Das wahre Spiel ist schon um kurz nach Sechs am Frankfurter Hauptbahnhof entschieden. Der Pokal der Herzen eindeutig an die Frankfurter Eintracht ergangen. Natürlich nicht nur, weil die Eintracht-Schalträger eindeutig in der Mehrheit sind - wär´ ja auch zu blöd vor heimischer Kulisse.
Nein, vor allem wegen ihm: Pascal aus Diez in Rheinland-Pfalz. Er trägt das Eintracht-Wappen in Schwarz und Rot auf dem Unterschenkel tätowiert und den ganzen Fußball-Enthusiasmus im Leib. Und der muss raus: "Schwarz-Weiß wie Schnee, ja das ist die SGE. Wir holen den Scheißegal-Pokal und wir werden Deutscher Meister", singt er in schönstem Bariton. Nein, Chorsänger ist er nicht, aber eindeutig lauter als Kumpel Tobias, der das rote Bayern-Shirt unterm Bayernschal trägt und den Stern des Südens intoniert.
Aber beim Pokal gelten ja bekanntlich andere Gesetze, da ist sogar das feuchtfröhliche Crossover der Vereine drin. Zumindest ist das bei Tobias, Pascal und seinen Kumpels Maik, Simon, Alexander und Jörn so. Zweimal Bayern, zweimal Eintracht, zwei HSV-Ultras als kooptierte Mitglieder im Eintracht-Block und ein Dortmunder, der für Bayern ruft. "Geht alles", sagt Maik. Und so das Pokal-Achtelfinale Bayern-München gegen die Eintracht ohne Verlängerung und Elfmeterschießen endet, werden sie wohl alle auch wieder einträchtig gemeinsam nach Hause fahren.
Umfallen ist unmöglich
Aber erst geht´s zum Spiel, das je nach Schalträger "3 : 0 für die Bayern" ausgeht oder "2:0 für Frankfurt". Obwohl Nikolov als unwägbarer Faktor im Frankfurter Tor steht, sagt Pascal. "Mal ist er ein Fliegenfänger und dann wieder Weltklasse." Klar wird er heute Weltklasse sein und außerdem - nach diesem dumm verlorenen Bundesliga-Spiel am Samstag muss heute der Sieg für Frankfurt her. "Wir haben uns am Samstag nur warmgespielt, heute wird Bayern triumphieren", höhnt Tobias.
Aber schlimmer wird´s nicht zwischen den beiden, weil die gegnerischen Teams nach ordentlicher Schmiere aus dem mitgebrachten Bierfass doch lieber wieder den fußballerischen Sänger-Wettstreit antreten, dass sich die Bahnhofsvorhalle zur Bühne mit Background-Chören aus allen Richtungen verwandelt. "Stern vom Süden, Bayern-München, du wirst niemals untergeh´n" - aber die Sänger heiser ins Stadion.
Auf dem Bahnsteig ist umfallen schon unmöglich - und die Eintracht immer noch deutlich überlegen. Nur Sergej und Andreas und ein paar weitere Kumpels aus Lahnau halten die Stellung. Klar, dass sie da sind, wenn ihr Favorit Bayern München gewissermaßen vor der Haustür spielt. Allesamt haben auch schon organisiert, dass sie am nächsten Morgen später zur Arbeit können. Der Pokal hat eigene Gesetze - auch das gehört dazu. "Muss man hin", sagen alle.
Dont cry for me, FC Bayern
Prickelnd, weil es um alles geht. Hopp oder Topp. "Einer fliegt raus". Bayern-Fan Andreas glaubt an einen Eintracht-Sieg. 2:1 tippt er in die fassungslose Runde. "Weil die Eintracht am Samstag verloren hat und es jetzt um jeden Preis wissen will." Am Ende darf er doch mit den anderen in die S-Bahn steigen. Wahre Größe demonstriert Gelassenheit. Und überhaupt. Sollte es am Ende zum Elfmeterschießen kommen, müssen alle ohnehin mit einer Eintracht-Anhängerin aus ihrem Ort nach Hause fahren, weil die mit dem Auto und nicht mit der Bahn angereist ist. "Was soll´s." Hauptsache, ein prickelndes Spiel.
Das erhofft sich auch Wolfgang Kögler, der mit Frau Margarete, Sohn Marc und Genevieve, Schwiegertochter in spe, aus Münchholzhausen angereist ist. Pokal-Achtelfinale als Familienausflug. Weil alle eingefleischte Bayern sind. Wolfgang Kögler schon seit 1963, vor allem wegen Beckenbauer. Und dem tollen, erfolgreichen Spiel.
Das hört man oft an diesem Abend. Von Guido und Peter zum Beispiel, die eigens aus Dienslaken angefahren kamen - ausstaffiert mit Bayern-Trikots aus dem Bayern-Fanshop in Obernhausen, "dem einzigen, den es da oben gibt". Schnell noch ein Bier, ehe sie in den Menschenstrom gen Stadion-Eingang tauchen. Bayern gewinnt, sagen sie. Auch wenn die Eintracht dieses Jahr verdammt gut gestartet ist, was man von "uns Bayern" ja nicht behaupten kann. Aber keine Kritik. Keine Bemerkungen über Gomez, sollen die Eintracht-Fans nebenan doch noch lauter singen. "Bayern gewinnt." Für den 16-jährigen Christoph aus Pfungstadt ist das klar wie Kloßbrühe. Schon beim 3:0 für Bayern widerspricht niemand mehr, das 4:0 erleben schon nicht mehr alle. "Dont cry for me, FC Bayern", tönt es aus dem Off.

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