Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

13. Dezember 2012

European Business School: "Ich bin hier und ich bleibe hier"

Rolf Cremer (l.) im Interview. Foto: peter-juelich.com

Rolf Cremer, Präsident der dauerhaft schlagzeilenträchtigen EBS, hält die Zukunft seiner privaten Hochschule für sicher. Hessen hat Millionen an Steuergeld für den Aufbau der EBS hingeblättert - offenbar ohne deren Geschäftsmodell überhaupt erstmal zu prüfen.

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Rolf Cremer, Präsident der dauerhaft schlagzeilenträchtigen EBS, hält die Zukunft seiner privaten Hochschule für sicher. Hessen hat Millionen an Steuergeld für den Aufbau der EBS hingeblättert - offenbar ohne deren Geschäftsmodell überhaupt erstmal zu prüfen.

Herr Cremer, die neue juristische Fakultät der EBS Universität hat deutlich weniger Studierende als sie hätte haben sollen, um wirtschaftlich zu arbeiten. War der Aufbau ein Fehler?

Nein, im Gegenteil. Die Gründe, die zur Entscheidung für die Law School führten, sind heute so gültig wie damals. Es gibt bei der Ausbildung von Juristen eine Lücke: Viele werden nicht wirtschaftsnah ausgebildet, obwohl sehr viele von ihnen später in Unternehmen und Wirtschaftskanzleien arbeiten. Wir verbinden ein Volljuristenstudium bis zum ersten Staatsexamen mit einer exzellenten Wirtschaftsausbildung. Fast alle großen und einige kleinere Kanzleien sind im Kuratorium der Law School vertreten. Alle halten das Konzept nach wie vor für richtig.

Aber die Zielgruppe Studenten hat es noch nicht gemerkt.

Doch, sie hat es gemerkt, aber sie ist vielleicht nicht so groß, wie sich das die frühere Geschäftsführung ursprünglich vorgestellt und entsprechend geplant hat. Wenn ein neuer Studiengang eingerichtet wird, warten viele ab, bis klar ist, da gibt es gute Abschlüsse und die Absolventen kommen gut im Markt unter. Wir haben inzwischen festgestellt, dass die Studierendenzahlen, mit denen gerechnet wurde – rund 200 Studenten pro Jahr –, zumindest in der Anfangszeit zu optimistisch sind. Diese Anfangsphase dauert auf keinen Fall weniger als fünf Jahre. Wir haben die Prognose auf etwa 120 Studenten pro Jahr reduziert, in diesem Jahr haben wir 116, das finde ich gar nicht schlecht.

Was Sie als „zu optimistisch“ bezeichnen, nennen andere „geschönt“. Hat da eine frühere EBS-Führung die Politik eingewickelt, um an die Anschubförderung zu kommen?

Ich habe keinen Anhaltspunkt dafür, dass der Wunsch Vater des Gedankens war. Wir müssen heute feststellen, dass die vor vier oder fünf Jahren angenommenen Zahlen einfach zu hoch gegriffen waren. Hier haben wir, die neue Geschäftsführung, den Hebel umgelegt und planen konservativer.

Was sagen Sie denn Leuten, die sich wundern, warum ausgerechnet eine Hochschule, die jungen Leuten gutes Wirtschaften beibringen soll, solche Probleme hat?

Wir haben durch die Geschehnisse um meinen Vorgänger im vergangenen Jahr durchaus einen Reputationsschaden erlitten. Aber die Leute, die bei uns unterrichten, managen ja nicht die Universität. Seit Kanzler Georg Garlichs und ich Verantwortung tragen, wirtschaften wir sehr solide und sehr konservativ.

Visionen und Mut

Vorher war es nicht solide und konservativ?

Um den Sprung von der Business School zur Universität zu wagen, braucht es Vision, Mut und Überzeugungskraft – dazu ist ein bestimmter Menschenschlag nötig. Wenn diese Fantasie, dass wir das schaffen können, nicht dagewesen wäre, hätte es dieses Projekt vielleicht nie gegeben und auch nicht die Unterstützung der Politik. Wir haben jetzt die Verantwortung und den Willen, das umzusetzen, eine Art Konsolidierung zu betreiben.

Wo stünde die EBS heute, wenn es die Law School nicht gäbe? Ginge es ihr besser oder schlechter?

Die Business School hätte sich ohne eine zweite Fakultät nicht zur Universität entwickeln können. Das haben wir geschafft und es ist ein sehr positiver Schritt für die Institution, die Studenten und die Qualität der Professoren, die man anziehen kann. Die EBS hat ja eine erfolgreiche Geschichte, sie hat demonstriert, dass sie sich wirtschaftlich trägt – das war der Grund, warum man gesagt hat, wir bauen auf der existierenden Stärke die Universität auf. Aber die Aufgabe ist nicht einfach und nicht von jetzt auf gleich erledigt. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, früher als reine Wirtschaftshochschule war alles besser.

Zur Person

Rolf Cremer ist seit Mai 2011 Präsident der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, der früheren European Business School, in Oestrich-Winkel und Wiesbaden. Seinen Vorgänger Christopher Jahns hatte die EBS entlassen, als bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft Wiesbaden wegen des Verdachts der Untreue gegen ihn ermittelt. Jahns wehrt sich vor dem Arbeitsgericht gegen seine Entlassung.

Zuvor war Cremer in der Führung der China Europe International Business School in Schanghai tätig. Der Volkswirt hat an der TU Darmstadt promoviert und ist außerdem Ehrendoktor der EBS.

Einen Weg zurück gibt es nicht?

Nein, das wäre absurd. Und Politiker, die so etwas in den Raum stellen, halte ich für verantwortungslos. Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber den 1500 jungen Menschen, die an der EBS studieren, den Professoren und den Alumni ernst. Der Aufbau der Law School ist sinnvoll und unverändert machbar. Das Ganze wird allerdings dadurch schwieriger, dass die EBS – auch wegen struktureller Probleme in der Vergangenheit, bei denen sie sich an die eigene Nase fassen muss – im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht.

Kritiker der EBS äußern den Verdacht, dass die Idee zur Law School entstand, weil mit der Anschubfinanzierung von 24,7 Millionen Euro aus Steuergeld auch Finanzlücken an der Business School gestopft werden sollten.

Der Zuwendungsbescheid vom Juli 2009 hat eindeutig den Aufbau der Law School und der „Universität Wiesbaden“ zum Ziel. Dass der Rechnungshof laut Medienberichten von einem dauerhaften jährlichen Fehlbetrag in Millionenhöhe an der Business School ausgeht, ist eine Behauptung, die ich kürzlich zum ersten Mal gehört habe.

Es wurden aber in der Vergangenheit auch Mittel für andere Dinge verwendet.

Richtig. Im Zuwendungsbescheid steht zwar, wofür das Geld ausgegeben werden darf, aber nicht bis ins Detail. Einige der Dinge, für die wir Mittel verwendet haben, sind beanstandet worden. Das ist ein bisschen wie bei der Steuererklärung, bei der Sie angeben, was sie für absetzbar halten, und dann vom Finanzamt gesagt bekommen, dass manches davon nicht anerkannt wird. Das hat zu der Rückforderung von 950.000 Euro für die Jahre 2009 und 2010 geführt.

War die frühere EBS-Führung da zu leichtfertig?

Im Nachhinein würden wir uns wünschen, dass die Personalstrukturen in der Universitätsverwaltung langsamer aufgebaut worden wären. Im Nachhinein ist das aber auch leichter zu beurteilen.

Wachstumsplan bis 2018

Im Rechnungshofbericht ist immer wieder von einer wirtschaftlichen „Schieflage“ der EBS die Rede. Ist die Existenz der Universität in Gefahr?

Zunächst: Ich habe bis heute den Bericht des Rechnungshofes nicht vorliegen und finde das sehr merkwürdig. Meines Wissens nach berücksichtigt der Bericht Informationen bis August 2012. Seitdem haben wir entscheidende Schritte unternommen. Wir haben in den vergangenen Monaten einen bis 2018 reichenden Wachstumsplan entwickelt, der von externen Gutachtern geprüft worden ist. Dieser Plan sieht vor, dass wir ab 2014 wieder schwarze Zahlen schreiben werden. Für die Zeit bis dahin haben wir ein Finanzierungskonzept entwickelt, über das wir uns mit den Banken im Grundsatz verständigt haben. Der Rechnungshof konnte dieses Programm und das Finanzierungskonzept noch nicht kennen; er wäre sonst möglicherweise zu anderen Schlüssen gekommen. Womöglich geben wir in unserem Konzept Antworten auf einige Punkte, die der Hof moniert.

Ist es Mitte Dezember normal, dass die Finanzierung für 2013 noch nicht komplett in trockenen Tüchern ist?

Es ist vielleicht ein bisschen später, als es wünschenswert wäre, aber keineswegs zu spät. Es geht schließlich um ein realistisches Konzept für die nächsten sechs Jahre.

Ist es denn realistisch?

Selbstverständlich. Wenn man sich das in Ruhe anschaut, erkennt man: Da ist nichts Abgehobenes dran, wir haushalten solide. Wir bauen die Studentenzahlen so aus, dass wir wissen, das geht. Wir haben in der Weiterbildung ein moderates Wachstumsziel, wir wollen Drittmittel effektiver für die Universität nutzen. Das ist kein Wolkenkuckucksheim. Ich bin kein Schönredner – im Gegenteil: Wir haben die Pläne zurückgeschnitten auf das, was machbar ist. Wir müssen zurück auf eine feste Basis und von da aus wieder aufbauen.

Sie sprechen von „wir“. Was ist an Spekulationen dran, Sie würden zurücktreten wollen?

Absolut nichts. Ich bin hier, ich bin hier gerne und ich bleibe hier.

Viel Charakter

Der Rechnungshof empfiehlt, die letzte Tranche der Anschubförderung von 700.000 Euro, die die Wissenschaftsministerin derzeit zurückhält, gar nicht auszuzahlen, sondern mit beanstandeten Beträgen zu verrechnen. Wie schwer würde Sie das treffen?

Ich habe keinen Grund zur Annahme, dass die Landesregierung die mit uns geschlossenen Verträge nicht einhält. Wenn unser Finanzierungsplan vorliegt, kann diese Tranche ausgezahlt werden.

Würde die Finanzierung denn andernfalls scheitern?

Nein. Dafür sind die 700.000 Euro nicht entscheidend. Andererseits ist es natürlich so, dass das bei rund 35 Millionen Euro Umsatz im Jahr rund zwei Prozent ausmacht, das täte natürlich weh. Wenn wir die 950.000 Euro im vergangenen Jahr nicht hätten zurückzahlen müssen, hätten wir praktisch keinen operativen Verlust gemacht.

Wie sehr schadet Ihnen das Störfeuer des früheren EBS-Präsidenten Christopher Jahns, der sich vor Gericht und medial mit der Universität auseinandersetzt?

Lassen Sie mich mit einer Wunschvorstellung antworten. Die EBS Universität hat gute Leistungen, eine gute Reputation und viel Charakter. Sie ist mit Begeisterung von vielen Leuten geleitet worden. Wir blicken mit Respekt und Dankbarkeit darauf – das würde ich mir für alle Präsidenten wünschen.

Das Interview führte Volker Schmidt

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