Seit 26 Jahren steigt Heidi Dörr morgens die Treppe in ihren Laden hinunter und erst nach elf Stunden Arbeit wieder hinauf. Montags bis samstags. Die Treppe verbindet ihr Wohnhaus mit dem Geschäft, dem Edeka-Markt im mittelhessischen Rauischholzhausen. Die 50-Jährige hat den einzigen Lebensmittelmarkt in dem Dorf mit 1300 Einwohnern. Früher habe es fünf gegeben, sagt Dörr. Vor 20 Jahren habe der vorletzte zugemacht. Wer seither Brot, Joghurt oder Obst kaufen möchte, muss zu ihr - oder weiter weg zum Discounter.
Was nach lukrativem Monopol aussieht, ist ein harter Kampf. Dörrs Überlebenskonzept: Selbstausbeutung, mietfreier Laden, ehrenamtliche Mitarbeit der Familie. Anders würde das Geschäft wohl schon lange nicht mehr laufen. Denn mag die Milch auch teurer sein als beim Discounter - es reicht gerade zum Überleben. Die meisten Kunden kauften ihre Lebensmittel im Discounter, nur für Vergessenes kämen sie noch in den Dorfladen, sagt Dörr.
In anderen ländlichen Regionen sieht es ähnlich aus: Viele Dorfläden hätten mittlerweile geschlossen, sagt der Sprecher des Einzelhandelsverbands Hessen-Nord, Heiner Dippel. Zu wenig Kunden und Umsatz. "Das versuchen wir seit Jahrzehnten jeder Kommune zu verdeutlichen, die großflächigen Einzelhandel im ländlichen Raum genehmigt hat und so kleinen Läden ihre Existenz raubt." Oft sei es ein Kampf gegen Windmühlen. Autofahrer litten kaum darunter, es treffe Kinder, Jugendliche und Ältere, die nicht mobil seien.
Martin Franz von der Universität Marburg untersucht die Nahversorgung auf dem Land. "Viele Ladenbetreiber haben das Rentenalter schon überschritten oder stehen kurz davor. Nachfolger sind meist nicht in Sicht, so dass viele Dorfläden in den kommenden Jahren schließen werden."
Heidi Dörr hat eine durchschnittliche Arbeitswoche von 70 Stunden, den letzten Urlaub machte sie vor 15 Jahren. Sonst hätte sie wohl schon lange schließen müssen. "Mein Mann arbeitet noch mit, macht den Lieferservice. Wir bringen den Kunden ihre Sachen auch nach Hause. Manchmal hilft auch meine Mutter", sagt Dörr. "Mittlerweile habe ich auch noch die Post und eine Lotto-Annahmestelle hier drin. Auch deshalb kommen viele Leute und kaufen gleichzeitig noch ein."
Zwei sind einer zu viel
Dörr erfüllt jeden Wunsch, lässt anschreiben und hat für jedes Problem eine Lösung. Sie klagt nicht, sondern nimmt die Dinge, wie sie sind. Eine Kämpfernatur. Ob das zum Überleben reicht, wird sich vielleicht schon bald zeigen. Denn, so geht das Gerücht, bald soll ein Discounter eröffnen. "Das muss man abwarten", sagt Dörr. "Aber wenn es stimmt, dann muss ich schließen. Zwei Geschäfte im Ort, das geht nicht."
Heiner Dippel ist sicher, dass Dorfläden eine Chance haben, wenn sie neben Lebensmitteln auch Dienstleistungen anbieten und sich zum Dorfzentrum entwickeln. "Die Menschen vor Ort müssen den Dorfladen wieder als ihren Laden begreifen", sagt Dippel. "Dass die Immobilienpreise um 20 Prozent fallen, wenn das letzte Geschäft im Ort schließt, zeigt, welche Bedeutung ein Geschäft im Ort hat."

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