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Finsteres Nachkriegshessen: Qualen im Kinderheim

Der Ausschuss für Arbeit, Familie und Gesundheit lud zur Anhörung zum Unrechtsschicksal der Heimkinder in den 50er und 60er Jahren. Unisono beklagen die Opfer, keine Entschädigung bekommen zu haben. Von Petra Mies

Selbst ein Heimopfer: Alexander Markus Homes
Selbst ein Heimopfer: Alexander Markus Homes
Foto: ddp

Immer wieder fließen Tränen. Nicht nur bei denen, die mutig berichten, was sie als Kinder erleiden mussten, sondern auch bei denen, die ihnen zuhören. Schluchzer klingen auf. "Dieser Tag wird in die Annalen des Landtags eingehen", sagte Andreas Jürgens (Grüne), Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit, Familie und Gesundheit. Der Aussschuss hatte für Donnerstag eine öffentliche Anhörung zum Unrechtsschicksal der Heimkinder in den 50er und 60er Jahren einberufen.

Neben Experten, Mitgliedern der kommunalen Spitzenverbände, Heimträgern und Fachverbänden kamen dabei vor allem die zu Wort, denen so lange keiner zuhören wollte: die ehemaligen Heimkinder. Viele von ihnen erzählen, wie schwer es überhaupt falle, sich anderen anzuvertrauen. An der strukturellen Gewalt, die ihnen in widerfahren ist, leiden sie bis heute. Neben körperlichen und psychischen Leiden in den staatlichen wie auch kirchlichen Heimen, von denen die Opfer berichten, ist ihren Schilderungen zufolge auch sexuelle Gewalt an der finsteren Tagesordnung gewesen - und das sogar im "Namen Gottes". Alexander Markus Homes, selbst Opfer, hat sich ausführlich mit dem Thema befasst. Vier Betroffene, die offiziell im Ausschuss über das Schreckliche berichteten, aber auch viele weitere ehemalige Heimkinder kamen nach Wiesbaden.

"Es war die Hölle"
"Ich wollte sterben"

"Das Jugendamt wies mich 1966 ins staatliche Erziehungsheim Guxhagen-Breitenau nahe Kassel ein. Es war die Hölle. Riesige Mauern mit Stacheldraht, vergitterte Fenster. Als wir vorfuhren, fragte ich, ob ich ins Gefängnis käme. Ich musste mich völlig nackt ausziehen und bekam Nachthemd und Kittel. Strümpfe gab es nicht. Ich musste für die Industrie arbeiten. Zum Essen gab es nur drei Suppen. Viele Mädchen haben sich selbst verletzt oder wollten flüchten. Es gab keinerlei Freiheit, nur Kontrolle. Nachts wurden die Schlafsäle abgesperrt. Da es nur einen Nachttopf gab, trauten wir uns oft nicht, die Notdurft zu verrichten, weil der schon überfüllt war."

Renate Schmidt, 59 Jahre

"Ich war in drei Heimen in Hessen. Ich bin immer wieder abgehauen. Von Geburt an war ich nicht gewollt. Ich habe auf alle möglichen Weisen versucht, mich umzubringen, weil ich diese Abgabe der eigenen Persönlichkeit in den Heimen nicht aushalten konnte. Schläge, Missbrauch, ich habe alles erlebt. Verwahrt und eingesperrt, ich wollte sterben. Ich wollte mich aufhängen, mir die Pulsadern aufschneiden, sogar Rattengift habe ich geschluckt. Es hat lange gedauert, bis ich mein Leben danach einigermaßen in den Griff bekommen habe. Ich bin trockener Alkoholiker und glücklich verheiratet. Die Alpträume aber sind geblieben."

Manfred Menke, 50 Jahre

Gudrun Eckenroth war sogar aus den Niederlanden angereist. Immer wieder um Fassung ringend, erzählt sie, wie sie im Viincenzstift der Dernbacher Schwestern neben der dort und andernorts herrschenden Zucht und Brutalität von einem Priester vergewaltigt wurde, wenn sie in der Beichte "etwas Unrechtes" offenbart habe. "In den Heimen wurde systematisch die Kindheit zerstört." Und: "Das darf nicht noch einmal geschehen."

Neben dem Wunsch, die Grauen öffentlich zu machen und damit in der Tat zum "Nie wieder" beizutragen, dient die Aufarbeitung allerdings auch den Fragen nach der heutigen Lage der Opfer, die unisono beklagen, keine Entschädigung zu bekommen. Auch dass die Täterinnen und Täter in den Ämtern und Heimen bis auf vereinzelte Versetzungen keine Konsequenzen tragen mussten, bewegt die Betroffenen. Strafen gar? Oder Gerichtsverfahren gegen sie? "Mir ist kein Gerichtsverfahren wegen des Unrechts, das den Heimkindern widerfahren ist, bekannt", sagte Manfred Kappeler aus Berlin. Der Professor legte dar, wie auch in Hessen bis in die 70er Jahre hinein unzureichend qualifiziertes Personal die Heranwachsenden oftmals bestenfalls verwaltete.

Wie wichtig es sei, dass der Runde Tisch Berlin auch die Bundesländer aufgefordert habe, sich des Themas Heimkinder anzunehmen, machte Ausschussvorsitzender Jürgens deutlich. Dabei sparte auch er schockierende Details der Berichte von den insgesamt 50 betroffenen Menschen, die sich nach einem Aufruf in Wiesbaden gemeldet hätten, nicht aus. Mehr als einmal habe er beispielsweise von Erbrochenem gehört, das die Kinder wieder in den Mund nehmen und schlucken mussten. Viele Betroffene wüssten auch bis heute noch nicht, warum sie überhaupt ins Heim gekommen seien, und müssten überdies noch feststellen, dass sie der "Idiotie" verdächtigt worden seien.

Jürgens: "Es sind bedrückende Zeugnisse davon, was der Mensch dem Menschen anzutun fähig ist."

Autor:  Petra Mies
Datum:  30 | 10 | 2009
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