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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

27. November 2010

FR-Interview mit Christoph Matschie: „Wir wollen Bildungsverlierer verhindern“

Thüringens Bildungsminister Christoph Matschie.  Foto: Alex Kraus

Der thüringische Bildungsminister Christoph Matschie spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Vorteile der Gemeinschaftsschule und die Voraussetzungen für die Einführung dieser Schulform.

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zur Person

Christoph Matschie (SPD) ist Bildungsminister und stellvertretender Ministerpräsident in der großen Koalition in Thüringen.
In der Thüringer Gemeinschaftsschule lernen Kinder von Klasse 1 bis 8 zusammen. Danach sind Hauptschulabschluss, Mittlere Reife und Abitur möglich.

Die Frankfurter SPD hatte Matschie zum Gedankenaustausch eingeladen. (pgh)

Beneiden Sie mitunter Ihre hessischen Parteigenossen?

Ich weiß nicht, warum da Neid aufkommen sollte.

Die hessische SPD kämpft ebenso wie die thüringische für eine Gemeinschaftsschule, hat mit der CDU aber einen Gegner, an dem sie sich ordentlich reiben kann. In Thüringen fehlt Ihnen ein solcher Widerpart.

Wir brauchen bei der Frage, wie mehr Gerechtigkeit in der Bildung geschaffen werden kann, nicht die Kontroverse, sondern einen breiten Konsens. Schulentwicklung tut es nicht gut, wenn dort alles alle vier Jahre umgekrempelt wird. Dafür haben wir in Thüringen ideale Bedingungen.

Heißt das, ein solches Großprojekt ist nur in einer großen Koalition zu stemmen?

Man sollte jedenfalls dafür sorgen, dass in der Gesellschaft eine große Akzeptanz vorhanden ist. Wir tun das, indem wir die Möglichkeit, Gemeinschaftsschule zu werden, zwar im Schulgesetz verankern. Wir überlassen es aber dem kommunalen Schulträger vor Ort und der Schulgemeinde selbst, ob sie diesen Weg gehen will. Damit ist auch gesichert, dass die Bedingungen gut sind und Engagement in der Lehrerschaft vorhanden ist.

Wie viele Schulen gehen diesen Weg?

Das Schulgesetz wird erst im Dezember verabschiedet, aber dennoch sind bereits neun Schulen als Pilotschulen gestartet.

Wie sieht die Thüringer Schullandschaft im Jahr 2020 aus?

Ich hoffe, dass dann möglichst viele Schulen zu Gemeinschaftsschulen geworden sind. Es ist ein guter Weg für die Schule und die Schüler.

Hat Ihr Koalitionspartner CDU keine Angst ums Gymnasium?

Natürlich gibt es solche Diskussionen. Aber wir stellen es den Schulgemeinden ja frei, wie sie sich entwickeln wollen. Wir schaffen kein einziges Gymnasium ab, das nicht von selbst zur Gemeinschaftsschule werden will. Sicher haben wir in Thüringen gegenüber unseren Nachbarn in Hessen den Vorteil, dass man früher, noch zu DDR-Zeiten, schon einmal eine Art von Gemeinschaftsschule hatte, das Modell also vielen heutigen Eltern bekannt ist. Und zudem haben wir weitgehend alle Haupt- und Realschulen bereits zu einer sogenannten Regelschule zusammengelegt, auch da findet integrierter Unterricht schon statt.

Warum krempeln Sie in Thüringen denn die Bildungslandschaft um?

Können wir mit dem Bildungssystem, so wie es ist, zufrieden sein? Nein. Zu viele Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss oder mit schlechten Ergebnissen. Zu viele Schüler werden in Förderschulen abgeschoben. In internationalen Leistungsvergleichen stehen wir gerade mal im Mittelfeld. In Deutschland entscheidet die Herkunft sehr stark über den Bildungserfolg. Das macht Aufstieg sehr schwer. Wer einmal unten ist, kann sich kaum noch über das Bildungssystem nach oben arbeiten. Wir brauchen also eine andere Bildungspolitik, müssen im Kindergarten mit der Förderung beginnen und die Kinder dann möglichst lange gemeinsam lernen lassen. Und erst dann entscheiden, welcher Abschluss angestrebt wird. Wir verhindern damit, dass schon früh Bildungsverlierer geschaffen werden.

Warum ist die Thüringer Gemeinschaftsschule immer auch eine Ganztagsschule?

Wenn Sie Schüler mit einem sehr breiten Leistungsspektrum unterrichten, brauchen Sie viel individuelle Förderung. Es ist also wichtig, dass wir auch den Nachmittag dafür einsetzen können, jedem gerecht zu werden. Nur so schaffen wir es, jeden zum Höchstmaß seiner Leistungsmöglichkeiten zu führen. Der Vormittag genügt dafür nicht.

Haben Sie einen Tipp für die hessischen Genossen, wie die Einführung von Gemeinschaftsschule gelingen kann?

Die hessische SPD hat ja sehr ähnliche Ideen vom gemeinsamen Lernen wie wir. Man muss auf jeden Fall die Betroffenen mit auf den Weg nehmen, sonst kann das ganz schnell enden wie in Hamburg, wo eine Landesregierung per Gesetz von oben eine neue Schulform einführen wollte. Dann gab es einen Volksentscheid dagegen und die ganze Schulentwicklung ist hinfällig. Man muss auf ein Wachsen von unten setzen, dafür werbe ich.

Interview: Peter Hanack

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