Noch ist es das letzte feministische Archiv Deutschlands, das keinen Mann über die Schwelle lässt. Aber vielleicht fällt das Tabu bald auch an der Marburger Philipps-Universität. Zumindest ein bisschen. Aktuell debattieren die Mitarbeiterinnen kontrovers darüber, ob es zumindest eine Öffnungszeit geben soll, während derer auch Männer im Feministischen Archiv stöbern dürfen. Im Sommersemester ist eine Podiumsdiskussion zum Thema geplant. Danach wird entschieden.
20 Jahre lang wurde das Gebot strikt eingehalten. So strikt, das selbst während der Asbest-Sanierung des Asta-Trakts der Philipps-Universität händeringend nach weiblichen Handwerkerinnen gesucht wurde. "So lange die Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist, so lange haben auch Frauenräume ihre Berechtigung", erklärt Mitarbeiterin Eva Georg. Noch sind die Mitarbeiterinnen zwiespältig. Die Konfliktlinien: Nach wie vor sind Frauen innerhalb der Universität benachteiligt. Trotz der vielen Studentinnen gebe es nur wenige Professorinnen, sagt Eva Georg.
"Wichtiger Freiraum"
"In einem Frauenraum kann man sich von dem emanzipieren, was einem draußen immer wieder entgegenschlägt." Auf der anderen Seite komme es - unabhängig vom Geschlecht - auch darauf an, warum jemand ins Archiv komme. "Es gibt ja auch Männer, die an einer feministischen Auseinandersetzung interessiert sind", sagt Soziologiestudentin Laura Fix. Bislang ist ihr Schnauzermischling Homer das einzige männliche Wesen, das über die Schwelle tapsen darf.
Alle anderen etwa 30 Frauenarchive bundesweit haben sich nach und nach für Männer geöffnet, erzählt die Politikwissenschaftlerin Viviane Vidot. Vermutlich aber auch, weil viele von Bund, Land oder Kommunen gefördert werden, sagt sie. Das Feministische Archiv Marburgs wird jedoch ehrenamtlich von Studentinnen geleitet. Bücher finanziert der Asta über einen festen Etat. Doch da das Archiv als autonomes Referat gilt, agieren die Mitarbeiterinnen unabhängig.
Im Dezember 1989 wurde die Einrichtung gegründet. Das Ziel: einen Freiraum für Frauen zu schaffen, um sich frauenspezifisches Wissen anzueignen und eigene politische Vorstellungen, Utopien und Aktionen zu entwickeln. Heute zählt das Archiv mehr als 7000 Bücher sowie mehr als 40 Frauen- und Lesbenzeitschriften, etwa für Juristinnen, Historikerinnen und Religionswissenschaftlerinnen. Gesammelt werden Examens- und Hausarbeiten, Flugblätter, Broschüren, Tagungsbände und Plakate.
Die "Emma" wurde abbestellt
Die Bücher sind nach Themengebieten sortiert, die von "Herstory" über "Recht und Unrecht" bis zu Sexualität reichen. "Es gibt hier viele Bücher und vergriffene Literatur, die man sonst nicht bekommt", sagt Mitarbeiterin Eva Georg. Seit 2009 können Frauen auch in der Datenbank namens "Marlene" recherchieren. Dazu gibt es Lesekreise, Vorträge, Themenabende, Filme und Tagungen.
Aktuell sorgen fünf Studentinnen dafür, dass das Archiv regelmäßig geöffnet wird, dass neue Bücher bestellt, in den Katalog aufgenommen und verwaltet werden. Jede Studentinnengeneration hat ihre Spuren hinterlassen, sagen die Mitarbeiterinnen. So wird man die aktuellen Ausgaben der Zeitschrift "Emma" heute vergeblich suchen. Sie wurde schon 2004 abbestellt. Emma sei zu etabliert und vertrete manchmal einen Feminismus, der rassistisch sei, erklärt Eva Georg.
Stattdessen gibt es nun Zeitschriften aus dem Pop-Feminismus. Es gibt eine Kooperation mit dem städtischen Gleichberechtigungsreferat. Frauenbeauftragte Christa Winter unterstützt das Archiv: "Es stellt Bücher zur Verfügung, die in anderen Bibliotheken selten zu haben sind." Zudem würden dort wichtige feministische Diskussionen - etwa über alternative Ökonomie - geführt.

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