Im Sommer ist Rosemarie Heilig mit dem Eiswagen über die Baustelle gelaufen, jetzt wird den ganzen Tag über heißer Tee gekocht. Bei klirrender Kälte mit zweistelligen Minusgraden haben Arbeiter von Hochtief dicke Isolierungsmatten und die Aluverkleidung ans kathedralenhohe Kesselhaus geschraubt. Zumindest von außen her ist jetzt alles dicht, sagt die Chefin der städtischen Abfallverbrennungsanlage GmbH erleichtert.
Und fast sieht das Müllheizkraftwerk mit den matt-silbernen Verkleidung, dem frischen Gelb mit blauen Fenstern im Verwaltungstrakt und den begrünten Dachterrassen schon so aus, wie das Riesenwerk inmitten Heddernheims und der Nordweststadt bei der Schlüsselübergabe an die Betreiber Mainova und FES am 18. September aussehen soll.
Die Abfallverbrennungsanlage samt Heizkraftwerk wurde 1967 in der neuen Nordweststadt eröffnet. Entstanden ist sie auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei. Sie diente später US-Streitkräften als Abfallgrube. In den 50er Jahren war das Gelände Baugrund für Ungarn-Deutsche, die dort winzige Häuschen ihrer Mondschein-Siedlung errichteten. Rund 300 Millionen Euro investiert die Stadt in die Generalsanierung der Anlage, die FES und Mainova in der Müllheizkraftwerk GmbH als Pächter betreiben werden. In der kommunalen Anlage wird Müll aus Frankfurt und den Umland- gemeinden verbrannt, die Mitglieder der Rhein-Main-Abfall sind. Auf 20 Jahre angelegte Verträge garantieren Müll-Abnahme, -Lieferung und Preise. Nach der Sanierung können in der Nordweststadt jährlich 525 600 Tonnen Abfall verbrannt werden. Die hohen Verbrennungstemperaturen erwärmen Wasser zu Dampf, den Turbinen in Strom und Fernwärme umwandeln.
Sanierung im laufenden Betrieb. Was lapidar klingt, ist eine echte Herausforderung, sagt Rosemarie Heilig. Und ein weitaus größeres Abenteuer als Kakerlaken-Essen im Dschungelcamp. Seit 2003 managt die zierliche Frau die "Sanierung", bei der am Ende vielleicht noch fünf Prozent der alten Substanz übrig geblieben ist. Metamorphose einer alt gewordenen Abfallverbennungsanlage zum modernen Müllheizkraftwerk mit vier komplett neuen Verbrennungsstraßen, neuen Turbinen und Wasserdampfleitungen, die aus dem Heizwert des Abfalls Strom und Fernwärme erzeugen - und nicht zuletzt mit neuer Rauchgasreinigungstechnik auf dem aktuellen Stand der Technik. Möglichst umwelt- , lärm- und damit sozialverträglich soll die neue Anlage sein, die da seit anno 1968 mitten im Wohngebiet steht.
Ein ehrgeiziges Projekt und nervenaufreibend dazu, sagt Heilig. Allein bis die ersten beiden neuen Verbrennungsstraßen liefen. Zig Rückschläge, zig Schwierigkeiten, tägliche Improvisationen. Acht Monate Bauverzögerung sind nicht mehr aufzuholen. Aber jetzt laufen die neuen Linien - und die Abbrucharbeiten der alten Verbrennungsöfen drei und vier auf Hochtouren.
Lärmschutzwände entlang der Dillenburger Straße
Draußen auf der neuen Zufahrtsrampe zum Abfallbunker rollen die Müll-Laster aus Frankfurt und der Region wie Perlen auf einer Schnur an. Lärmschutzwände entlang der Dillenburger und der Heddernheimer Landstraße sollen die lärmgestressten Anwohner versöhnen, denen die Baustelle mit Krach und Wohncontainer- Burgen für bis zu 400 Bauarbeiter gleichfalls an den Nerven zerrte. Im Frühjahr, sagt Heilig, werden Ginkgobäume entlang der Lärmschutzwände gepflanzt.
Bisher rollen daran nur Müllfahrzeuge vorbei. Von Ampeln gesteuert, rangieren sie rücklings an die Luken des rundum sanierten Müllbunkers, kippen ihre stinkenden Innereien in den schwimmbadgroßen Schlund. Bis zu 14 Laster werden nebeneinander entladen können, wenn alle vier Verbrennungsöfen laufen, sagt Heilig. Der Müllbunker selbst, vor wenigen Jahren noch ramponierte Betonwanne, die aussah, als hätte Karies riesige Löcher in den Belag gefressen, ist jetzt frisch mit resistentem Tropenholz verkleidet.
Spirtas Jacobus sitzt in seiner zimmergroßen Glaskanzel und lässt einen Kran wie eine Riesenkrake überm Bunker kreisen und wieder und wieder Bissen aus der stinkenden Melange reißen - Nachschub fürs ewige Feuer in den Öfen. Dabei durchmischt er mit sicherem Auge und noch sicherer Hand den Abfallberg. Basis für einen konstant hohen Brennwert, sagt er. Nebenbei schichtet er 30 Meter hohe Müllwände auf, damit Platz für Nachschub bleibt.
"Die Leute hier sind hochqualifiziert und machen einen super Job." Ein Satz, den Rosemarie Heilig nicht oft genug erwähnen kann. Sie sagt ihn auch einige Etagen tiefer, in der nagelneuen Computerzentrale. Via Computer und Großleinwänden halten Techniker von FES und Mainova jede Station des Abfalls im Blick: die Temperatur in den Öfen, die bis zu 1200 Grad beträgt, die Rauchgasverwirbelung im Reaktor, in dem der Rauch der Öfen mit eingespritzter Kalkmilch, Hochofenkoks und Harnstoff gereinigt wird. "Das Zusammenspiel entscheidet, wie umfassend Schadstoffe eliminiert werden." Dioxine und Furane, sagt Heilig, seien kein Thema mehr.
Schwermetalle würden gleichfalls eliminiert, Stickoxide weit unter den geltenden Grenzwert gedrückt. Das Ende der Fahnenstange ist für die Chefin damit nicht erreicht: Die Metallgewinnung aus der Restschlacke werde weiter optimiert, der Energiewert des Abfalls durch konsequentere Mülltrennung erhöht. "Müll als nachwachsender Wertstoff. Die Denke hat sich in den vergangenen Jahren revolutioniert."

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