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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

29. Oktober 2013

Frankfurt, Drogen, Dealer, Arzneimittel: Arznei vom Dealer

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Für viele schwerkranke Menschen ist natürliches Cannabis eine gut verträgliche Möglichkeit, Schmerzen zu indern. In Hessen ist es in kleinen Mengen für den Eigenbedarf erlaubt.  Foto: Reuters

Auf legalem Weg an Cannabis zu gelangen ist möglich, aber teuer. Ingrid Wunn raucht gegen ihre Muskelkrämpfe Cannabis. Sie fordert die Legalisierung der Droge.

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Im Saal saßen mehr als 100 Leute. Vorne am Mikrofon stand Ingrid Wunn und forderte die Legalisierung von Hanf. Gegen Ende ihrer Rede zog sie einen Joint aus der Tasche und hielt ihn in die Luft: Applaus aus den Reihen der jungen Delegierten.

Einige Tage später sitzt Ingrid Wunn im Nachbarschaftsbüro in der Platensiedlung in Frankfurt-Ginnheim und erinnert sich an die Szene. Auf ihren Einsatz beim jüngsten Landesparteitag der Linken ist die 52-Jährige sichtlich stolz. Kann sie auch. Nicht viele Menschen in ihrer Situation sind so agil und so kämpferisch. Die Frankfurterin leidet unter Pseudo-Parkinson – ihre Symptome vergleicht sie mit denen von Multipler Sklerose (MS) und Parkinson. Sie spricht leicht verwaschen, ist stark gehbehindert, leidet unter Muskelkrämpfen.

Muskeln werden geschmeidig

Ihre Medizin bezieht sie nicht aus der Apotheke, sondern von einem Dealer. Denn Cannabis, sagt sie, ist das Einzige, was ihr hilft. Nicht das chemisch hergestellte, sondern die Pflanze, beziehungsweise das daraus gewonnene Harz. Auf den Tag verteilt ein Gramm reichen in der Regel aus. Das entspricht einem Schwarzmarktwert von 10 Euro. Wenn sie Hanf raucht oder in Keksen zu sich nimmt, sagt die studierte Sozialarbeiterin, „werden die Muskeln wieder geschmeidig“. Doch was ihrem Körper guttut, ist illegal. Wenn sie kifft, verstößt sie gegen das Betäubungsmittelgesetz. Deshalb fordert Ingrid Wunn, die für die Linke im Ortsbeirat 9 sitzt, die Legalisierung von Cannabis.

Bei verschiedenen Krankheiten besitzen die in Hanf enthaltenen Cannabinoide therapeutischen Nutzen. Darauf wiesen Vertreter der Deutschen MS-Gesellschaft und des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin im vergangenen Jahr bei einer Anhörung in Berlin hin. Anlass war ein Antrag der Grünen mit dem Ziel, dass Patienten nicht bestraft werden, wenn sie mit ärztlicher Empfehlung Cannabis besitzen, anbauen oder sich verschaffen.

Ein Mann hält getrocknete Cannabisblüten in der Hand.
Ein Mann hält getrocknete Cannabisblüten in der Hand.
 Foto: dpa

Geändert hat die Anhörung nichts. Das liegt vor allem an der fehlenden Kontrollmöglichkeit, sagt Petra Dohrmann vom Referat Betäubungsmittel beim Bundesgesundheitsministerium. Sie warnt davor, Cannabis zu verharmlosen: „Das ist eine hochwirksame Pflanze.“ Auf dem Schwarzmarkt werde oft mindere Qualität verkauft, manchmal auch mit Pestizidrückständen. Und beim Eigenanbau könne der THC-Gehalt sehr variieren. Für die Ansprüche an ein Medikament reiche das nicht aus.

Die Alternative heißt Cannabisblüten aus Holland. Aus staatlich und ökologischem Anbau, kontrolliert und so eingestellt, dass der Wirkstoffgehalt nicht schwankt. Bundesweit besitzen 176 Patienten die Genehmigung, sie zum Zweck der ärztlich begleiteten Selbsttherapie in einer deutschen Apotheke zu erwerben. Der Haken: Weil Medizinalhanf weder ein zugelassenes Arzneimittel noch ein verschreibungsfähiges Betäubungsmittel ist, übernehmen die Krankenkassen die Kosten nicht. Nach Angaben von Stefan Gill, Sprecher der AOK-Hessen, bezahlen die Krankenkassen lediglich Sativex-Spray bei der Indikation Multiple Sklerose. „Das ist geprüft und zugelassen.“ Für von der Apotheke auf der Basis von Dronabinol hergestellte Medikamente hingegen gibt es keine Empfehlung des gemeinsamen Bundesausschusses. Grundsätzlich kann der Cannabis-Inhaltsstoff Dronabinol ärztlich verschrieben werden, teilt das Bundesgesundheitsministerium mit. „Die Kosten können von den Krankenkassen auf der Grundlage einer Einzelfallentscheidung übernommen werden.“

Naturhanf ist sauberer

Doch es gibt Leute wie Ingrid Wunn, die schwören auf Naturhanf. Der Würzburger Günter Weiglein zum Beispiel hat eine Ausnahmengenehmigung für den Erwerb von Medizinalhanf. Zuvor hatte er diverse Medikamente getestet, die er nicht vertrug. Für die zwei Gramm Blüten, die er täglich benötigt, müsste er aus eigener Tasche 900 Euro in der Apotheke bezahlen. Das kann sich der 48-Jährige, der nach einem schweren Motorradunfall unter starken Schmerzen leidet, nicht bezahlen. Auf dem Schwarzmarkt bekommt er mehr für sein Geld, „das Problem ist die Verunreinigung“, sagt er. Deshalb möchte er sein Gras selbst anbauen. Weil er nicht in der Illegalität leben möchte, will er sein Recht gerichtlich einklagen.

„Das in Cannabis enthaltene THC ist exzellent gegen Schmerzen und Verspannungen“, sagt der Wiesbadener Schmerzmediziner Michael Wilk, der Ingrid Wunn behandelt. Anders als Opiate führe Hanf nicht zu Darmträgheit oder Übelkeit. Der synthetisch hergestellte Cannabiswirkstoff Dronabinol eigne sich in der Palliativmedizin als ergänzendes Medikament gegen Übelkeit und Erbrechen und sei effizienter als Psychopharmaka. „Das Problem ist, wenn die Leute es bezahlen müssen.“

Wilk warnt davor, die Wirkung von Cannabis zu unterschätzen. „Die Produkte sind viel stärker als vor 20 Jahren.“ Aus seiner Praxis kenne er Jugendliche, die nach dem Konsum von Cannabis Psychosen entwickelt haben. Deshalb sei die Begleitung durch einen Schmerzspezialisten anzuraten.

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