Es war fast ein Flehen, ein Betteln, das dort aus dem Westen nach Frankfurt herüberschallte. Sehnlichst und unbedingt wollten die Rödelheimer dazugehören. Zur großen Stadt Frankfurt, zum Fortschritt. So sehnlichst und unbedingt, dass sie jahrelang immer wieder der Eingemeindung wegen anfragten. 40 Jahre lang sandten sie in schöner Regelmäßigkeit ihre Anfrage in die große Stadt. Immer wieder bekamen sie eine Abfuhr. Bis 1910.
Dann durfte der Rödelheimer sich endlich Frankfurter nennen. Doch auch wenn Frankfurt sich lange bitten ließ, die Eingemeindung war von langer Hand geplant: Bereits vor 1910 standen die Rödelheimer in den Frankfurter Telefonbüchern, fanden sich die Einwohnerverzeichnisse im gleichen Buch wieder. "Das stand schon so lange im Raum", sagt Historiker Bernhard Reichel, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Rödelheim. "Allein der juristische Schluss war noch nicht vollzogen."
Rödelheim zählt rund 18.000 Einwohner auf einer Fläche von 514,5 Hektar. Der Stadtteil feiert dieses Jahr neben seiner Eingemeindung auch 125 Jahre Stadtrecht.
Jubiläumsveranstaltungen: Der Heimat- und Geschichtsverein präsentiert sein zweites Band zur Stadtteilgeschichte, Samstag, 17. April, 15 Uhr, Radilostraße 17-19. Sonntag, 30. Mai, 11 Uhr: Diskussion um Sinn und Unsinn der Eingemeindung im Vereinsringhaus, Friedel-Schomann-Weg 7. Das Straßenfest am Samstag, 12. Juni, steht unter dem Motto der Eingemeindung.
Ein Wahrzeichen ist der Wasserturm von 1899. Er diente als Trinkwasserspeicher. Mit der Eingemeindung und dem Anschluss ans Frankfurter Wassernetz wurde der Turm überflüssig. Heute steht er unter Denkmalschutz.
1461 fällt Rödelheim durch Heirat an die Grafen Solms. Sie prägten über 300 Jahre den Ort. Der Solmspark erinnert an die Herrschaft. Er entstand aus einem klassischen Landschaftspark, der 1879 ums damalige Schloss des Grafen angelegt wurde. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Der Brentano-Park entstand aus einem Garten , den der Geschäftsmann Georg Brentano 1808 kaufte. Die Stadt erwarb den Park 1926 und legte dort das größtes Parkschwimmbad Europas, das Brentanobad, an.
So gesehen war es wohl am 1. April 1910 eine Liebesheirat nach langer Kennenlernphase. Doch außer Liebe brachten beide noch mehr in die Ehe ein: "Rödelheim war reicher als viele der anderen eingemeindeten Nester", sagt Reichel. "Und unter all denen auch am bedeutendsten." Denn Radilenheim - als solches wird Rödelheim 788 erstmals erwähnt - war damals schon Stadt. Nicht Dorf wie Berkersheim, Niederursel, Hausen. Eine aufstrebende Stadt, mit Gewerbe: Metallwerke, Ziegelbrennereien, Druckereien. Industrie, die Frankfurt dringend brauchte: Ohne Rödelheim hätten im Nordend bloß Bretterbuden gestanden. Denn mit Ziegeln "Made in Rödelheim" errichteten die Frankfurter Ende des 19. Jahrhunderts ihre Häuser.
Und dann war da auch noch der Glamour des Ortes an der Nidda: Ein Schloss im Park verbreitete prächtigen Glanz. Früher hatte dort der Graf zu Solms-Rödelheim residiert. Die Brentanos hatten sich zeitweise eingemietet, Goethe war mal zu Besuch gewesen. "Rödelheim war ein Residenzort", sagt Reichel. "Und zwar der einzige weit und breit." Kein schlechter Schnapp also für Frankfurt. Schließlich lag Rödelheim auch noch verkehrsgünstig an der Handelsstraße nach Köln. Und es zählte damals gut 10.000 Einwohner. Hatten sich doch viele, die in Frankfurt arbeiteten , in Rödelheim niedergelassen. "Es wohnte sich dort billiger als in der Großstadt", erklärt Reichel.
Wer einmal Großstadtluft geschnuppert, der will dazu gehören
Schließlich war Rödelheim auch nur einen Katzensprung entfernt. Nicht, wenn man zu Fuß laufen musste. Aber das mussten die Rödelheimer ja nicht: Sie hüpften in die Pferdebahn - ab 1904 in die elektrische - und ratterten bis in die Großstadt durch. "So waren viele Rödelheimer vor der Eingemeindung schon öfter in Frankfurt gewesen", sagt Reichel., "und haben dort am Fortschritt gerochen." Und wer einmal Großstadtluft schnuppert, der will dazugehören. Her mit Elektrizität, Gasanschluss, befestigten Straßen. Weg mit verschlammten Wegen und Petroleumleuchten. "Die Menschen, die Industrie - alles drängte auf Infrastruktur", sagt Reichel. "Das konnte Rödelheim aber einfach nicht alleine schultern."
Die Ehe mit Frankfurt sollte das ersehnte Glück bringen. Am Hochzeitstag änderte sich aber im Alltag der Menschen erstmal nicht viel. Auf dem Poststempel stand zwar nun nicht mehr Rödelheim, sondern Frankfurt (Main) Rödelheim. Aber das nahm man im Rödelheimer Postamt ohnehin nicht immer so genau. Zumindest wurden auch acht Jahre später noch Briefe mit dem alten Rödelheim-Stempel versehen.
An jenem Freitag im Frühjahr 1910 wachten die Rödelheimer morgens als Frankfurter auf. Manche wechselten über Nacht gar die Adresse: Alle Straßennamen, die es in Frankfurt bereits gab, mussten verschwinden. "Das waren gar nicht wenige", erzählt Reichel. "Viele bekamen Namen von Pfarrern oder Ortsnamen aus dem Taunus." Aus Taunusstraße wurde dann Lorscher Straße, aus Bahnhofs- die Radilostraße.
Auch kleine Geschenke zur Eingemeindung wurden gemacht
Eine Hochzeitsfeier gab es nicht, Geschenke aber durchaus. Rödelheim trat seine Bewohnerzahl an die Großgemeinde Frankfurt ab, machte sie damit zur flächenmäßig zweitgrößten Stadt im Deutschen Reich. Auch kleine persönliche Geschenke wurden überreicht: In ihrer letzten Sitzung entschieden die Stadtverordneten Rödelheims, sich vor dem Scheiden alle noch mal gemeinsam ablichten zu lassen. Um der Stadt Frankfurt ein großes Bild von ihnen zu schenken. Quasi ein letztes Andenken an die Trauzeugen, "bevor die Rödelheimvertreter dann in der Bedeutungslosigkeit verschwanden", sagt Reichel.
Von Frankfurter Seite gab es vor allem erstmal Versprechen. Manche hielt die Stadt: Kanalisation, Wasseranschluss, Straßenbau, Volksbad - das alles kam in den ersten Jahren. Mit der gewünschten Realschule wurde es aber nichts. Und das Versprechen, stets ein Standesamt in Rödelheim zu behalten, war nach ein paar Jahren auch vergessen.
Aber man ist nicht nachtragend in Rödelheim. Der 100. Jahrestag der Eingemeindung wird dort ordentlich gefeiert. "Die Eingemeindung hat ja wirtschaftlichen Aufschwung gebracht", begründet Reichel. Man hätte sich langfristig der Bindung an Frankfurt aber ohnehin nicht entziehen können. "Rödelheim wäre anders nicht voran gekommen." Das wussten die Rödelheimer. Und haben laut und anhaltend gen Frankfurt gerufen. Oder gefleht.

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