Weiterstädter Filmfest.
Dort war der gerade mal zweieinhalb Minuten dauernde Streifen dann auch der Publikumsliebling, und der 1. Preis, der „Weiterstädter Filmhirsch“ ging auch in diesem Jahr – mal wieder – an Manuel Francescon. Zum sechsten Mal in acht Jahren hat der gebürtige Offenbacher damit diesen Hirschen gewonnen, quasi im Abo.
Wer Manuel Francescon live erleben will: „Drei für Europa“ tritt am Montag, 25. Oktober, im Klabunt, Berger Straße 228, in Frankfurt-Bornheim auf. Beginn 20.30 Uhr, Eintritt 10,99 Euro. Kartenreservierungen unter 069/94598140.
Und schon ein Termin für das neue Jahr: Am 11. Januar 2011 ist „Offenbach hat viel zu bieten“ mit etlichen anderen Kurzfilmen von Manuel Francescon im Studentenkino Pupille an der Frankfurter Uni zu sehen.
Im Internet sucht man Francescons Filme vergeblich. Zum Ansehen derselben gehört seiner Meinung nach nämlich das Knattern des Filmprojektors, das Gefühl, dass hier ein echter Film gezeigt wird, und das gemeinsame Lachen.
Filmen – ein Minusgeschäft
„Ich bin gesegnet mit Filmpreisen“, sagt er. Aber: „Das ist ein Minusgeschäft, das Preisgeld reicht gerade mal für Material und Entwicklung. Man braucht dafür schon eine große Leidenschaft, und damit bin ich infiziert.“ Wer noch aus der Vor-Video-Zeit stammt, der weiß: Im Format Super-Acht schlummern große Qualitäten. „Wenn man mit einer alten Schmalfilmkamera dreht, sieht das Ergebnis immer so aus wie 1972, als die Welt noch in Ordnung war“, sagt Francescon. Diesen Heile-Welt-Effekt bekommt keine noch so teure Videokamera hin.
Eine Werbeagentur hat bei ihm deshalb mal einen Film bestellt, der den Blick aus einem fahrenden Auto anno 1920 zeigen sollte. Kein Problem, gedreht hat er den ziemlich authentischen Streifen in Dresdner Vororten mit altem russischen Filmmaterial.
4000 Mark kosteten Super-Acht-Kameras einst, so viel wie ein Gebrauchtwagen – heute kauft Francescon seinen Nachschub für ein (billig) bis zwei (teuer) Euro auf Flohmärkten. „Sie sind empfindlich wie Rennpferde, die müssen bewegt werden, sonst rosten sie fest“, sagt der Schmalfilmer.
In deutschen Schrankwänden lagern vermutlich noch Millionen Kilometer aus Rimini und vom Wolfgangsee mitgebrachte Urlaubserinnerungen aus den 60er und 70er Jahren, die nach erfolgreich durchgeführter Erholung pflichtgemäß den Zuhausegebliebenen vorgeführt wurden. Kinder, das nannte sich Filmabend!
„Man muss sich das mal vorstellen, das waren ja Stummfilme. Langweilige Landschaftsaufnahmen, in denen ab und an einer winkt, neun Minuten langweiliger Mist“, sagt Francescon kopfschüttelnd.
Trash, „Abfall“, heißen die schrägen, schrillen Filme, die der 42-Jährige mit großem Erfolg dreht, und Trash soll hier gar keine Beleidigung sein, ganz im Gegenteil: Kult und Quatsch, Wahn und Wirklichkeit, gekonnter Käse und Gegenentwurf zu unzähligen bemühten Hobbyfilmchen. „Das sind ganz billige Produktionen, die nur durch die Ideen punkten“, sagt er.
Kuchen zu Goldbarren
Die Darsteller sind Freunde und Verwandte und natürlich auch der Regisseur höchstselbst, Kuchenformen müssen als Goldbarren, ausgeschnittene Plastikfolien als Blutlachen herhalten.
Doch selbst das ist manchem noch zu realistisch. Ja, Manuel Francescon musste tatsächlich schon mal erklären, dass die Hauptdarstellerin eines seiner Filme nicht die kleine Schwester von NS-Starregisseurin Leni Riefenstahl war, wie im Film behauptet, sondern er selbst, verkleidet. Es versteht eben nicht jedermann die feine – oder auch unfeine – Ironie.
So geschehen zum Beispiel bei der Beinahe-Uraufführung der Persiflage „1000 Meisterwerke“ – der schwurbelige Kunstfilm über die Schändung eines Denkmals in der Fußgängerzone von Villingen-Schwenningen brachte eine deutsche Filmfest-Jury so aus der Fassung, dass sie das empörende Stück aus dem Wettbewerb warf. „Ich wundere mich manchmal schon, dass Menschen so humorfrei sein können“, meint Francescon grinsend.
Ähnlich scherzresistent dürften auch die anonymen Anrufer sein, die Francescon regelmäßig nächtens aus dem Schlaf reißen – die angebliche Sex-Hotline in einem anderen Kurzfilm ist nämlich seine eigene Telefonnummer. Naja, wenigstens der Filmemacher kann darüber lachen.
Überhaupt: Das wäre ja noch schöner, wenn nicht! Denn Manuel Franceson – Vater Italiener, Mutter Berlinerin – hat schon einiges Schräge und Schrille in seinem Leben gemacht. Wir wollen hier natürlich nicht über einen besonders pikanten Job schreiben – zwei Jahre lang hat er Pornofilme synchronisiert –, aber wir tun es natürlich trotzdem. „Nach zwei Stunden hyperventiliert man“, erinnert er sich an diesen nicht ganz so einfachen Job. Dabei darf’s nämlich nicht zu lustig werden, „denn der Endverbraucher hat ja anderes vor“.
Star oder Stammgast
Tempi passati, dabei wäre Manuel Francescon vielleicht beinahe mal sehr berühmt geworden, und immerhin: „Wenn ich erkannt werde, dann in Köln, Hamburg, Berlin, nie in Offenbach“, sagt er – und prompt straft ihn der Kellner in seinem Lieblingslokal im Offenbacher Nordend Lügen: Wo er ihn denn schon mal gesehen habe? Nein, Stammgast, das glaube er nicht, er tippe eher aufs Fernsehen.
Der Ober hat ein gutes Gedächtnis: Er könnte Francescon zum Beispiel in seiner zweiten Existenz als Schauspieler gesehen haben, etwa in der Pro-Sieben-Comedy-Serie „Gott sei Dank ... dass Sie da sind!“. Oder zusammen mit Bernhard Lenz als Duo Freax.
Oder er hat ein sagenhaftes Gedächtnis und erinnert sich noch an Francescons allerersten Auftritt, damals mit 13 im Theater Offenbach, dem heutigen Capitol.
„Ich stand mal als Jugendlicher bei Badesalz als Opfer aus dem Publikum auf der Bühne“, sagt Francescon. „Da dachte ich, hier will ich leben, hier will ich sein.“ Mit 18 drehte er seinen ersten Kurzfilm mit dem vielversprechenden Titel „Zahnpasta des Grauens“.
Nächstes Kurzfilmprojekt: Ein Superheldenfilm mit Super-Bösewichtin. „Es wird Zeit, dass Deutschland sowas bekommt“, sagt er. Die Heldenrolle übernimmt er selbst. Zu lachen gibt es genug, ob hier, dort oder in Offenbach.
Aber, ihr Frankfurter! Witze über Offenbach – das sollten nur Eingeborene machen dürfen. Manuel Francescon ist einer, und zwar einer, der seine Heimatstadt heiß und innig liebt, dem das Herz nach Tagen in der Fremde aufgeht, wenn er auf den Kaiserleikreisel einbiegt. Sein Motto: Hier bin ich geboren, hier lebe ich und hier werde ich wohl auch sterben.
Ganz ernsthaft meint er: „Ich würde wahnsinnig gerne mal einen Imagefilm für die Stadt drehen, und zwar einen ganz seriösen mit großem Budget.“ Denn – Offenbach hat viel zu bieten. Und das ist kein Witz.

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