Es ist stockdunkel, als Talley Hoban loszieht. Die Temperaturen liegen nur knapp über dem Gefrierpunkt. Ideale Bedingungen, um sich über den Müll anderer Leute herzumachen.
Talleys Ziel – hier sind alle per du – sind die Container von Bio-Supermärkten in einem Wiesbadener Industriegebiet. Aus den Mülleimern fischt sie Nahrungsmittel. Nahrungsmittel, die in ihren Augen auf den Tisch und nicht zum Abfall gehören. Dumpster-Diving nennt sich das, was die 37-Jährige an diesem Abend tut. Müll-Tauchen. Oder Containern. Zwei- bis dreimal im Monat zieht sie los.
Von Beruf ist Talley Sekretärin. Sie hat sich selbstständig gemacht. Ist – wie sie sagt – gut im Geschäft und könnte ganz normal im Supermarkt einkaufen. Aber sie ist aus politischer Überzeugung hier. „Andere retten Wale – ich rette Gemüse“, sagt Talley.
Ein Prozess wäre die Möglichkeit, eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.
Was da Tag für Tag in Deutschland aus den Supermärkten in die Container wandert, bezeichnet sie als wertvolle Güter: Netze voller makelloser Tomaten und nur einem matschigen Exemplar, Äpfel mit kleinen Druckstellen oder Joghurt, der selbst laut Aufdruck noch einen Tag haltbar ist.
Konkrete Zahlen zur Lebensmittelverschwendung in Deutschland fehlen. Eine nationale Wegwerf-Studie, in Auftrag gegeben von der Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU), soll Anfang 2012 Klarheit bringen.
Bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel, so die Schätzungen der Ministerin, landen jährlich in deutschen Mülleimern. Das entspricht mehr als 500000 Ladungen von Lastwagen, ihre Schlange würde von Berlin bis Peking reichen.
Beteiligt sind nach einer neuen EU-Studie die Haushalte mit 42, Hersteller mit 39, die Gastronomie mit 14 und der Einzelhandel mit 5 Prozent.
Verbraucher werfen laut der europäischen SAVE FOOD-Studie mehr als 20 Prozent der gekauften Lebensmittel weg, 80 Kilo in jedem Jahr – andere Quellen nennen gar 250 Kilo. Die Hälfte sind Obst und Gemüse, danach folgen Essensreste und Fertigprodukte.
Jeden von uns soll das im Jahresdurchschnitt 330 Euro kosten. Bei besserer Planung und Aufbewahrung könnte die Hälfte davon vor der Entsorgung bewahrt werden.
Tipps wider die Verschwendung: www.test.de/themen/essen-trinken/ meldung Lebenssmittelverschwendung.
Überhaupt das Mindesthaltbarkeitsdatum. „Warum hat Salz oder Reis ein Mindesthaltbarkeitsdatum?“, fragt Talley und liefert die Antwort gleich nach: „Damit mehr weggeschmissen wird und die Lebensmittelindustrie mehr verkaufen kann.“ Sie ist der Meinung, dass die Konsumenten lieber ihre eigenen Sinne nutzen sollen. Anstatt sich auf ein aufgedrucktes Datum zu verlassen.
Talley rettet die Lebensmittel nicht nur vor der Müllabfuhr, sie isst sie auch. Gemeinsam mit Menschen aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet feiert sie am Tag nach dem Containern eine Koch-Party. Wann und wo diese stattfindet, veröffentlicht sie im Internet. Oft kennt sie ihre Gäste vorher gar nicht.
Doch jetzt müssen erst noch die Zutaten beschafft werden. Der große Parkplatz auf der Rückseite des Supermarktes mit dem Abstellraum für die Container liegt verlassen da. Der Laden hat seit einer Stunde geschlossen, auch das Reinigungspersonal ist mit seiner Arbeit fertig.
Talley meidet den Kontakt zu den Angestellten des Supermarktes. Vor vier Jahren, ganz zu Beginn ihrer Dumpster-Laufbahn, wurde sie von Mitarbeitern beschimpft. Danach waren ihre Erfahrungen durchweg positiv. Sie hat von Angestellten Tipps bekommen, an welchem Tag die Container besonders gut gefüllt sind. Andere haben ihr aussortierte Ware in separaten Kisten hingestellt. Doch Talley will den Mitarbeitern diese Begegnungen ersparen.
Dumpster-Diving ist in Deutschland illegal. Diebstahl vor dem Gesetz. Auch wenn der Wert der Beute bei null liegt. Der Inhalt der Container gehört dem Supermarkt so lange, bis er im Müllauto verschwindet. 2004 wurde eine Kölnerin wegen Containern zu Sozialstunden verurteilt. 2009 stellte die Staatsanwaltschaft Bautzen ein Verfahren gegen Müll-Diebe ein, die von der Polizei erwischt worden waren. Der Betreiber des Supermarktes hatte auf eine Anzeige verzichtet und ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung bestand nicht.
Auch Talley hat immer wieder Kontakt mit Polizisten. Als müllsammelnde Begleiter bei ihren Container-Touren. Sie bietet Workshops an, in denen sie ihr Wissen um das Dumpster-Diving vermittelt. Ein Kripo-Beamter aus Frankfurt war schon mehrfach mit von der Partie. „Aber ich fände es gar nicht schlimm, angezeigt zu werden“, sagt Talley. Ein Prozess wäre für sie eine Möglichkeit, den Umgang mit Lebensmitteln mit Juristen zu diskutieren – und vielleicht eine größere Öffentlichkeit zu erreichen.
Auch heute ist Talley nicht allein. Zu zweit oder dritt wird das Dumpstern zum Gemeinschaftserlebnis. Neben dem politischen Anspruch will Talley auch ihren Spaß. Das Müll-Durchstöbern hat für sie etwas von einer Schatzsuche. Und natürlich ist das Sicherheitsgefühl – nachts im einsamen Industriegebiet – in Begleitung größer. Jetzt braucht sie ganz einfach Hilfe. Jemand, der den Deckel aufhält, während sie sich in den großen Restmüll-Container schwingt. Das ist Jennys Part. Die 22 Jahre alte Studentin aus Chicago tourt durch Europa. Für kostenloses Essen und einen Schlafplatz hilft sie ihren Gastgebern bei anfallender Arbeit. Talley kennt sie seit einem Tag.
Aus dem Container erklingt ein Jubelschrei. Knietief in blauen Mülltüten versunken hat Talley eine reife Mango und einen halben Kürbis entdeckt. Geübt hebt sie weiter eine Tüte nach der anderen an. In den leichten ist „echter Abfall“, die schweren reißt sie auf und durchforstet sie nach den Objekten ihrer Begierde.
Ideal sind Supermärkte in Industriegebieten. Die Läden in der Innenstadt schließen ihre Müllcontainer häufig ab.
Um Aufmerksamkeit zu vermeiden, nicht mit mehr als zwei oder drei Personen gemeinsam losziehen. Dumpster-Diving ist illegal.
Die Müllcontainer unbedingt so hinterlassen, wie man sie vorgefunden hat. Wenn Müll um sie liegen bleibt, wird nächstes Mal vielleicht abgeschlossen.
Große Beute gibt es bei den großen Märkten. Für den Hausbedarf ist das Angebot der Bio-Läden ausreichend.
Lebensmittel, die im Laden gekühlt werden, sollten auch in der Tonne noch kühl sein. Sonst besser liegen lassen.
Workshops bei Talley Hoban sind gratis. Erwünscht sind Mitbringsel, die sich im Müll nicht finden lassen wie Bier, Wein oder Kaffee. Erreichbar ist Talley Hoban via E-Mail unter Talleyho@web.de.
Im Internet gibt es diverse Seiten zum Dumpster-Diving. Etwa www.trashwiki.org, dumpstern.de, container.blogsport.de oder containern.de.
Talley agiert mit bloßen Händen. Später will sie diese mit Desinfektions-Schaum reinigen. Sagt sie. Talley hat keine Be-rührungsängste. Noch im Container beißt sie in den Kürbis. „Mmmm, lecker“, sagt sie und grinst.
Eine kleine Show-Einlage, wie sie auf dem Weg zum nächsten Markt erzählt: „Viele Leute halten mich für völlig verrückt und denen zeige ich gerne mal, wie verrückt ich wirklich bin.“
Die weitere Beute: Mehrere Liter Dinkelmilch, eine Tomate, und fünf Salatköpfe. Eine Packung Putenfleisch landet wieder im Container. Aber sie hat auch schon Hackfleisch mitgenommen. In kalten Nächten wie dieser hält es sich manchmal.
Tags darauf wird sie mit ihren Gästen eine Kürbis-Kartoffel-Kokos-Suppe zubereiten und einen mit Blüten dekorierten Salat. Mit am Tisch sitzt eine Ärztin und greift beherzt zu. „Bei mir ist noch niemand vom Essen krank geworden“, sagt Talley.

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