Der Anfang liegt in der Mitte. Wie eine offene Baustelle gibt er sich preis. Klafft als rechteckiges Loch im Domhügel zwischen Schirn, Technischem Rathaus und Dom. Hier hat Frankfurt angefangen. Mitten im Herzen. Ein wenig ratlos schweift der Blick über das Verwirrspiel an unterschiedlich hohen Mauerresten aus groben Natursteinen. Die niedrigen, gerade 50 Zentimeter hohen, markieren Reste eines römischen Bads, die meterhohen spätmittelalterliche Keller, die ganz hohen eine karolingische Königspfalz, lehrt eine Infotafel. Ein Anhaltspunkt.
Ein Pärchen sitzt auf einem Mauerrest und schleckt Eis. Ob ihnen klar ist, dass sie auf der rekonstruierten Ostwand der karolingischen Königshalle von Ludwig dem Frommen sitzen? Wenige Schritte von ihnen entfernt steht ein Bronzemodell der einstigen gut 100 Meter langen Pfalzanlage aus dem 9. Jahrhundert. Mit zweischiffiger Königshalle, königlichen Wohnräumen und langem Verbindungsbau zur Pfalzkapelle.
Einblicke in das historische Frankfurt im Stadtgeschichte-Blog.
Schritte entlang der Mauerreste zählen Meter ab, vorm inneren Auge wächst die Versammlungshalle mit Verbindungstrakt zum Dom, der als Pfalzkapelle - der Salvatorkirche - begann. Wie haben sie wohl gelebt, die Karolinger samt Gefolge?
Frankfurts Anfang reicht viel weiter zurück. Vor dem Aufgang zur Schirn, zwischen Mittelpfeiler und Südwand der Königshalle, liegt die Rekonstruktion eines runden, römischen Schwitzbades. Worüber haben sie wohl geredet, während sie schwitzend im Kreis gesessen haben, die römischen Wachposten?
Das Grabungsfeld wird Fundgrube. Für Archäologen ist sie das seit den 50er Jahren. Das Trümmerfeld nach dem Zweiten Weltkrieg gab den Boden frei. Weitere Grabungen folgen in den 70ern, ehe U-Bahnbau, Ostzeile und das Technische Rathaus den Boden wieder verschließen. Ein Glücksfall, schwärmt Peter Fasold, Vize-Direktor des archäologischen Museums. "Wir können die Anfänge der Stadt und ihre Entwicklung von der Spätantike bis ins Mittelalter kontinuierlich fassen."
So was gibt es nirgendwo sonst. Auch dass ein kleines Grabungsfeld mitten in der Stadt als archäologischer Garten offen geblieben ist. Ein Schatz, der neugierig macht, eintauchen lässt ins erste Jahrhundert nach Christus, als der Domhügel noch Insel war - zwischen Main, Flussarmen und Sumpfland. Um 75 nach Christus legt der römische Kaiser Vespasian an diesem verkehrsstrategisch günstigen Knotenpunkt einen Militärstützpunkt an. Mit Mannschafts- und Wirtschaftsräumen, Badehaus für etwa 150 Mann. Gut 30 Jahre später lässt Kaiser Trajan den Militärstützpunkt aufgeben, am Domhügel entstehen nun Wohnhäuser, wie Reste einer Villa Rustica am Hühnermarkt belegen. Im späten dritten Jahrhundert ziehen sich die Römer hinter den Rhein zurück, überlassen den Germanen das Feld. Die bauen am Domhügel weiter. "Einzelhöfe aus Holz", sagt Archäologe Fasold. "Mit den Steinbauten der Römer konnten sie nichts anfangen, die Wasserleitungen oder Bodenheizungen nicht restaurieren."
Gleichwohl behielt Rom ein Auge auf das strategisch wichtige Gebiet um Frankfurt, sagt Fasold. Überreste verstorbener Germanen mit römischen Militärgürteln beweisen es. "Frankfurt als Drehkreuz Europas war schon in der Spätantike von Bedeutung."
Und die wächst, bis die Franken von 500 nach Christus an das Zepter übernehmen, der Stadt ihren Namen geben und am Domhügel einen Königshof errichten. Nach Auswertung der früheren Grabungen hat der Bamberger Archäologe Magnus Wintergerst jüngst unter dem Südtrakt des Doms die Fundamente der bis dato unentdeckten, kleinen Marienkirche aus dem 7. Jahrhundert ausgemacht. Daneben ein beheizbares Gebäude, in dessen Resten bei Domgrabungen Anfang der 90er das berühmte Grab eines Mädchens aus adeligem Hause ans Tageslicht kam.
In dieser Marienkirche beruft Karl der Große Ostern 794 eine Reichsversammlung ein. Frankfurt wird erstmals auch urkundlich erwähnt - und Kaiserstadt. Karls Sohn, Ludwig der Fromme, lässt 820 die Königshalle am Domhügel bauen. Zweigeschossig, in neuer Bauweise, vergleichbar mit Bauten in Rom, Köln oder Corvey, was für Fasold belegt, "dass Frankfurt früh in europäische Entwicklungen eingebunden war".
Die kaiserliche Residenz lässt Frankfurt auch als ökonomisches Zentrum gedeihen. Händler und Handwerker siedeln sich an, städtisches Leben entsteht. Frankfurt ist Boomtown - und bleibt es auch unter den Ottonen-Kaisern. Um das Jahr 1000 wird die Bartholomäusreliquie in die Salvatorkirche überführt, die dafür abermals erweitert wird - und fortan Bartholomäus im Namen trägt.
Wachstum und Aufschwung setzen sich fort. Auch wenn die Pfalz Ende des 11. Jahrhunderts unter den Staufern als neuen Herren ihre Bedeutung verliert. Ihre Steine werden zu Häusern und Werkstätten vermauert. Neue Zeit, neue Anfänge.

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