kalaydo.de Anzeigen

Forscher aus Überzeugung: Ohne ideologische Grenzen

Seinen Gegnern gilt Karl-Heinz Kogel als "oberster Getreide-Gentechniker der Republik". Dabei hat sich der Professor für Pflanzenschutz und Pflanzenforschung auch mit seiner Forschung für Biobauern einen Namen gemacht. Von Gesa Coordes

Gerste-Ähren mit ihren typischen langen Grannen im nordhessischen Ringgau.
Gerste-Ähren mit ihren typischen langen Grannen im nordhessischen Ringgau.
Foto: dpa

Die Gengerste verbirgt sich in kleinen Plastikdosen. Noch sind die Pflänzchen winzig, die der Gießener Agrarwissenschaftler Jafargholi Imani im künstlichen Licht des Labors aus weißen Zellhaufen gezogen hat. Der Mitarbeiter von Professor Karl-Heinz Kogel gehört zu den wenigen Experten für die Manipulation von Gerstengenen. Nebenan, im Gewächshaus der Liebig-Universität, wachsen die Pflanzen in Hunderten von Töpfen weiter. Die Ähren werden mit kleinen Tüten geschützt, damit sie sich nicht gegenseitig befruchten. Sie tragen ein Gen in sich, das sie widerstandsfähiger gegen Insekten und Blattläuse machen soll.

"Das ist Grundlagenforschung", sagt Versuchsleiter Kogel. Ebenso wie die gentechnisch veränderten Möhrenpflanzen, auf die niemand mehr allergisch reagieren soll. Mit den umstrittenen Freilandversuchen hätten diese Experimente nichts zu tun, sagt der Professor für Pflanzenkrankheiten und Pflanzenschutz. Die wachsen jetzt in den USA und Mecklenburg-Vorpommern.

Seit 2006 gilt Karl-Heinz Kogel bei seinen Gegnern als "oberster Getreide-Gentechniker der Republik". Bis dahin hatte sich der Professor für Pflanzenschutz und Pflanzenforschung auch mit seiner Forschung für Biobauern einen Namen gemacht. Etwa mit einem Pilz aus der Wüste, der das Wachstum von Pflanzen verstärkt. Mit Gentechnik zu hantieren, sei an der Hochschule aber schon seit 25 Jahren selbstverständlich. An der Universität habe dies meist sogar ein positives Image, versichert Kogel: "Wir haben keine ideologischen Grenzen."

Doch dann erhielt der Spezialist für Getreidekrankheiten den Zuschlag für ein 650000-Euro-Projekt des Bundesforschungsministeriums: Keine Forschung für Unternehmen, beteuert der 53-Jährige, der bei anderen Versuchen auch mit dem Chemiekonzern BASF zusammenarbeitet: "Es geht nur um die Biorisiken." Er wollte herausfinden, ob genmanipulierte Gerste unerwünschte Auswirkungen auf nützliche Bodenorganismen hat. Ausgesät wurde Gengerste, die resistenter gegen schädliche Pilze sein und sich besonders gut als Hühnerfutter und zum Brauen eignen soll. Der Sozialdemokrat hatte die Unterstützung der früheren rot-grünen Bundesregierung und der grünen Gießener Bürgermeisterin. Damit fühlte sich der Alt-68er auf der sicheren Seite.

Pflanzen ausgerissen

Doch es war das erste Mal in Deutschland, dass Gerstensaat aus dem Genlabor auf freiem Acker angebaut wurde. Direkt am Philosophikum wurde das nur knapp zehn Quadratmeter große, von Sicherheitszäunen und konventioneller Gerste umgebene Versuchsfeld mit 5000 Pflanzen angelegt. "Es sollte ganz transparent sein", erklärt Kogel. Doch schon nach wenigen Wochen wurden die Pflanzen herausgerissen. Auch 2007 wurde das Feld zerstört. Und 2008 besetzten die Gengegner den Acker dann schon vor der Aussaat. Seitdem wächst die Gengerste aus dem Gießener Labor in den USA und Mecklenburg-Vorpommern. Doch die Proteste reißen bis heute nicht ab.

Sein schärfster Gegner: Jörg Bergstedt, dem er am 15. Juli erneut vor Gericht begegnen wird. Kogel ist als Zeuge geladen, wenn sich sein Gegenspieler wegen des Ausreißens der Gerste verantworten muss. Bergstedt hat ihn aber auch schon angezeigt wegen des Verdachts der illegalen Anlage eines Genfeldes in Mecklenburg-Vorpommern. Zur Zeit läuft deshalb auch ein Ermittlungsverfahren gegen Kogel. "Das Feld war mit den Behörden abgesprochen", versichert der Wissenschaftler.

Karl-Heinz Kogel, Genosse, Alt-68er und respektabler Vizepräsident der Gießener Universität, findet das alles so "irrational und unfassbar", dass er die Augen verdreht. "Da hat sich ein Sumpf Autonomer gebildet, die unsere Arbeit massiv bekämpfen." Mit Greenpeace mag er noch debattieren. Die "Politclownerien" von Bergstedt dagegen seien "unter aller Kritik". "Affentheater" nennt er die Aktionen, die viele Mitarbeiter des Instituts aber durchaus als "psychische Bedrohung" empfunden hätten. Dass Experimente bewusst zerstört werden, sei in der Wissenschaft nicht vorgesehen. Trotzdem sind die Versuche nach Einschätzung des Forschers noch aussagekräftig. Und Kogel kommt zu Ergebnissen, die den Gentechnikern gefallen dürften: "So weit wir sehen, wird das Bodenleben durch das Transgen nicht beeinträchtigt", resümiert er. Auch der pflanzliche Stoffwechsel der Gengerste unterscheide sich nicht von dem der herkömmlichen Sorte. Untersuchungen zu den Erträgen waren allerdings nicht mehr möglich.

Grundsätzlich hält Kogel die Gentechnik sogar für umweltfreundlich. Sie könne den Einsatz eines Giftcocktail von bis zu sieben Insektiziden in der konventionellen Landwirtschaft beträchtlich vermindern, behauptet er.

Daher würde er selbst auch ohne Bedenken zu Genkartoffeln im Supermarkt greifen. Wie die ungewöhnlich groß geratenen Möhren aus dem Gießener Genlabor schmecken, hat allerdings noch niemand getestet. "Das ist doch verboten", erklärt Mitarbeiter Jafargholi Imani.

Autor:  Gesa Coordes
Datum:  11 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Twitter im Landtag
 

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Anzeige

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Frage des Tages: Sollte man härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen?

Frankfurts Fassaden sind voll von Graffiti. Die Verursacher sind meistens nicht festzustellen. Die Polizei will nun härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen. Was halten Sie davon?

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frage des Tages: Welches Thema sollte der neue OB Peter Feldmann zuerst angehen?

Peter Feldmann wird Frankfurts neuer Oberbürgermeister. Welches Thema sollte der Sozialdemokrat in seinem neuen Amt als erstes angehen?

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
Manche Menschen freuen sich über den Klang von Glocken, andere fühlen sich gestört. (Symbolbild)
Fluglärm in Frankfurt 
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 

Anzeige

Staumelder

Staumelder 106 Staus mit einer Gesamtlänge von 515km
Zu den Staumeldungen
Spezial

Auch dieses Jahr dürfte beim Schulwechsel der Sturm auf die Gymnasien ungebrochen anhalten. Doch welche Schulen passen eigentlich zu welchen Kindern? Die FR bietet einen Überblick.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

 

Anzeige

 
Frankfurter Stadtteil-Porträts
Fragt man in Frankfurt die Leute, was denn die Hauptwache sei, bekommt man viele Antworten. Die einen haben einen Platz vor Augen, andere verwechseln die Hauptwache mit der Zeil. Wieder andere gehen davon aus, mit der Verabredung sei das Café Hauptwache gemeint. Oder auch die Standuhr dahinter.
Frankfurter Innenstadt 
..die Villa Meister. Das prachtvolle und heute denkmalgeschützte Gebäude hatte Herbert von Meister,der  Sohn von Carl Friedrich Wilhelm Meister, einem der Begründer der Farbwerke Hoechst, im Jahr 1902 erworben.
Frankfurt-Sindlingen 
        

Schon schön: Ein Blick in     die Grillparzerstraße im Dichterviertel.
Frankfurt-Dornbusch 
Auf den fruchtbaren Äckern im Frankfurter Norden wird immer noch Landwirtschaft betrieben. Und manch ein Erzeuger vermarktet seine Produkte immer noch selbst.
Frankfurt-Nieder-Eschbach 
Weblog

Seit vielen, vielen Jahren ist "kit" Eishockey-Berichterstatter. Im Blog berichtet er über die Löwen Frankfurt - "in your face".